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Empathie als Kompetenz: Mitfühlen will gelernt sein

Eine Fähigkeit, die sich trainieren lässt

Illustration zweier Köpfe, die mit Fäden verbunden sind.

28.06.21 (ams). Ärger mit der Kollegin? Warum hat sie sich so verhalten? Was geht gerade in meinem Partner vor? Wie fühlen sich die Mitarbeitenden im Team? Warum weint das Kind? Ohne Empathie können wir andere Menschen nicht verstehen und kein erfülltes Leben führen. Im Job gehört Empathie zu den Softskills, den sogenannten weichen Fähigkeiten, die neben den Fachkompetenzen für eine Karriere förderlich sind - nicht nur in helfenden Berufen. Empathie ist zwar kein Fach in Schule und Ausbildung, doch wir können die Fähigkeit trainieren, auch noch als Erwachsene.

Ein Forschungsversuch: Einem Menschen werden leichte Stromstöße zugefügt, eine andere Person schaut zu. Die Forschenden haben nachgewiesen, dass die oder der Zuschauende in der Regel mitleidet - so, als wäre sie oder er selbst betroffen. Das ist messbar im Gehirn. Die Fähigkeit, mitzuleiden, mitzufühlen, sich in den anderen hineinzuversetzen, wird auch Empathie genannt. Sie gehört zur Grundausstattung des Menschen. Auch in einen Raum hineinzukommen und die Stimmung in der Gruppe zu erfassen, das gelingt nur einem empathischen Menschen, der über ausreichend Sensibilität und Feingefühl verfügt.


Radio-O-Töne von Birgit Lesch, Diplom-Psychologin bei der AOK

Auch beruflich ist Einfühlungsvermögen wichtig

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Frauen sind laut Studien empathischer

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Schon Kleinkinder möchten trösten

Bereits einjährige Kinder möchten trösten, wenn zum Beispiel ein Baby weint oder die Mama Schmerzen hat. Wir alle brauchen Empathie. "Denn Empathie ist die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander", sagt Birgit Lesch, Diplom-Psychologin bei der AOK. "Ohne Empathie wären Beziehungen, Teamarbeit und gute Gespräche nicht möglich."

Selbst Tiere sind fähig zur Empathie

Doch nicht nur Kleinkinder können schon mitfühlen, selbst Tiere sind fähig zur Empathie. So kommen beispielsweise auch Schimpansen ganz aufgeregt angelaufen, wenn die Bezugsperson weint, und versuchen Trost zu spenden. "Sich mit anderen zu verbinden, das sorgt für Überlebensvorteile", sagt Psychologin Lesch. Das galt nicht nur für unsere Vorfahren. Empathie ist die Basis für Erfüllung im Leben und Erfolg im Beruf. Lesch: "Nur mit einer gewissen Portion Einfühlungsvermögen können wir Beziehungen aufbauen, eine Partnerschaft eingehen und andere Menschen lieben und verstehen."

Das empathische Geschlecht

Frauen werden in der Regel mehr Fähigkeiten zur Empathie zugeschrieben als Männern. Tatsächlich zeigt sich in wissenschaftlichen Fragebögen, dass sie eher als Männer einem Satz zustimmen wie "Ich kümmere mich gern um andere." Im Vergleich zu Männern sind beim weiblichen Geschlecht mehr Hirnregionen aktiv, die an empathischen Prozessen beteiligt sind, wenn ihnen mitleiderregende Fotografien vorgelegt werden.

Empathie erzeugt Sympathie

Jemand, der sich empathisch zeigt, gewinnt viele Sympathien. Wer möchte schon im Job mit jemandem zu tun haben, der verantwortungslos handelt, andere manipuliert und mobbt, sich rücksichtslos verhält, ohne Angst oder Reue zu verspüren? So nämlich verhalten sich Psychopathen, denen aufgrund einer Persönlichkeitsstörung das Einfühlungsvermögen fehlt. "Empathie im Beruf ist förderlich für gute Teamarbeit und erleichtert die Kooperation mit Geschäftspartnern", sagt Psychologin Lesch. Für Führungskräfte ist es wichtig, nicht nur für Respekt, sondern auch für eine verständnisvolle Atmosphäre zu sorgen. "Empathische Führungskräfte können ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wesentlich besser motivieren", so die AOK-Expertin weiter.  "Sich in den anderen hineinzuversetzen, die Perspektive zu wechseln ist auch die Voraussetzung, um Konflikte im Beruf oder Privatleben zu lösen oder sogar zu vermeiden."

Tipps fürs Empathie-Training

  • Selbstwahrnehmung schulen: Hilfreich dafür kann sein, sich hinzusetzen, bewusst zu atmen und dabei in sich hineinzuspüren.
  • Kontakt zu anderen Menschen pflegen: Zum Beispiel ein Gespräch mit dem Kollegen in der Mittagspause beginnen und aufmerksam zuhören. Der Neugier Raum lassen: Was ist das für ein Mensch, der mir gegenübersitzt? Wie geht es ihm gerade?
  • Sich Zeit nehmen und Stress reduzieren: Unter Zeitdruck und Anspannung fällt es schwer, Mitgefühl für andere aufzubringen.

Trainieren mit Meditieren

Empathie ist eine große Kunst. Die Fähigkeit dazu ist Menschen zwar in die Wiege gelegt worden, doch sie kann im Laufe des Lebens wachsen. Das beginnt mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen, die diese natürliche Anlage des Menschen fördern, indem sie einfühlsam und verständnisvoll mit dem Kind umgehen. Der aufmerksame Kontakt mit vielen weiteren Menschen im Leben lässt die Empathie aufblühen. Dass sie sich sogar trainieren lässt wie einen Muskel, hat die Hirnforschung bewiesen. Basis der Untersuchungen verschiedener Neurowissenschaftlerinnen und Neurowissenschaftler ist die Meditation. Meditation kann zum einen die Selbstwahrnehmung fördern - eine Voraussetzung, um die Gefühle anderer wahrzunehmen. Zudem sind viele meditative Übungen darauf ausgelegt, das Herz zu öffnen und das Mitgefühl für andere zu steigern.

In neurowissenschaftlichen Studien zeigte sich, dass sich damit nicht nur die Empathie verstärkt, sondern auch einem Zuviel an Mitleiden bis hin zum sogenannten empathiebedingten Burnout vorgebeugt werden kann.

"Empathie kann belasten, wenn wir nicht mehr gut trennen können zwischen den Gefühlen des anderen und den eigenen. Die nötige Distanz ist dann verloren gegangen" sagt AOK-Expertin Lesch. Wenn etwa eine Pflegeperson das Schicksal eines jeden schwerkranken Patienten zu sehr an sich heranlässt, überwiegen negative Gefühle. Das verursacht Stress bis hin zum Burnout. Kann die Pflegende jedoch in einem zweiten Schritt die Empathie verbinden mit positiven Gefühlen wie Fürsorge, Wärme, Dankbarkeit und einer akzeptierenden Haltung, ist es möglich, eine emotionale Erschöpfung abzuwenden.

Aktives Zuhören

Ein weiteres Empathie-Training ist das aktive Zuhören. Aktives Zuhören gilt als Kern der Kommunikation, im Berufs- wie im Privatleben. „Aktiv bedeutet in diesem Zusammenhang, dass die Zuhörerin, der Zuhörer mit einer möglichst offenen und wohlwollenden Haltung dem Gegenüber begegnet“, erklärt Psychologin Lesch. Wichtig ist dabei, die eigene Meinung erst einmal zurückzunehmen, stattdessen nachzufragen, in dem Wunsch, den anderen wirklich zu verstehen. Ist man sehr geübt, lässt sich das Mitgefühl auch auf Menschen ausweiten, die man nicht kennt. "Doch über all das Engagement für andere sollten wir nicht vergessen, auch uns selbst gegenüber Empathie entgegenzubringen", sagt Lesch und fügt hinzu: "Häufig verurteilen wir uns wegen vermeintlicher Fehler, statt nachsichtig mit uns selbst zu sein."

Weitere Informationen der AOK:

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