Vergleichsweise eher unterdurchschnittlich

ams-Stichwort 1: Gesundheitskompetenz in Deutschland

07.09.16 (ams). Im europäischen Vergleich tun sich die Menschen in Deutschland deutlich schwerer, Gesundheitsinformationen zu verstehen und für ihre eigenes Leben einzuschätzen. Wissenschaftler bezeichnen das Finden, Verstehen und Umsetzen als "Gesundheitskompetenz". Für die erste repräsentative Studie zur Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland hat die Universität Bielefeld 2.000 Menschen über 15 Jahren vom Forschungsinstitut Ipsos befragen lassen.

Basis war der international erprobte Fragebogen "Health Literacy Questionaire Europe“. "Health Literacy" ist der englische Fachbegriff. Die wörtliche deutsche Übersetzung "gesundheitliche Literalität" kommt ein wenig sperrig daher, weswegen sich mittlerweile auch der Begriff "Gesundheitskompetenz" etabliert hat.

Zwei Ergebnisse der Studie stechen besonders hervor: Zum einen hat offenbar mehr als die Hälfte der deutschen Bevölkerung Schwierigkeiten, gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen und zu verarbeiten. Das gilt vor allem für sogenannte vulnerable Gruppen, also etwa Menschen mit Migrationshintergrund, geringem Bildungsgrad oder hohem Lebensalter. Hier sind die Einschränkungen und Unsicherheiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen besonders ausgeprägt. Auffällig ist zum anderen das schlechte Abschneiden Deutschlands im Vergleich zu anderen europäischen Staaten. In den Niederlanden, Dänemark, Irland oder Polen hat die gleiche Befragung deutlich höhere Kompetenzwerte ergeben. Deutschland schneidet also im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich ab.

Jeder zehnte Deutsche besitzt eine unzureichende Gesundheitskompetenz. Weitere 44 Prozent verfügen über deutliche Einschränkungen. Somit haben 54 Prozent der Deutschen eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz. Zum Vergleich: Im europäischen Schnitt sind es laut European Health Literacy Survey 2012 nur knapp 48 Prozent, in den Niederlanden nicht einmal 29 Prozent, in Irland rund 40 Prozent und in Polen mit knapp 45 Prozent auch deutlich unter 50 Prozent.

Handfeste Auswirkungen auf den Alltag

Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz haben ungleich mehr Schwierigkeiten, eine Krankheit zu bewältigen, als ein Mensch mit hoher Gesundheitskompetenz. Sie haben beispielsweise große Probleme, unterschiedliche Behandlungsoptionen zu beurteilen sowie Packungsbeilagen für Arzneimittel zu verstehen und zu bewerten. Ebenso wenig können sie problemlos entscheiden, wann eine ärztliche Zweitmeinung sinnvoll ist und wann nicht.

Menschen mit eingeschränkter oder unzureichender Gesundheitskompetenz wissen zudem häufig nicht, wohin sie sich mit gesundheitlichen Problemen wenden sollen. Sie werden häufiger im Krankenhaus behandelt und nehmen häufiger den ärztlichen Notdienst in Anspruch. Schließlich fühlen sie sich subjektiv nicht nur häufiger krank, sondern leiden tatsächlich häufiger unter chronischen Krankheiten oder Gesundheitsstörungen.

Engagement auf europäischer Ebene

Das Thema Health Literacy beschäftigt den AOK-Bundesverband schon seit mehreren Jahren. So war die Abteilung Prävention Teil des EU-Projekts IROHLA – "Intervention Research On Health Literacy among Ageing population". Von Dezember 2012 bis Ende 2015 arbeiteten in dem Projekt 22 Partner aus neun verschiedenen EU-Mitgliedstaaten – darunter Belgien, Deutschland, Griechenland, Niederlande und Ungarn – mit dem Ziel zusammen, einen umfassenden Ansatz zur Steigerung der Gesundheitskompetenz in der Generation "50 plus" zu entwickeln. Auf Basis von Best-Practice-Beispielen sollten sektorenübergreifende Interventionen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz bei älteren Menschen ausgewählt und formuliert werden. Daraus wurde ein Leitfaden für Politik und Praxis entwickelt, in dem 20 effektive und innovative Interventionen bestimmt werden, die die Gesundheitskompetenz älterer Menschen verbessern. Darauf aufbauend werden evidenzbasierte Empfehlungen für Politik und Praxis auf nationaler, regionaler und lokaler Ebene für die EU-Mitgliedstaaten erstellt.


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