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Schmerz: Ein wichtiges Warnsignal für den Körper

Was Betroffene tun können

28.07.21 (ams). Es gibt ihn anfallsartig, brennend, dumpf oder bohrend – Schmerz hat viele Gesichter. Wir verbrennen uns die Zunge am heißen Kaffee, stoßen uns den Zeh, verletzen uns beim Sport, verspannen uns nach zu langem Sitzen am Arbeitsplatz. Auch Stress und psychische Belastungen können Schmerzen auslösen. Medizinisch gilt Schmerz als "ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit tatsächlicher oder drohender Gewebsschädigung verknüpft ist". Unterschieden wird zwischen akutem und chronischem Schmerz.

"Schmerz fungiert als Warnsignal für unseren Körper. So verhindert er zum Beispiel, dass wir unsere Hand zu lange auf einer heißen Herdplatte liegen lassen oder einen gebrochenen Fuß belasten. Schmerz kann auch lehrreich sein: Ein heißes Bügeleisen fasst man nicht zweimal an und nach einem schmerzhaften Sonnenbrand cremt man sich künftig vor dem Sonnenbad lieber ein", sagt Dr. Eike Eymers, Ärztin im AOK-Bundesverband. Unempfindlich gegen Schmerz zu sein – genetisch- oder krankheitsbedingt – ist daher nicht unbedingt positiv, da körperliche Schädigungen nicht gleich wahrgenommen werden. Bei Menschen mit Diabetes ist häufiger im Verlauf der Erkrankung die Reizweiterleitung aus den Füssen oder Händen beeinträchtigt. Verletzungen oder Druckstellen zum Beispiel am Fuß werden daher oft erst spät bemerkt.

Was passiert beim Schmerz?

Schmerzen können durch äußere Faktoren wie Verletzungen, Hitze oder Kälte ausgelöst werden, aber auch durch innere – zum Beispiel durch Entzündungen im Körper oder überreizte Nerven. Wenn man sich verletzt oder verbrennt, werden von der betroffenen Körperregion Signale von speziellen Schmerz-Rezeptoren weitergegeben, die sich überall im Körper befinden, sogenannte Nozizeptoren. Diese melden den Schmerz an das Rückenmark, von dort geht es weiter ins Gehirn aber auch zurück an die betroffene Körperregion, an den sogenannten Reflexbogen. Die Rückkopplung über den Reflexbogen führt dazu, dass man die Hand reflexartig von der heißen Herdplatte nimmt. Im Gehirn kommt es erst zur Schmerzwahrnehmung und -verarbeitung. Wir bewerten die Schmerzen und können daraus lernen. Manchmal werden die Schmerzen durch Hemmstoffe des eigenen Körpers vorübergehend auch unterdrückt. So spürt man sie erst dann, wenn der Körper zur Ruhe gekommen ist oder eine akute Bedrohung – zum Beispiel ein Unfall – vorüber ist.


Sendefertiger Radio-O-Ton von Dr. Eike Eymers, Ärztin im AOK-Bundesverband

Auf Schmerzen reagieren

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Schmerz kann auch chronisch werden

Ist der Schmerz dauerhaft und hält sehr lange an, besteht die Gefahr, dass er chronisch wird. "Es ist deshalb sehr wichtig, dass akute Schmerzen richtig behandelt werden, damit sie sich nicht in Verlauf verfestigen im sogenannten Schmerzgedächtnis", sagt Medizinerin Eymers. Dazu gehört ein gutes Medikamenten-Management, denn zu viele Schmerzmedikamente können auch schaden. Ein Beispiel dafür ist der 'Kopfschmerzmittel-induzierte Kopfschmerz': Ein dumpfer Dauerkopfschmerz, der den ganzen Tag über anhält und stärker wird, wenn man sich körperlich anstrengt. Als chronisch bezeichnet man Schmerzen, wenn sie seit mindestens sechs Monaten bestehen oder – wie bei der Migräne – immer wiederkommen. Chronifizierte Schmerzen haben keine Warnwirkung mehr und gelten als eigenständige Krankheit. Nach Angaben des Berufsverbandes Deutscher Internisten e.V. leiden etwa zehn bis zwölf Millionen Menschen in Deutschland unter chronischen Schmerzen wie Kopf-, Rücken-, Muskel- und Gelenkschmerzen oder Nervenschmerzen. Beim Schmerzempfinden spielt die persönliche seelische Verfassung eine große Rolle: Wer traurig oder deprimiert ist, empfindet Schmerz oft stärker. Auch das familiäre Umfeld oder die Situation am Arbeitsplatz sind von Bedeutung. Gleichzeitig können chronische Schmerzen im Gegenzug die seelische Verfassung negativ beeinflussen. Durch eine optimale Behandlung können Betroffene in der Lage sein, den Schmerz nicht mehr als den bestimmenden Faktor des Lebens wahrzunehmen.

Gesunder Lebensstil wichtig

Häufig sind Schmerzen auch durch den Lebensstil beeinflusst: Viele Menschen sitzen zu viel und neigen daher zu Verspannungen, die wiederum Kopf- oder Rückenschmerzen auslösen. Hier bietet sich zum Beispiel an, regelmäßige Übungen zur Muskellockerung in den Arbeitsalltag einzubauen. Ausgleichende Freizeitaktivitäten, viel Bewegung oder Sport können eine Wohltat für Körper und Seele sein. Wichtig ist zudem ausreichender Schlaf, um dem Körper genug Möglichkeit zur Regeneration zu geben. Hilfreich sind auch Entspannungstechniken wie Meditation, Yoga oder Muskelentspannungsübungen.

Schonverhalten besser vermeiden

Ist der Schmerz chronisch geworden, sollten Betroffene möglichst kein Schon- oder Vermeidungsverhalten entwickeln. So schwer das klingt: Es ist wichtig, trotz der Schmerzen aktiv zu bleiben, sich zu bewegen, mit Freunden zu treffen, auszugehen. Das ist nicht einfach: Oft ziehen sie sich zurück, fühlen sich schwach und steigern sich immer mehr in negative Gefühle hinein. Daher kann auch das Gespräch mit anderen Betroffenen unterstützen, zum Beispiel in Selbsthilfegruppen.

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Zum ams-Ratgeber 07/21