Routinedaten bei der Klinikplanung konsequent nutzen

5. QMR-Kongress in Berlin

Foto: Zwei Ärzte am OP-Tisch in hell-blau-grüner OP-Kleidung

19.05.22 (ams). Impulse für die anstehende Krankenhaus-Strukturreform sollte der fünfte Kongress zu Qualitätsmessung und -management mit Routinedaten (QMR) setzen. Die Abrechnungsdaten lieferten wertvolle Informationen zur Qualität der stationären Versorgung, unterstrichen die Organisatoren der zweitägigen hybriden Tagung in Berlin von der Initiative Qualitätsmedizin (IQM) und vom AOK-Bundesverband. "Wenn Routinedaten der gesetzlichen Krankenkassen mit klinischen Daten verknüpft werden, haben sie ein noch größeres Potenzial für die künftige Qualitätssicherung", betonte IQM-Vorstandspräsident Dr. Francesco De Meo.

"Der Nutzen der Routinedaten ist groß, denn sie geben Einblick in die wirkliche Versorgungsqualität und zeigen, was tatsächlich gemacht und abgerechnet wird", erläuterte Professor Ralf Kuhlen vom Wissenschaftlichen Beirat der IQM in einem Interview mit der Ärzte-Zeitung aus Anlass des Kongresses. IQM und WIdO setzen bei der Gestaltung der anstehenden Strukturreform und künftiger Krankenhausplanung ganz klar auf Routinedaten: "Erforderlich ist eine Krankenhausplanung, die auf Leistungsgruppen basiert, wie es auf dem QMR-Kongress für die Schweiz vorgestellt wurde", so WIdO-Geschäftsführer Jürgen Klauber. Die Planung orientiere sich dann nicht am Zählen von Krankenhausbetten, sondern am Versorgungsbedarf. "Routinedaten können unter vielen Qualitätsaspekten Input für die Krankenhausplanung liefern, etwa hinsichtlich der Einhaltung von Mindestmengenanforderungen, Qualitätsvorgaben oder Prozessanforderungen," betonte Klauber. Auch in der Corona-Pandemie hätte die Nutzung von Routinedaten kurzfristig Transparenz über das Versorgungsgeschehen geschaffen.

Zielgerichtete Qualitätsverbesserungen

"Wir wollen Menschen die bestmögliche Qualität bei der Behandlung von Krankheiten geben", stellte IQM-Vorstandspräsident De Meo gleich zu Beginn des OMR-Kongresses klar. Dazu könnten die Ergebnismessung auf Basis von Routinedaten und die Ableitung von zielgerichteten Qualitätsverbesserungen durch Peer Reviews beitragen, die in den IQM-Mitgliedshäusern praktiziert würden. Auch Jens Martin Hoyer, stellvertretender Vorsitzender des AOK-Bundesverbandes, forderte eine stärkere Nutzung der Routinedaten der Krankenkassen zur Qualitätssicherung. Die Analyse von Abrechnungsdaten ermögliche es, Behandlungsverläufe langfristig zu verfolgen und so gezielt die Versorgungsqualität in Kliniken zu erhöhen.

Hoyer verwies in diesem Zusammenhang auf die jüngst veröffentlichte WiZen-Studie, die auf Basis von Routinedaten bessere Überlebenschancen von Krebspatienten in zertifizierten Kliniken gezeigt habe. Sie bestätige, "dass wir mehr Spezialisierung und Konzentration bei der Krankenhausversorgung brauchen". Dies gelte gerade bei komplexen Krankheitsbildern. Diese Erkenntnis müsse in eine qualitätsorientierte Strukturreform einfließen. De Meo beklagte das zähe Tempo bei Veränderungen. Reformen würden, "garniert vom Aufschrei" verschiedenster Interessengruppen, oftmals in einem "Katz-und-Maus-Spiel" zwischen Bund und Ländern zerrieben.

Abkehr von alten Mustern

Grafik: Logo - QMR-Kongress 2022

Professor Boris Augurzky vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) forderte auf dem QMR-Kongress eine Abkehr von alten Mustern."Wir müssen Regulierungen im Krankenhausbereich abbauen und mehr Gestaltungsspielraum ermöglichen", unterstrich der der Gesundheitsökonom. "Wir brauchen mehr Transparenz, bei dem was wir machen." Dazu bedürfe es Daten, um einen besseren Überblick über Kosten und Nutzen von Leistungen zu bekommen. Bedingt durch demographischen Wandel, Fachkräftemangel und Finanzierungsprobleme stehe das Gesundheitssystem unter massivem Druck. "Daher brauchen wir Wettbewerb", sagte Augurzky, der Mitglied in der jüngst berufenen Reformkommission der Bundesregierung ist. Die Einführung regionaler Gesundheitsbudgets könne helfen, die Gesundheitsversorgung effizienter zu gestalten, ohne dabei die Versorgungsqualität zu beeinträchtigen.

Edgar Franke, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, sieht bei der anstehenden Reform auch die Länder in der Pflicht. Den Kliniken fehlten rund 30 Milliarden Euro für Investitionen. Als Folge würden Gelder aus den Fallpauschalen zweckentfremdet. Eine "kalte Strukturreform" könne niemand wollen, so Franke. Das DRG-Entgeltsystem benötige ein "Update". Das Verfahren sei "besser als sein Ruf", begünstige aber „Mengenausweitungen und Rosinenpickerei“.

Klinikplanung hat oft mit Planung nichts zu tun

Professor Reinhard Busse, ebenfalls Mitglied der Regierungskommission zur Krankenhausreform, forderte eine Neuausrichtung der stationären Versorgung. "Die Krankenhausplanung hat mit Planung nichts zu tun", kritisierte der Gesundheitsökonom von der Technischen Universität Berlin. So sei etwa der Krankenhausplan von Niedersachsen nichts weiter als die Fortschreibung einer Bestandsaufnahme aus dem Jahr 1985. Stattdessen müsse die Qualität der Versorgung stärker in den Fokus rücken. "Nähe ist nicht das wichtigste Qualitätskriterium", betonte Busse und nannte das Beispiel der Behandlung bei Schlaganfall. Hier würden nicht nur spezialisierte Krankenhäuser mit so genannten Stroke Units, sondern auch Kliniken ohne diese Spezialisierung Patienten aufnehmen. Im Jahr 2018 seien nur 72 Prozent der Schlaganfälle in darauf spezialisierten Häusern versorgt worden. Ein ähnliches Bild zeige sich bei der Krebstherapie. "Wir brauchen eine Ausweisung von Leistungsbereichen, die mit klaren Qualitätskriterien unterlegt sind", sagte Busse. Corona habe bereits Veränderungen in der stationären Versorgung angestoßen- So hätten sich gerade ambulant-sensitive Behandlungen in den ambulanten Bereich verschoben. Diese Verlagerung sei "patientengetrieben".

Die Vorstandsvorsitzende der AOK Bayern, Irmgard Stippler, forderte in einer Podiumsdiskussion auf dem Kongress klare politische Rahmenbedingungen für eine sektorenübergreifende regionale Gestaltung der Gesundheitsversorgung. Um Schließungen zu vermeiden, sei es nötig, die Krankenhäuser "zu öffnen und weiterzuentwickeln". "Das geht nicht mit Freiwilligkeit", erklärte Stippler. Die Reformkommission müsse deshalb "Antworten geben, wie wir in regionalen Gesundheitszentren wohnortnahe Versorgung sichern können".

Auf dem zweitägigen QMR-Kongress wurden unter anderem aktuelle Ergebnisse aus dem vom Wissenschaftlichen Institut der AOK entwickelten Verfahren zur "Qualitätssicherung mit Routinedaten" (QSR) präsentiert, die eine Auswertung der Behandlungsqualität auch über den eigentlichen Krankenhaus-Aufenthalt hinaus ermöglicht. Die Initiative Qualitätsmedizin stellte aktuelle Entwicklungen bei der Anwendung des Peer Review-Verfahrens und beim klinischen Risikomanagement vor. In der IQM engagieren sich 500 Krankenhäuser aus Deutschland und der Schweiz.


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