Wenn Klicks den Kick geben: Online- und Computersucht

ams-Serie: Gesund und aktiv (7)

26.07.16 (ams). Über eine halbe Million Menschen in Deutschland gelten laut Drogenbericht 2016 als onlinesüchtig. Die meisten von ihnen sind zwischen 14 und 24 Jahre alt. Wie kann eine gesunde Online-Offline-Balance gelingen? Was können Eltern tun? Das verrät Kristin Langer, Mediencoach der Initiative "SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht", eines Kooperationspartners der AOK. "Ich war seit zwei Jahren nicht mehr schwimmen und ich war seit über vier Monaten nicht mehr abends mit meinem Freund weg. Solche Dinge vernachlässigt man", erzählt zum Beispiel ein 16-jähriger Junge, der fast ununterbrochen das Internet nutzt. 2,4 Prozent der 14- bis 24-Jährigen in Deutschland zeigen Anzeichen einer Onlinesucht, das sind 250.000 Jugendliche und junge Erwachsene. So lauten die Zahlen im Drogen- und Suchtbericht der Bundesregierung vom Juni 2016, der die Computerspiel- und Internetabhängigkeit zum Schwerpunktthema gewählt hat. "Viele Eltern befürchten, dass ihre Tochter oder ihr Sohn onlinesüchtig ist", berichtet Mediencoach Langer. Doch häufig können die Eltern beruhigt werden. Es ist normal, dass Kinder und Jugendliche lange im Netz surfen, spielen oder kommunizieren. Phasenweise kann das auch durchaus ausschweifend sein, zum Beispiel dann, wenn Spielkonsole, Laptop oder Smartphone neu sind. "Aber wenn sich die intensive Nutzung schrittweise immer weiter aufbaut und auch nach Monaten nicht von einer anderen Phase abgelöst wird, sollten Eltern hellhörig werden", sagt Langer.

Mögliche Warnzeichen

Doch ein problematischer Internetgebrauch macht sich nicht nur an den Zeiten vor dem Bildschirm fest, weitere Warnzeichen müssen hinzukommen. Sie gelten nicht nur für Kinder, sondern auch für betroffene Erwachsene:

  • Die Gedanken kreisen ständig um Medien.
  • Das betroffene Kind, der betroffene Erwachsene spielt und surft bis tief in die Nacht.
  • Es fällt schwer, die Zeit vor dem Bildschirm zu begrenzen.
  • Die Person reagiert gereizt, wenn sie auf Computer, Internet oder Spielkonsole verzichten soll.
  • Der Betroffene zieht sich immer mehr von Familie und Freunden zurück. Die Internetnutzung verdrängt andere Interessen und Hobbys.
  • Die Leistungen, etwa in der Schule oder im Beruf, verschlechtern sich.
  • Die Person verzichtet auf Mahlzeiten, um am Computer zu bleiben. Sie hat stark ab- oder auch zugenommen (unkontrolliertes Essen nebenbei) und wirkt übermüdet.
  • Der Betroffene reagiert Gefühle wie Ärger, Frust, Einsamkeit oder Angst ab, indem er zu Computer oder Smartphone greift.

Die Symptome orientieren sich an den Kriterien für andere Abhängigkeitserkrankungen. Exzessiver (übersteigerter) Medienkonsum und Computerspiel­abhängigkeit wird nämlich den Verhaltenssüchten zugerechnet, wie auch Kaufsucht oder Arbeitssucht. Wie bei einer Alkohol-, Tabak- oder Drogenabhängigkeit wird mit dem jeweiligen Verhalten das Belohnungssystem aktiviert, und die Betroffenen möchten sich immer wieder mit diesem Kick belohnen. Dabei verlieren sie die Kontrolle über ihr Verhalten, vernachlässigen andere Interessen und ignorieren gesundheitliche Beeinträchtigungen. Für die Kinder wird der Computer wichtiger als Freunde, Eltern, Hobbys oder Schule. Sie können sich nicht mehr gut konzentrieren, der Rücken tut weh, sie fühlen sich müde und nicht mehr so fit. "Das kann so weit gehen, dass die Kinder den Herausforderungen der realen Welt kaum noch gewachsen sind und sich von ihrer Umgebung entfremden", so Langer.

Eltern sollten versuchen, mit ihrem Kind darüber zu sprechen und es fragen, warum es so lange online ist. "Bewerten Sie nicht sofort, sondern seien Sie wirklich neugierig auf die Erklärungen Ihres Kindes", rät Medienpädagogin Langer. Wichtig ist es auch, Druck rauszunehmen, um den Konflikt zu entschärfen. Gleichzeitig ist es wichtig, dass Eltern auch Grenzen setzen, indem sie Regeln zur Mediennutzung festlegen - am besten schriftlich in einem Mediennutzungsvertrag, den Eltern und Kind unterschreiben. Um ihrer Vorbildrolle gerecht zu werden, können Eltern bei sich selbst anfangen: Lasse ich das Smartphone auch mal in der Hosentasche, wenn wir einen Ausflug machen? Nehme ich mir genügend Zeit für das Abendessen, auch wenn der Computer lockt?
Wenn Eltern sich große Sorgen um ihre Kinder machen, können sie sich an eine Erziehungsberatung wenden, eine Datenbank mit regionalen Beratungsangeboten finden sie zum Beispiel auf den SCHAU-HIN!-Internetseiten. Betroffenen Erwachsenen ist zu empfehlen, eine Suchtberatungsstelle aufzusuchen, die auf den Seiten der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen zusammengestellt sind. In einer Beratungsstelle kann zunächst geklärt werden, ob der Verdacht auf eine Internetsucht berechtigt ist oder nicht. Eventuell steckt ein anderes Problem hinter dem kritischen Verhalten, etwa eine Mobbing-Situation in der Schule oder eine andere psychische Belastung. Ziel von Beratung und Therapie ist es, ein Selbstwertgefühl auch unabhängig von Online-Welten aufzubauen und Alternativen zum süchtigen Verhalten kennenzulernen. So können die Kinder zum Beispiel erleben, dass auch Sport glücklich machen kann oder dass sie auch als Jugendgruppenleiter Anerkennung finden können. Mediencoach Kristin Langer: "Es geht darum, im realen Leben über Abstinenzzeiten Raum zu schaffen für andere, lebendige Erfahrungen."


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