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Qualitätsprüfung in der Pflege: "Das neue System ist differenzierter als das alte."

ams-Interview mit Nadine-Michèle Szepan, Leiterin der Abteilung Pflege im AOK-Bundesverband

Fozo: Nadine-Michèle Szepan

Nadine-Michèle Szepan

25.02.20 (ams). Wenig aussagekräftig oder sogar irreführend: Die Pflegenoten, nach denen die Pflegeeinrichtungen in Deutschland bisher bewertet wurden, sind in der Vergangenheit oft kritisiert worden. Die Folge war eine Reform. Seit Ende 2019 greift ein neues System der Qualitätsprüfung, das jetzt die Grundlage für den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) und den Prüfdienst der Privaten Krankenversicherung bildet. Nadine-Michèle Szepan, Leiterin der Abteilung Pflege im AOK-Bundesverband, zieht im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams) eine erste Bilanz.

Frau Szepan, die ersten Bewertungen von Pflegeeinrichtungen nach dem neuen System der gesetzlichen Qualitätsprüfung liegen jetzt vor. Wie ist der Start des neuen Prüfungsverfahrens aus Ihrer Sicht gelaufen?

Szepan: Seit Anfang des Jahres können sich Pflegebedürftige und ihre Angehörigen die ersten Bewertungen aus externen Qualitätsprüfungen von Pflegeeinrichtungen nach dem neuen System ansehen. Sie sind im Pflegenavigator der AOK abrufbar. Mitte Februar waren schon 316 Bewertungen für Pflegeeinrichtungen aus allen Bundesländern eingestellt, und jeden Tag kommen weitere hinzu. Spätestens Anfang des nächsten Jahres sind alle Pflegeeinrichtungen einer Prüfung nach dem neuen System unterzogen und im Navigator veröffentlicht. Das ist dem Umstellungsprozess geschuldet, denn die Medizinischen Dienste der Krankenversicherung prüfen die Einrichtungen erst seit 1. November 2019 nach dem neuen System.

Wir waren natürlich gespannt, wie die neuen Berichte ausfallen. Jetzt sehen wir, dass die Prüfer von Anfang an das gesamte Spektrum der Bewertungsskala ausschöpfen. Da findet man zum Beispiel eine Pflegeeinrichtung, in der bei der Unterstützung der Bewohner in der Körperpflege schwerwiegende Qualitätsdefizite festgestellt wurden. Das ist optisch mit einem von vier Kästchen gekennzeichnet. Die gleiche Einrichtung hat beim Schmerzmanagement dagegen keine oder nur geringe Qualitätsdefizite und bekommt hier die beste Bewertung mit vier Kästchen. Das alles kann man sich im Pflegenavigator anschauen und so auch gezielt die Kriterien vergleichen, die einem persönlich wichtig sind.

Das klingt gut, aber auch komplizierter als die bisherigen Pflegenoten. Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Unterschied zum alten System?

Szepan: Das neue System stellt die Qualität der Einrichtungen viel differenzierter dar als das alte. Es werden 24 Qualitätsaspekte betrachtet – von der Körperpflege über die Medikation bis zur Wundversorgung. Die Qualität der pflegerischen Versorgung ist jetzt besonders im Fokus: Wie gut gelingt es der Einrichtung, auf den Bedarf und die Bedürfnisse der Bewohner einzugehen? Diese Frage steht bei der neuen Qualitätsbewertung im Mittelpunkt. Bei den alten Pflegenoten war es so, dass eine Einrichtung beispielsweise ein schlechtes Abschneiden bei der Wundversorgung mit einer guten Verpflegung ausgleichen und trotzdem eine gute Note erhalten konnte. Das ist von uns und anderen oft kritisiert worden. Die alten Pflegenoten haben nicht ausreichend differenziert. Es gab fast nur gute Noten. Daher wird im neuen System auch keine Endnote oder Gesamtbewertung mehr gebildet. Das ist für die Nutzer des Pflegenavigators komplizierter, weil sie sich mehr mit den Details beschäftigen müssen. Aber wir versuchen, ihnen die Suche und persönliche Bewertung der Einrichtungen durch Filterfunktionen zu erleichtern. Man kann die Ergebnisse zum Beispiel gezielt nach bestimmten Aspekten filtern, die einem wichtig sind und diese auch vergleichen mit anderen Einrichtungen. So richtig interessant wird das aber erst, wenn eine ausreichende Zahl von neuen Qualitätsberichten vorliegt.

Wie werden denn die Einrichtungen abgebildet, in denen die MDK-Prüfer noch nicht waren?

Szepan:  Im Moment stehen bei diesen Einrichtungen noch die letzten Qualitätsberichte nach dem alten System, sprich die Pflegenoten. Das ist natürlich nicht ideal, weil die Ergebnisse alt und neu überhaupt nicht miteinander vergleichbar sind. Aber das ist ein vorübergehendes Problem, das bald behoben sein wird. Wir rechnen damit, dass bis Dezember 2020 alle vollstationären Pflegeeinrichtungen nach dem neuen System geprüft worden sind. Die Ergebnisse sind dann etwa zwei Monate nach der Prüfung im Pflegenavigator abrufbar. Vorher bekommen die Einrichtungen noch die Gelegenheit, ihre Ergebnisse einzusehen, Stellung zu beziehen bzw. aus ihrer Sicht zu kommentieren. Einige Kommentare stehen jetzt schon online.

Die externe Prüfung der Pflegeeinrichtungen durch den MDK ist ja nur eine von drei Säulen des neuen Systems der Qualitätsdarstellung. Welche sind die beiden anderen?

Szepan: Die Pflegeeinrichtungen haben die Möglichkeit, eigene Informationen bereitzustellen, die dann in den Suchportalen der Kranken- und Pflegekassen veröffentlicht werden. Das ist die sogenannte „erste Säule“ des neuen Systems. Hier geht es zum Beispiel um Angaben zu Versorgungsschwerpunkten und Spezialisierungen, zu Kooperationen mit Ärzten oder zur Einbeziehung der Angehörigen. Die Pflegeeinrichtungen, die vom MDK bereits nach dem neuen System bewertet wurden und jetzt ihre Selbstauskünfte eingeben können, machen nach unserer Beobachtung von dieser Möglichkeit aber noch viel zu wenig Gebrauch. Wir können nur an die Träger appellieren, diese Chance zu nutzen, ihre Stärken transparent zu machen und den Menschen die Suche nach einer passenden Einrichtung zu erleichtern.

Die „zweite Säule“ des neuen Systems ist die bereits angesprochene externe Prüfung durch den MDK. Und die „dritte Säule“ bilden die Ergebnisse von insgesamt 15 Qualitätsindikatoren, die von den Pflegeeinrichtungen im Rahmen ihres internen Qualitätsmanagements selbst erhoben und gemeldet werden. Hier wird dokumentiert, ob die Einrichtung es schafft, die Selbstständigkeit ihrer Bewohner zu erhalten und zu fördern, sie vor gesundheitlichen Belastungen oder Schäden zu schützen oder sie in spezifischen Bedarfslagen zu unterstützen. Zum Beispiel bei wie viel Prozent der Bewohner die Einrichtung es geschafft hat, die Mobilität zu erhalten. Hier reicht das Spektrum der Bewertung von einem Punkt bis zu fünf Punkten. Die Ergebnisse dieser Qualitätsindikatoren werden jedes halbe Jahr an die Datenauswertungsstelle gemeldet und dann veröffentlicht. Wir rechnen damit, dass wir die ersten Ergebnisse der Indikatoren-Auswertungen im AOK-Pflegenavigator im vierten Quartal 2020 bereitstellen können.

Bei der Bewertung der Pflegedienste gibt es ja noch das alte System der Schulnoten. Wird es hier auch eine Umstellung geben?

Szepan: Auf jeden Fall. Bisher fehlt es aber noch an gesetzlichen Regelungen zur Implementierung der bereits von der Wissenschaft erarbeiteten Grundlagen für die Qualitätssicherung.


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