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Kein Rezept - kein Risiko?

Selbstmedikation: Grenzen der Behandlung auf eigene Faust

26.03.20 (ams). Bei Alltagsbeschwerden ist es oft nicht nötig, sofort eine Arztpraxis aufzusuchen. Ein nicht verschreibungspflichtiges Medikament aus der Apotheke kann manchmal schnell Abhilfe schaffen. Doch frei verkäuflich ist nicht immer gleichbedeutend mit harmlos. Welche Neben- und Wechselwirkungen bei einer Selbstmedikation auftreten können und wann Sie besser zum Arzt gehen, erklärt Tobias Lindner, Apotheker im AOK-Bundesverband.

Ein klassischer Schnupfen, Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen, Regel- oder Rückenschmerzen: Gegen viele leichtere Symptome helfen oft Hausmittel oder rezeptfreie Medikamente aus der Apotheke. Immer mehr Menschen kaufen Arzneimittel, die eine Ärztin oder ein Arzt nicht verschreiben muss. Inzwischen ist laut Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller e.V. (BAH) fast jedes zweite Medikament, das die Apothekerin oder der Apotheker abgibt, ein rezeptfreies Mittel. Am häufigsten greifen die Menschen nach diesen Produkten, wenn sie erkältet sind oder Schmerzen haben.

"Rezeptfreie Arzneimittel haben zwar in der Regel weniger und schwächere Nebenwirkungen, dennoch hat die Selbstmedikation ihre Grenzen", sagt Lindner. Allgemein gilt: Patientinnen und Patienten sollten dann eine Ärztin oder einen Arzt, wenn die Beschwerden länger andauern, stärker werden oder sich verändern. "Auch bis dahin nie aufgetretene Symptome, hohes Fieber oder starke Schmerzen sind ein Alarmzeichen", so Apotheker Tobias Lindner.


Sendefertige Radio-O-Töne mit Tobias Lindner, Apotheker im AOK-Bundesverband

Darauf müssen Patienten grundsätzlich bei der Selbstmedikation beachten

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Selbstmedikation bei COVID-19

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Vorsicht Wechselwirkungen

Dass eine Selbstmedikation nicht immer harmlos ist, zeigt zum Beispiel eine Studie der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V.: Bei fast jeder fünften Abgabe eines rezeptfreien Medikaments tauchten arzneimittelbezogene Probleme auf. Die Behandlung auf eigene Faust kann schiefgehen, wenn Betroffene an chronischen Erkrankungen leiden, zum Beispiel an Bluthochdruck, an einer Herz-, Nieren-, Lebererkrankung, an Asthma oder Diabetes. "Die Selbstmedikation sollten chronisch kranke Menschen immer mit ihrer Ärztin oder ihrem Arzt absprechen, denn die Gefahr von Wechselwirkungen mit den verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ist groß", erläutert Lindner. So steigt zum Beispiel das Risiko von Unterzuckerungen bei Diabetikerinnen und Diabetikern, wenn das beliebte Schmerzmittel ASS (Acetylsalicylsäure) gleichzeitig mit Medikamenten zur Diabetesbehandlung (beispielsweise Insulin) eingenommen wird.

Bei Selbstmedikation beachten

  • Selbstbehandlung auf ein paar Tage beschränken. Sonst können Krankheiten verschleppt werden und vermehrt Nebenwirkungen auftreten.
  • Vorsicht Suchtpotenzial:  vor allem bei Schmerzmitteln, aber auch beim Hustenstiller Dextromethorphan, darmreizenden Abführmitteln oder Nasentropfen und -sprays.
  • Monopräparate bevorzugen: Je mehr Arzneistoffe ein Medikament enthält, desto höher sind die Risiken. Besser jedes Symptom einzeln behandeln.
  • Beipackzettel lesen und Dosierungsempfehlungen beachten.
  • Bei Alarmzeichen Ärztin/Arzt aufsuchen. Auch bei Begleiterkrankungen, Schwangerschaft und kleinen Kindern die eine Ärztin/einen Arzt zurate ziehen.
  • Verschreibungspflichtige Medikamente sind für eine Selbstmedikation tabu.

Alkohol im Hustensaft

Auch pflanzliche Präparate sind nicht immer ungefährlich. Viele pflanzliche Hustentropfen und -säfte beispielsweise enthalten Alkohol - darauf sollten Menschen mit einer Lebererkrankung, einer Epilepsie oder Alkoholabhängigkeit achten. Alkohol kann zudem die Wirkung von einigen Bluthochdruckmitteln verstärken. Vorsicht ist auch angesagt, wenn Frauen schwanger sind oder stillen. Das Baby könnte über die Nabelschnur oder die Muttermilch etwas von dem Wirkstoff "abbekommen". Auch bei der Selbstmedikation kleiner Kinder ist es besser, eine Kinderärztin/einen Kinderarzt zurate zu ziehen: Der kindliche Organismus reagiert empfindlicher auf Medikamente und nicht jedes Erwachsenen-Medikament ist für die Kleinen geeignet.


Schmerzmittel gefährlich

Besonders Schmerzmittel können gefährliche Folgen haben. Bekannte, auch rezeptfrei erhältliche Substanzen wie ASS, Ibuprofen, Diclofenac, Naproxen oder Paracetamol sind zwar in der Regel gut verträglich und lindern leichte bis mittlere Schmerzen zuverlässig. "Doch werden die Präparate über längere Zeit oder hoch dosiert eingenommen, können sie Nieren, Magen, Darm oder Leber schädigen", warnt AOK-Experte Lindner. Auch das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann sich erhöhen. Zudem hat ASS besonders ausgeprägte Auswirkungen auf die Blutgerinnung: Blutungen bei einer eventuell erforderlichen Zahnbehandlung im Falle von Zahnschmerzen oder bei anderen Eingriffen können sich verstärken. Das gilt auch für die Regelblutung. Damit nicht genug: Paradoxerweise können Schmerzmittel gegen Kopfschmerzen bei längerem Gebrauch wiederum zu Kopfschmerzen führen - denn sie können abhängig machen. Lindner: "Wegen all dieser Gefahren gilt, dass Schmerzmittel nicht länger als vier Tage hintereinander und höchstens an zehn Tagen im Monat eingenommen werden sollten."

Selbstmedikation bei COVID-19

Haben bestimmte Arzneien Einfluss auf eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus? Darf ich derzeit auch weiterhin fiebersenkende Medikamente nehmen? Und wenn ja, welche? Die Verunsicherung zahlreicher Menschen angesichts der Corona-Pandemie führt schnell zu Gerüchten und Falschmeldungen, oft auch in sozialen Medien. "Solche Hinweise sind in der Regel nicht wissenschaftlich belegt“, sagt Apotheker Tobias Lindner. Seriöse Informationen gibt es beispielsweise beim Robert Koch-Institut oder auf den Seiten des Bundesgesundheitsministeriums.  "Ohne Rücksprache mit dem Arzt oder Apotheker", so Lindner weiter, "sollten in der derzeitigen Situation auch freiverkäufliche Medikamente nicht einfach eingenommen werden." Doch auch das eigenmächtige Absetzen von verordneten Arzneimitteln kann zu gesundheitlichen Problemen führen. Wer sich wegen eines Medikaments Sorgen macht, sollte sich beim Arzt oder Apotheker Rat holen.

Erkältungen: "Nasentropfen-Nase" vermeiden

Gerade bei Husten, Schnupfen, Heiserkeit greifen die Deutschen oft zu rezeptfreien Präparaten. Kaum zu glauben, aber viele Nasensprays und -tropfen, die die Nasenschleimhaut abschwellen lassen und die Atemwege wieder frei machen, können zu einer körperlichen Abhängigkeit führen. Länger als eine Woche angewendet, kann ein Nasenspray einen medikamentenbedingten Schnupfen auslösen, der immer mehr Nasenspray erfordert. Die Nasenschleimhaut trocknet aus und wird wiederum anfälliger für Viren und Bakterien. Um diese "Nasentropfen-Nase" zu vermeiden, sollten abschwellende Nasensprays und -tropfen maximal fünf bis sieben Tage hintereinander gebraucht werden. Bei Erkältungen ist ein Arztbesuch dann angesagt, wenn Fieber über 39 Grad auftritt, bei eitrigem oder blutigem Auswurf, bei mühsamer Atmung sowie bei rasselnden oder pfeifenden Geräuschen beim Atmen.

Auf Nummer sicher

Bei den geringsten Beschwerden gleich zu einem Medikament greifen sollte besser nicht zur Gewohnheit werden. Stattdessen gilt es, den Ursachen auf den Grund zu gehen. So stecken hinter Kopf- oder Rückenschmerzen oft Anspannung, Stress oder Fehlhaltungen. Eine Arbeitspause, ein Spaziergang an der frischen Luft, Rücken- oder Entspannungsübungen können oft Abhilfe schaffen. Bei Erkältungen ist meist Ruhe das Wichtigste. Mal zu Hause bleiben und sich ins Bett legen kann Wunder bewirken. Wenn Patientinnen und Patienten sich mit einem Arzneimittel selbst behandeln, sollten sie auf Nummer sicher gehen. "Das heißt, den Beipackzettel genau studieren und sich bei Unsicherheiten in der Apotheke beraten lassen", rät Lindner. Sicherste Anlaufstelle ist und bleibt die Hausarztpraxis. Die Ärztin beziehungsweise der Arzt kann ein sogenanntes "grünes Rezept" ausstellen. Das ist zwar keine Verordnung, deren Kosten die Krankenkassen tragen, aber eine ärztliche Empfehlung.

Selten schwere Zwischenfälle

Erfreulich ist, dass es bei einer Behandlung auf eigene Faust selten zu schweren Zwischenfällen kommt, wie eine Studie der Unikliniken Rostock, Greifswald, Jena und Weimar nahelegt. Von den fast 7.000 Patientinnen und Patienten, die wegen Neben- und Wechselwirkungen von Arzneimitteln auf einer internistischen Abteilung behandelt wurden, ging ein Großteil der Beschwerden auf verschreibungspflichtige Mittel zurück. Nur 266 von ihnen, das sind vier Prozent, hatten eigenständig zu einem Medikament gegriffen.


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