Pflegende Angehörige nutzen zusätzliche Angebote kaum

Pflege-Report 2016

Foto: Waschen eines Patienten

24.03.16 (ams). Die meisten pflegenden Angehörigen kennen die zusätzlichen Entlastungsangebote der gesetzlichen Pflegeversicherung, aber nur weniger als 20 Prozent nutzen sie. Einzige Ausnahme ist die Unterstützung durch den ambulanten Pflegedienst. Das zeigt eine Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) unter 1.000 pflegenden Angehörigen im Rahmen des Pflege-Reports 2016. Etwa zwei Millionen Menschen in Deutschland pflegen einen Angehörigen zu Hause – eine Aufgabe, die Kraft kostet und oft an die Substanz geht. Um pflegende Angehörige zu entlasten, stellt ihnen die gesetzliche Pflegeversicherung zusätzliche Angebote zur Verfügung. Dazu gehören beispielsweise die Tages-, Kurz- oder Verhinderungspflege sowie ehrenamtliche und hauptsächlich professionelle Betreuungsangebote durch ambulante Pflegedienste.

Laut WIdO-Umfrage nutzen zurzeit fast zwei Drittel (64 Prozent) der pflegenden Angehörigen einen Pflegedienst. Viele andere Unterstützungsangebote, die ebenfalls für Entlastung im Pflegealltag sorgen könnten, nimmt aber nicht einmal jeder fünfte Befragte in Anspruch. Dabei sagt jeder vierte Pflegehaushalt, der keine zusätzlichen Unterstützungsangebote nutzt, dass er genau diese Leistungen eigentlich benötige. Doch warum nehmen dann nur wenige pflegende Angehörige Entlastungsangebote in Anspruch? Bezogen auf den ambulanten Pflegedienst gab etwa 60 Prozent der Nichtnutzer an, dass der Pflegebedürftige nicht von Fremden betreut werden möchte. 57 Prozent nannten als Grund, dass die Angebote zu teuer seien. Weitere Ursachen aus Sicht der Befragten: unflexible Zeiten, mangelnde Erreichbarkeit und schlechte Erfahrungen. "Wir müssen die Bedürfnisse der Betroffenen noch besser verstehen und gleichzeitig mit guter Beratung und niedrigschwelligen Angeboten überzeugen“ - dieses Resümee zieht Antje Schwinger, Pflegeexpertin des WIdO und Mitherausgeberin des Pflege-Reports. Auch Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, betont die Bedeutung gezielter Beratung.

AOK-Faktenbox zur Pflegeberatung

Wo finde ich als Pflegebedürftiger oder Angehöriger Hilfe? Antworten auf diese Frage liefert die AOK-Faktenbox zur Pflegeberatung. Mithilfe dieses Informationsangebotes erfahren Versicherte, wo die Pflegeberaterinnen und Pflegeberater der Gesundheitskasse präsent sind und welche Unterstützung sie Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen bieten. Die neue Box wurde in Zusammenarbeit mit dem Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erstellt und ergänzt das bisherige Angebot von AOK-Faktenboxen, die kompakte, leicht verständliche und fundierte Informationen zu Medizin- und Gesundheitsthemen bieten.

Dieser Aufgabe kommen bereits rund 700 Pflegeberater nach, die für die AOK-Pflegekasse im Einsatz sind. Sie besuchen Pflegebedürftige und deren pflegende Angehörige auf Wunsch auch zu Hause. Dabei klären sie in einem persönlichen Gespräch den konkreten Hilfebedarf und erstellen gemeinsam einen individuellen Versorgungsplan. "Drei Viertel der Menschen, die Pflegeberatung in Anspruch genommen haben, sagen, dass ihnen dies geholfen hat", stellt Litsch heraus. Der Vorstandsvorsitzende weist in diesem Zusammenhang auch auf die neue AOK-Faktenbox zur Pflegeberatung hin. Diese informiert darüber, was unter Pflegeberatung zu verstehen ist und wie man sie nutzen kann.

Im Rahmen der Befragung hat sich zudem gezeigt, dass pflegenden Angehörigen die Beantragung der Leistungen oft unklar ist und sie deswegen nicht darauf zurückgreifen. Laut Litsch liegt das mitunter auch an der Komplexität der Pflegeversicherung. Hier sieht er Handlungsbedarf: „Um die Inanspruchnahme zu erleichtern, müssen wir auch die Leistungen flexibler und einfacher gestalten. Das wäre ein wichtiger Schritt zu mehr Transparenz im Dickicht der Pflegeleistungen.“ Auf einen weiteren Aspekt der Befragung ging Professorin Adelheid Kuhlmey, Mitherausgeberin des Reports, ein. "73 Prozent der privat Pflegenden sind nach wie vor Frauen", stellte Kuhlmey fest. In erster Linie betreuten Töchter und Ehefrauen pflegebedürftige Angehörige. Zunehmend engagierten sich aber auch Männer in der häuslichen Pflege. "Sie pflegen rationaler und suchen sich eher Hilfe", sagte die Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft an der Charité Berlin. Wichtig sei, Männer noch stärker in die Pflegearbeit einzubeziehen. Häusliche Pflege-Engagements sollten künftig so gestaltet werden, dass sich mehr Männer von ihnen angesprochen fühlen, forderte Kuhlmey. 


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