Gewalt in der Pflege: Wenn sich Frust und Konflikte entladen

ams-Serie "Pflege" (3)

22.03.17 (ams). Ein Familienmitglied zu pflegen, kostet viel körperliche und noch mehr seelische Kraft. Viele pflegende Angehörige reiben sich beim Spagat zwischen Pflege, Beruf und Haushalt auf, vernachlässigen eigene Bedürfnisse und haben trotzdem das Gefühl, nicht ausreichend helfen zu können. Manche sind mit ihren Kräften und ihrer Geduld am Ende. Dann kann schon eine Kleinigkeit genügen, und der unterdrückte Frust entlädt sich gegenüber den Pflegebedürftigen. "Bevor die Situation eskaliert, sollten sich pflegende Angehörige Hilfe holen", empfiehlt Christiane Lehmacher-Dubberke, Pflegereferentin im AOK-Bundesverband.

Der demenzkranke Vater muss dringend zum Arzt. Endlich steht der Termin fest. Doch ausgerechnet an diesem Morgen weigert sich der alte Mann, aufzustehen und sich beim Anziehen helfen zu lassen. Da platzt der Tochter, die zwischen der Betreuung ihres Vaters, ihrem Teilzeitjob und der eigenen Familie rotiert, der Kragen: Sie schreit den Vater an, reißt die Bettdecke weg und versucht, ihn aus dem Bett zu zerren. Doch der alte Mann klammert sich mit aller Kraft am Bettrahmen fest. Hinterher tut der Tochter ihr Ausbruch leid und sie fühlt sich schuldig. 


Sendefähiger Radio-O-Ton mit Christiane Lehmacher-Dubberke, Pflegereferentin im AOK-Bundesverband

Typische Auslöser

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Gewalt hat viele Gesichter

Gewalt hat viele Gesichter. "Häufiger als körperliche ist psychische Gewalt", sagt Pflegeexpertin Lehmacher-Dubberke. Das kann sich durch Anschreien, Schimpfen, Demütigungen und Beleidigungen äußern, aber auch dadurch, dass dem Pflegebedürftigen notwendige Hilfen vorenthalten werden, sein Wille ignoriert, seine Privat- und Intimsphäre missachtet und er finanziell ausgebeutet wird. Doch auch Pflegende sind nicht selten mit herausforderndem Verhalten von Pflegebedürftigen konfrontiert.

Das genaue Ausmaß von Gewalt in der Pflege ist nicht bekannt. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass in wirtschaftlich entwickelten Ländern mindestens vier bis sechs Prozent der alten Menschen in ihrem Zuhause vernachlässigt oder misshandelt werden. Thomas Görgen, Professor für Kriminologie an der Deutschen Hochschule der Polizei, hat zu diesem Thema im Jahr 2007 insgesamt 254 pflegende Angehörige interviewt. Danach haben 48 Prozent der Befragten Pflegebedürftigen in den vergangenen zwölf Monaten seelisches Leid zugefügt, knapp 20 Prozent körperliche Gewalt. Viele der Befragten litten aber auch selbst unter angreifendem Verhalten durch Pflegebedürftige.

Genauso vielschichtig wie die Formen der Gewalt sind auch die Auslöser. "Oft steckt Überlastung dahinter", sagt AOK-Expertin Lehmacher-Dubberke. Es können sich aber auch schwierige Beziehungskonstellationen zuspitzen oder lange verdrängte familiäre Konflikte aufbrechen. In den meisten Fällen hat jede Form der Gewalt eine längere Vorgeschichte. Warnsignale für Überlastung sind beispielsweise chronische Müdigkeit, innere Unruhe, Niedergeschlagenheit, Gereiztheit, Schuldgefühle und -zuweisungen, Gedanken der Sinnlosigkeit, Schlafstörungen sowie Kopf- und Rückenschmerzen.

Entlastungsmöglichkeiten nutzen

"Um Überlastung zu vermeiden, sollten pflegende Angehörige von Anfang an Entlastungsmöglichkeiten nutzen", rät Lehmacher-Dubberke. Entlastung können sich Angehörige zum Beispiel verschaffen, indem sie ambulante Pflegedienste beauftragen, sie etwa bei der Körperpflege und im Haushalt zu unterstützen. Es gibt auch die Möglichkeit, Pflegebedürftige in einer Tages- oder Nachtpflegeeinrichtung versorgen zu lassen. Für diese teilstationären Angebote übernimmt die Pflegekasse einen Teil der Kosten.

Wenn Pflegende eine Kur machen oder in den Urlaub fahren wollen, können sie einen Antrag auf Kurzzeitpflege stellen. Mit dieser Leistung können sie den Pflegebedürftigen bis zu acht Wochen im Jahr in einer vollstationären Einrichtung betreuen lassen. Dafür zahlt die Pflegekasse einen Zuschuss von bis zu 1.612 Euro. Soll der Pflegebedürftige weiterhin zu Hause betreut werden, bietet sich die Verhinderungspflege an. Die Pflegekasse erstattet in diesem Fall für maximal sechs Wochen pro Kalenderjahr bis zu 1.612 Euro. Voraussetzung ist, dass der Pflegebedürftige dort bereits seit mindestens sechs Monaten gepflegt wird.

Anspruch auf Pflegeberatung

Gesetzlich Versicherte haben außerdem Anspruch auf Pflegeberatung. Versicherte und Angehörige von Versicherten können sich an einen der bundesweit etwa 700 Pflegeberaterinnen und Pflegeberater der AOK wenden. Diese informieren über Leistungen der Pflegeversicherung, Entlastungsangebote und helfen bei der Organisation der Pflege. Grundlegende Kenntnisse und Fertigkeiten für den Pflegealltag können sich Angehörige in Kursen der AOK aneignen.

"Damit Pflegenden nicht irgendwann alles über den Kopf wächst, ist es wichtig, dass sie sich auch im stressigen Pflegealltag Zeit für sich nehmen", rät AOK-Expertin Lehmacher-Dubberke. Die einen können am besten bei einem Spaziergang, beim Sport oder beim Musikhören abschalten, andere schwören eher auf Yoga oder auf Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung oder autogenes Training. Abstand vom Pflegealltag bekommt man auch bei Hobbys und bei Treffen mit Freunden oder Verwandten.

Schwieriges Verhalten von Kranken belastet

Sehr belastend für Angehörige, die sich stark in der Pflege engagieren, ist es, wenn Pflegebedürftige ihnen gegenüber ungehalten werden oder sogar körperliche Gewalt anwenden. So schwer es ist: Wichtig ist es dann, dies nicht persönlich zu nehmen. Pflegende sollten sich vor Verletzungen schützen und ruhig bleiben. "Hilfreich kann es sein, sich über Erkrankungen wie Demenz zu informieren", rät Lehmacher-Dubberke. So bietet die AOK spezielle Schulungen für pflegende Angehörige an, die ein Familienmitglied mit Demenz betreuen. Die Teilnahme an einem solchen Kurs kann helfen, Verständnis zu entwickeln, sich besser in den Kranken hineinzudenken und mit angespannten Situationen gelassener umzugehen. Eskalationen lassen sich in manchen Fällen auch verhindern, indem Pflegende versuchen, den Pflegebedürftigen abzulenken.

Trotzdem kann es passieren, dass sich Konflikte zuspitzen. Dann ist es sinnvoll, für ein paar Minuten das Zimmer zu verlassen und tief durchzuatmen. Ein Spaziergang kann ebenfalls helfen, Abstand zu gewinnen und sich zu beruhigen. Hilfreich ist es darüber hinaus, mit einer vertrauten Person zu sprechen oder bei einem Krisentelefon oder einer Beratungsstelle wie "Pflege in Not" anzurufen und die Probleme zu schildern.


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