"Oft wissen sie gar nicht, wohin mit den Problemen"

ams-Interview: Drei Fragen an Prof. Dr. Doris Schaeffer, Universität Bielefeld

Foto: Prof. Dr. Doris Schaeffer

Prof. Dr. Doris Schaeffer

05.09.16 (ams). Über die Hälfte der Menschen in Deutschland hat Probleme mit dem Verständnis oder der Verarbeitung gesundheitsrelevanter Informationen. Prof. Dr. Doris Schaeffer nennt im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams) den Befund "besorgniserregend". "Wer nicht über diese Fähigkeiten verfügt, hat es äußerst schwer, sich in unserem komplexen Gesundheitssystem zurechtzufinden", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin der Uni Bielefeld. "Das hat Folgen, die sich letztlich in einem höheren Krankheitsrisiko niederschlagen." Studienleiterin Schaeffer und ihr Team haben mit einem international erprobten Fragebogen über 2.000 Menschen persönlich befragt. Gefördert hat die Studie das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz.

Frau Professor Schaeffer, die Studie zeigt, dass 54 Prozent der Deutschen, also mehr als jeder zweite Deutsche, wenn nicht über eine unzureichende, so doch zumindest über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz verfügt. Was heißt das konkret?

Schaeffer: Diesen Menschen fällt es schwer, mit Gesundheitsinformationen umzugehen und sie im Alltag zu nutzen, um die an sie gestellten Anforderungen bei der Krankheitsbewältigung und der Inanspruchnahme des Gesundheitssystems, aber auch bei der Prävention und der Gesundheitserhaltung zu erfüllen. Sie haben beispielsweise große Schwierigkeiten dabei, unterschiedliche Behandlungsoptionen zu beurteilen, Packungsbeilagen für Arzneimittel zu verstehen und zu bewerten oder zu entscheiden, wann eine ärztliche Zweitmeinung sinnvoll ist. Aber auch die Einschätzung von Gesundheitsinformationen in den Medien stellt sie vor Probleme. Oft wissen sie gar nicht, wohin sie sich mit gesundheitlichen Problemen wenden sollen.

Mit welchen Folgen?

Schaeffer: Menschen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz werden häufiger im Krankenhaus behandelt und nehmen häufiger den ärztlichen Notdienst in Anspruch. Sie selbst nehmen ihren Gesundheitszustand als schlechter wahr und leiden häufiger unter chronischen Krankheiten oder Gesundheitsstörungen. Dabei zeigen sich große soziale Unterschiede. Bestimmte Bevölkerungsgruppen sind besonders oft betroffen, etwa Menschen mit niedrigem Bildungsgrad, insbesondere Jugendliche aus bildungsfernen Familien mit niedrigem sozialem Status. Ähnliches gilt für Menschen mit Migrationshintergrund und auch für ältere Menschen.

Obwohl wir in Deutschland über ein im internationalen Vergleich sehr leistungsfähiges Gesundheitssystem verfügen, hat ein großer Teil der Bevölkerung Schwierigkeiten, dieses System effektiv zu nutzen und sich darin zu bewegen. Wie nachdenklich macht Sie das?

Schaeffer: Das stimmt mich wirklich sehr nachdenklich, zumal in den vergangenen Jahren viel unternommen wurde, um die Gesundheitsinformation der Bevölkerung zu verbessern. Die Studienergebnisse sind Anlass genug, darüber nachzudenken, ob wir dabei immer den richtigen Weg beschritten haben. Denn offenbar erreicht die bereitgestellte Information die Bevölkerung nicht so wie geplant. Also müssen wir neu über die Art, Aufbereitung und Vermittlung von Gesundheitsinformationen nachdenken. Und nicht nur das: Gleichzeitig gilt es, über eine Intensivierung der Gesundheitsbildung nachzudenken, über seriöse Informationsquellen im Internet, mit zielgruppenspezifischen Vermittlungskonzepten, Sensibilisierungs- und Schulungsprogrammen für alle Gesundheitsberufe. Wir brauchen aber auch eine nutzerfreundliche Ausgestaltung unseres Gesundheitssystems und müssen entsprechende Schritte in diese Richtung einleiten. Kurz und gut: Wir benötigen ein ganzes Bündel an Maßnahmen, um Menschen mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz besser erreichen und unterstützen zu können. Aber Einzelmaßnahmen reichen nicht aus; erforderlich ist eine umfassende Strategie, ein Nationaler Aktionsplan zur Förderung der Gesundheitskompetenz.


Zum ams-Thema 03/16