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ams-Stichwort 2: Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz

Foto: Im Mai 2016 vor der Bundespressekonferenz

Im Mai 2016 vor der Bundespressekonferenz
v.l.: Martin Litsch, Prof. Dr. Doris Schaeffer, Hermann Gröhe, Timot Szent-Ivanyi

07.09.16 (ams). Deutschland liegt in Sachen Gesundheitskompetenz nicht nur unter dem europäischen Durchschnitt, es fällt auch deutlich gegenüber vergleichbaren Ländern wie den Niederlanden ab. Dem wollen die Universität Bielefeld, der AOK-Bundesverband und die Hertie-School of Governance mit einem "Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz" entgegenwirken. Der Plan startete im Mai. Schirmherr ist Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe.

Mehr als die Hälfte der Menschen in Deutschland hat erhebliche Mühe, sich in der ständig anwachsenden Fülle an Gesundheitsinformationen zurechtzufinden und Entscheidungen für die eigene Gesundheit zu treffen. Gröhe formulierte vor der Bundespressekonferenz angesichts der Zahlen deutlich den Handlungsbedarf: "Das muss alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen aufrütteln. Der schnelle Zugang zu immer mehr Informationen im Internet ist dabei Chance und Herausforderung zugleich."

Prof. Dr. Doris Schaeffer, Gesundheitswissenschaftlerin der Universität Bielefeld, kündigte an, gemeinsam mit einer Gruppe von anerkannten Experten in den nächsten zwei Jahren eine umfassende und koordinierte Strategie zur Stärkung der Gesundheitskompetenz auszuarbeiten. "Wir brauchen ein abgestimmtes Maßnahmenkonzept, einen Nationalen Aktionsplan, der konkrete Handlungsimpulse setzt und nicht nur das Gesundheitswesen, sondern auch den Bildungssektor und die Forschung erreicht. Wenn Patienten gut informiert sind, können sie bessere Entscheidungen für ihre Gesundheit treffen."

Aktionsplan soll 2017 stehen

Die Initiative der Universität Bielefeld gemeinsam mit der Hertie School of Governance Berlin und dem AOK-Bundesverband folgt internationalen Vorbildern. Der Aktionsplan soll als Basis für die Politik, die Forschung und die Interventionsentwicklung dienen und in den nächsten beiden Jahren gemeinsam mit einer Gruppe anerkannter Expertinnen und Experten erarbeitet werden. Die Robert-Bosch-Stiftung fördert das Projekt. Eine Expertengruppe wird Ende 2017 ein systematisches Maßnahmenkonzept vorlegen, das sich nicht nur auf das Gesundheitswesen konzentriert, sondern beispielsweise auch den Bildungs-, Ausbildungs- und Forschungssektor berührt.

Bis zur Vorlage dieses Aktionsplans wird also etwas Zeit vergehen. Angesichts der Befundlage sieht der AOK-Bundesverband keinen Grund, bis dahin damit zu warten, die Gesundheitsinformation zu verbessern und das Gesundheitssystem verständlicher zu machen. "Wir brauchen im Gesundheitswesen mehr zielgruppengerechte Angebote für bildungsferne Schichten, aber auch für Senioren, Migranten und chronisch kranke Patienten", beschreibt der Vorstandsvorsitzende Martin Litsch den Anspruch der AOK. "Deshalb ist es richtig, dass die Politik in dieser Legislaturperiode etwa die Pflegeversicherung und ihre Beratungsangebote gestärkt hat und die Verhältnisprävention in Kindergärten, Schulen oder Betrieben großschreibt."

Gerade weil es sich hier um zielgruppengerechte, nachhaltige Angebote handelt, investiert die AOK schon seit Jahren in diesen Bereichen. 2014 hat die AOK laut Präventionsbericht vom April 2016 erstmals über drei Millionen Menschen erreicht. Das sind etwa 60 Prozent aller Menschen, die das Präventionsangebot einer gesetzlichen Krankenkasse genutzt haben. Auch finanziell engagiert sich die AOK laut Bericht stärker als andere Krankenkassen. Mit fünf Euro pro Versicherten investierte die Gesundheitskasse rund 25 Prozent mehr als der Durchschnitt der Krankenkassen in die Gesundheitsförderung. Über 85 Prozent aller sogenannten Settingmaßnahmen der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV), beispielsweise in Schulen und Kindergärten, hat eine AOK durchgeführt. "Wir wollen mit unserem Engagement in der Pflegeberatung oder in Kindergärten die Zugangsbarrieren abbauen, denn gesundheitliche Chancengleichheit ist uns ein echtes Anliegen", so Litsch.

"Gröhe: „Alle an einen Tisch!"

Eine der größten Chancen, aber auch Herausforderungen sieht Hermann Gröhe im Internet. "Im Internet lassen sich neueste wissenschaftliche Forschungsergebnisse nicht immer leicht von werblichen Angeboten und interessengeleiteten Empfehlungen unterscheiden." Der Bundesgesundheitsminister fordert "unabhängige, wissenschaftlich belegte und leicht verständliche Gesundheitsinformationen". Entscheidend sei insbesondere das Arzt-Patienten-Gespräch, um Patienten die Diagnose und Behandlung verständlich zu erklären. "Denn je mehr Patientinnen und Patienten über Vorsorge, Krankheitsbilder und Behandlungsmöglichkeiten wissen, desto besser können sie Krankheiten vorbeugen und informierte Entscheidungen treffen, die Therapie und Heilung unterstützen." Dazu will Gröhe alle Verantwortlichen im Gesundheitswesen an einen Tisch holen. "Wir brauchen jetzt eine gemeinsame Kraftanstrengung von Ärzten, Krankenkassen, Apotheken, Pflege-, Verbraucher- und Selbsthilfeverbänden und Behörden, um das Gesundheitswissen in ganz Deutschland zu verbessern."


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