Mehr als eine Gefühlsregung: Warum Tränen wichtig sind

Schutz, Reflex und Emotion

29.04.19 (ams). In Tränen aufgelöst, zu Tränen gerührt sein, Tränen lachen - schon unsere Sprache zeigt, wie vielfältig die Bedeutung des „Augenwassers“ ist. Tränen versorgen unser Auge mit ausreichend Flüssigkeit, schützen es vor äußeren Reizen wie Wind, Staub oder Rauch und sie fließen, wenn große Gefühle im Spiel sind. Tränen bestehen aus Proteinen, Salz, Traubenzucker, Wasser und antibakteriellen Stoffen wie zum Beispiel Lysozym, die unsere Augen vor Infektionen schützen. Produziert werden sie in drei Tränendrüsen, die sich oberhalb der äußeren Augenwinkel befinden und permanent Tränenflüssigkeit absondern. Durch Lidschläge wird die Flüssigkeit verteilt und fließt dann über den Tränenkanal in die Nasenhöhle ab. Zwischen Augapfel und Lid befindet sich der Tränenfilm. Er dient sozusagen als Schmierstoff und ist aus drei Schichten aufgebaut. "Es gibt unterschiedliche Auslöser, um die Tränendrüsen anzuregen, Tränenflüssigkeit zu produzieren. Da sind die Basaltränen, die man bei jedem Blinzeln über die Hornhaut spült. Sie bilden einen Feuchtigkeitsfilm, der die Bindehaut des Auges mit Nährstoffen versorgt und vor Austrocknung und Infektionen schützt. Die Reflextränen kommen, wenn das Auge gereizt wird, zum Beispiel durch scharfen Wind, Rauch oder beim Zwiebelschälen. Die dritte Art sind Tränen, die durch starke Gefühle wie Wut, Trauer oder Freude entstehen", sagt Thomas Ebel, Arzt im AOK-Bundesverband.


Sendefertige Radio-O-Töne mit Thomas Ebel, Arzt im AOK-Bundesverband

Welche Arten von Tränen gibt es

Download MP3

Warum Frauen öfter weinen als Männer

Download MP3

Frauen weinen bis zu 64-mal im Jahr

Während die Schutzfunktion biologisch einfach erklärbar ist, haben die Forscher noch keine eindeutigen Ursachen für emotionale Tränen gefunden. Fest steht laut Deutscher Ophthalmologischer Gesellschaft (DOG), der Fachgesellschaft für Augenheilkunde, nur, dass Frauen bis zu 64-mal im Jahr weinen, Männer dagegen höchstens 17-mal. Übrigens nicht von klein auf. Dieser Unterschied bildet sich erst mit den Jahren heraus. Bis ungefähr zum 13. Lebensjahr weinen Mädchen und Jungen etwa gleich häufig. Dann überholen die Frauen die Männer: Frauen weinen aber nicht nur häufiger, sondern auch länger. Sie lassen im Schnitt sechs Minuten lang die Tränen kullern, bei Männern sind es zwei bis vier Minuten. Bei zwei Dritteln der Frauen geht das Weinen dann in Schluchzen über, bei den Männern sind es nur sechs Prozent. Vermutet werden verschiedene Gründe für die geschlechterunterschiedliche Tränenproduktion. Ein wichtiger Punkt ist sicherlich die unterschiedliche Sozialisation der Geschlechter: Jungen bekommen von klein auf gesagt, dass sie sich zusammenreißen und nicht heulen sollen. Aber auch andere Gründe sind möglich: So wird angenommen, dass der Botenstoff Prolaktin, der bei Mädchen in der Pubertät verstärkt produziert wird, die Hemmschwelle zum Weinen senkt. Außerdem gibt es anatomische Gründe. Der Tränenkanal ist bei Frauen kleiner als bei Männern. Das heißt: Männer nehmen die Tränenflüssigkeit erst mal auf und leiten sie dann über die Nasenhöhle ab. Bei Frauen kullern sie viel leichter über den Lidrand und über die Wangen.

Gründe, warum jemand in Tränen ausbricht

Unterschiedlich sind auch die Gründe, warum jemand in Tränen ausbricht: Frauen weinen eher, wenn sie nicht weiterwissen oder sich unzulänglich fühlen. Manchmal auch, wenn sie sich an frühere Erlebnisse erinnern. Männer drücken dagegen eher aus Mitgefühl oder wenn die eigene Beziehung gescheitert ist auf die Tränendrüsen. Zwar lassen sich Tränen auch manipulativ einsetzen und angeblich machen Frauen von diesem Mittel eher Gebrauch als Männer. Doch Beweise für diese These fehlen bislang. Über die Wirkung des Weinens gibt es verschiedene Annahmen - zum Beispiel, dass es reinigend sei und guttue, sich mal richtig auszuheulen. "Studien zeigen jedoch, dass es den Menschen nach dem Weinen nicht besser geht. Es ist auch nicht körperlich entspannend", so Ebel. Dafür ist es jedoch ein deutliches kommunikatives Signal, das häufig Empathie und Mitleid bei anderen weckt.


Weitere Informationen:
Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft (DOG)


Zum ams-Ratgeber 04/19