"Medizinische Versorgung gestalten wir vor Ort"

ams-Interview mit Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes: "Stadt. Land. Gesund."

Foto: Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverband

Martin Litsch

17.12.19 (ams). Das Jahr 2019 hat die AOK insbesondere der Versorgung der ländlichen Regionen Deutschlands gewidmet. Mit ihrer Initiative "Stadt. Land. Gesund." hat sie über 100 Projekte identifiziert, die dazu beitragen, dass notwendige medizinische Angebote vor Ort erhalten bleiben. Sie setzen unterschiedliche Schwerpunkte bei der sektorenübergreifenden Versorgung, den Versorgungs-assistenzen, der Digitalisierung und bei Arztnetzen. Im Februar 2019 haben die elf AOKs zusammen mit dem AOK–Bundesverband die Initiative gestartet.

Martin Litsch, die AOK hat mit der Initiative "Stadt. Land. Gesund." durchaus für Aufsehen gesorgt. Wie fällt Ihre Bilanz nach einem Jahr aus?

Litsch: Einige Reaktionen waren in der Tat zunächst ziemlich schrill. Das ging bis zur Unterstellung, die Initiative sei eine hinterlistige Abwehrstrategie im Streit um den Morbi-RSA. Auch von unseren Wettbewerbern wurde die Initiative sehr schnell fälschlicherweise mit der Reform des GKV-Finanzausgleichs verknüpft. Wenige Tage später jedoch starteten sie selbst damit, ihre eigenen regionalen Versorgungsangebote zu präsentieren. Dabei hat die AOK nie einen Alleinvertretungsanspruch auf regionale Versorgung formuliert. Ich freue mich aber, dass es uns mit "Stadt. Land. Gesund." gelungen ist, dass inzwischen mehr über Fragen der Betreuung, Versorgung und Sicherstellung und nicht allein über Finanzierungsfragen geredet wird. Am Ende haben wir es geschafft, ein Thema zu setzen. Das hat vor allem funktioniert, weil die AOK regional besser als andere Kassen aufgestellt ist. Wir sind ein glaubwürdiger Gesprächspartner für die Politik und die Leistungserbringer.

Aber das Thema lag doch letztlich auf der Straße?

Litsch: Im Nachhinein vielleicht, aber am Anfang stand für uns auch die Frage, ob es dieses Gefühl des „Abgehängtseins“ bei den Menschen in ländlich geprägten Regionen wirklich so gibt, wie es in Medienberichten oft transportiert wird. Die von uns beauftragte Forsa-Umfrage hat dann gezeigt, dass die Bevölkerung auf dem Land sehr wohl Befürchtungen und Erfahrungen hat, in der Gesundheitsversorgung schlechter gestellt zu werden. Gleichzeitig konnten wir aber auch sehen, wie relevant die Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung ist und wie aufgeschlossen die Menschen für innovative Versorgungsformen sind. Sie wollen auch, dass wir als Krankenkasse Verantwortung für eine funktionierende Versorgung übernehmen. Auf Basis dessen haben wir den Dialog mit vielen verschiedenen Akteuren gesucht. Das Feedback aus den AOKs war zum Teil überwältigend. Es haben sich viele Anknüpfungspunkte für Gespräche ergeben, auch mit unseren Mitgliedern und Versicherten.

Zum Beispiel?

Litsch: Ach, das ist immer ein bisschen unfair den Ungenannten gegenüber, drei oder vier Einzelbeispiele zu nennen. Jede AOK leistet hier Beispielhaftes. Beispielweise stand der AOK-Tag in Schleswig-Holstein mit Landesgesundheitsminister Heiner Garg unter dem Motto "Herausforderungen und Perspektiven für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Raum". Und die AOK Baden-Württemberg hat Bürgerdialoge in den Gemeinden veranstaltet. Außerdem haben die AOKs die Forsa-Umfrage noch einmal vertieft. In Niedersachsen fließt die Kampagne in die Arbeit der Enquete-Kommission des Landtags "Sicherstellung Versorgung Ländlicher Raum" ein. Dazu kommt die gesamte Klaviatur der Öffentlichkeitsarbeit mit Plakatkampagnen, Medienberichterstattung und -kooperationen, aber vor allem viele Gespräche mit Politikern, nicht nur mit Gesundheits- und Pflegepolitikern, sondern insbesondere mit Kommunalpolitikern. Und natürlich haben wir aus den Umfragen und Gesprächen gesundheitspolitische Forderungen zu den Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen formuliert und kommuniziert.

Wie war die Resonanz bei der Politik?

Litsch: Sehr gut! Die AOK-Gemeinschaft möchte als relevanter Ansprechpartner für Versorgungslösungen vor Ort wahrgenommen werden. Das haben wir erreicht, auch auf bundespolitischer Ebene. Unsere Expertise ist gefragt. Es gab viele Nachfragen und Gesprächswünsche von Bundestagsabgeordneten, deren Wissenschaftlichen Mitarbeitern sowie der Fachebene aus den Bundesministerien. Dabei spielt natürlich auch eine Rolle, dass jede gute Lösung für die Menschen vor Ort ein gutes Argument mehr gegen jene ist, die mit den Ängsten und Sorgen der Menschen, aber gegen deren eigentliche Interessen Politik machen.

Sie meinen die AfD?

Litsch: Ich meine all jene, die es sich bei der Lösung komplexer Probleme zu leicht machen. Ländliche Räume profitieren nicht allein davon, dass es einen Supermarkt oder eine Bank vor Ort gibt, sondern auch vor allem davon, dass die medizinische und pflegerische Versorgung stimmt. Ich darf an unsere Forsa-Umfrage erinnern. Die Verfügbarkeit von Hausärzten ist den Menschen noch wichtiger als gute Einkaufsmöglichkeiten oder der Zugang zum Internet. Diesen Fakt kann die Politik nicht ignorieren, auch die Regierungskommission "Gleichwertige Lebensverhältnisse" nicht. Und hier stehen die AOKs als regionale Partner mit ihrem täglichen Erfahrungsschatz parat.

Wie geht es 2020 weiter?

Litsch: Am Ball bleiben! Das heißt, die bestehenden Projekte zu vertiefen und zu bewerten, aber auch neue Projekte aufzubauen. Insgesamt wird die Frage höherer Qualität in der Versorgung - auch mithilfe der Digitalisierung - eine wichtige Rolle spielen. Das Terminservice- und Versorgungsgesetz, das ja bereits in Kraft ist, und das Digitale-Versorgung-Gesetz, das demnächst in Kraft treten wird, bieten hier Chancen. Das elektronische Rezept und digitale Gesundheitsanwendungen auf Rezept sind künftig möglich. Die hochwertige medizinische, regional verankerte Versorgung bleibt ein grundsätzliches Ziel.


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