"Vielen Pflegenden tut es gut, offen sprechen zu können"

Interview mit Gabriele Tammen-Parr von "Pflege in Not"

Foto: Gabriele Tammen-Parr ,

Gabriele Tammen-Parr

22.03.17 (ams). Die Frau, die ihre Mutter anschreit und auf den Arm schlägt, weil die ihren mühsam zubereiteten Festtagsbraten nicht essen will; der Mann, der seine demenzkranke Ehefrau demütigt, weil die verhindert, dass endlich mal wieder jemand zu Besuch kommt. Das sind nur zwei Beispiele für Konflikte in der Pflege, mit denen sich pflegende Angehörige an die Berliner "Beratungs- und Beschwerdestelle bei Konflikt und Gewalt in der Pflege älterer Menschen", kurz "Pflege in Not", gewandt haben. Wie die derzeit fünf Mitarbeiterinnen der Beratungsstelle Pflegenden helfen können, erläutert Gabriele Tammen-Parr, Gründerin und Leiterin von „Pflege in Not“, im Gespräch mit dem AOK-Medienservice (ams).

Sie führen im Schnitt 150 bis 180 Gespräche im Monat. Wer ruft bei "Pflege in Not" an?

Gabriele Tammen-Parr: In erster Linie suchen pflegende Angehörige das Gespräch, von denen viele verzweifelt sind. Die zweitgrößte Gruppe sind Angehörige von Heimbewohnern, die sich oft melden, weil sie mit der pflegerischen Versorgung im Heim nicht zufrieden sind. Aber auch Pflegekräfte und andere Vertreter aus Einrichtungen bitten um Beratung.

Mit welchen Anliegen wenden sich Pflegende an die Beratungsstelle?

Gabriele Tammen-Parr: Pflegende Angehörige rufen an, wenn sie dem Pflegebedürftigen gegenüber aggressiv geworden sind, wenn sie ihn oder sie beispielsweise beleidigt haben oder wenn sie handgreiflich geworden sind, wofür sich die meisten sehr schämen. Sie melden sich auch, wenn sie sich überfordert fühlen. Dazu muss man wissen, dass es wirklich beachtlich ist, was viele pflegende Angehörige über Jahre hinweg täglich leisten. Etwa 2,08 Millionen der derzeit mehr als 2,8 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland werden zu Hause gepflegt, fast 1,4 Millionen von ihnen ausschließlich von Angehörigen. Zu 80 Prozent leisten noch immer Frauen die belastende Pflegearbeit, also häufig die Ehefrauen, Töchter oder Schwiegertöchter. Pflege zu Hause findet hinter verschlossenen Türen statt. Dort spielen sich die großen Dramen ab.

Was sind häufige Ursachen für Konflikte in der häuslichen Pflege?

Gabriele Tammen-Parr: Dahinter kann eine Reihe von Ursachen stecken. Ein häufiges Problem ist die lange Pflegedauer. Im Durchschnitt pflegen Angehörige zehn Jahre lang einen nahestehenden Menschen. Das ist eine lange Zeit, auf die man sich zu Beginn emotional gar nicht einstellen kann. Schwierig ist auch der Rollentausch, der sich im Laufe der Pflege oft vollzieht. Viele Eltern, die von früher her gewohnt sind, die Entscheidungen zu treffen, wollen sich auch im Alter nichts von ihren Kindern sagen lassen, obwohl sie längst auf deren Hilfe angewiesen sind. Dann sind Reibereien programmiert. Eine besondere Herausforderung ist es, wenn beispielsweise ein Ehepartner an Demenz erkrankt und sich im Verlauf der Erkrankung sein Wesen stark verändert. Dadurch verändert sich auch die Beziehung der Eheleute zueinander. Die Pflege bestimmt oft das ganze Leben, eine gemeinsame Zukunftsplanung ist nicht mehr möglich. Zündstoff für Aggressionen sind zudem alte Beziehungsmuster. So brechen gerade in Situationen extremer Überforderung häufig lange verdrängte Konflikte auf. Die Folge sind Kränkungen und eine vergiftete Atmosphäre.

Wie können Sie und Ihre Kolleginnen Pflegenden helfen?

Gabriele Tammen-Parr: Wir beraten am Telefon und bieten bei Bedarf psychologische Beratung sowie Familiengespräche an. Generell geht es nie um Schuldzuweisungen, sondern immer um Unterstützung. Wir geben keine Ratschläge, sondern lassen die Pflegenden erst einmal schildern, was sie erleben und in welchen Situationen sie laut werden. Wir versuchen gemeinsam, die Ursachen für die Probleme herauszufinden, etwa alte Beziehungsmuster, verdrängte Konflikte oder enttäuschte Erwartungen. Anschließend unterstützen wir die Pflegenden dabei, kleine Lösungen zu finden, die zu ihrer Situation passen. Beispielsweise überlegen wir gemeinsam, welche Unterstützungsangebote sie nutzen könnten, um sich zu entlasten. Dabei kann es auch darum gehen, wie pflegende Angehörige es schaffen können zuzulassen, dass der Pflegebedürftige zeitweise von Pflegeprofis versorgt wird. Dazu sind oft mehrere Gespräche notwendig, denn manche Angehörige scheuen davor zurück, die Betreuung des Pflegebedürftigen zeitweise anderen zu überlassen. Allerdings gibt es nicht immer für alles eine Lösung. Pflegende müssen oft auch lernen, Dinge auszuhalten. Beispielsweise muss sich eine pflegende Ehefrau daran gewöhnen, dass ihr demenzkranker Mann nicht mehr der Mensch und Partner ist, den sie von früher kennt.

Lässt sich Gewalt in der Pflege völlig vermeiden?

Gabriele Tammen-Parr: Nein. Aggressionen gehören zum Leben und auch zur Pflege dazu. Pflegende sollten sich negative Gedanken und Gefühle nicht verbieten, sondern sie zum Anlass nehmen zu überlegen, was los ist und was sie ändern können. Wenn sie morgens schon voller Groll aufwachen, sollten sie über ihre Probleme sprechen und sich Hilfe holen. Sie müssen sich nicht schämen und denken, sie müssten um jeden Preis durchhalten. Im Laufe der Pflege kann sich vieles ändern, viele Pflegende sind ja selbst schon älter und stoßen irgendwann körperlich und seelisch an ihre Grenzen. Manchmal ist es am besten, den Pflegebedürftigen in einem Heim oder in einer Demenz-Wohngemeinschaft unterzubringen. Damit brechen Angehörige ja nicht den Kontakt ab, sondern können sich weiterhin um das pflegebedürftige Familienmitglied kümmern.

Welche Rückmeldung bekommen Sie von Pflegenden?

Gabriele Tammen-Parr: Viele rufen regelmäßig bei uns an und lassen sich beraten. Fast alle sagen, dass es ihnen gut getan hat, dass sie zum ersten Mal offen über aggressive Gedanken und Gefühle sprechen konnten, ohne dass es bewertet wurde. Vielen hilft das, Wege aus einer zugespitzten Situation zu finden.

Zur Beratungsstelle "Pflege in Not"


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