Krebsvorsorge: Aufklärung könnte besser sein

Versorgungs-Report Früherkennung

Foto: Kalender-Eintrag für eine Darmspiegelung - kq

15.03.19 (ams). Bei bis zu 85 Prozent liegen die Teilnahmequoten an Krebsfrüherkennungs-Untersuchungen. Viele Patienten erhalten jedoch zu wenig Informationen über Nutzen und Risiken solcher Untersuchungen. Das sind zentrale Ergebnisse von Datenauswertungen und einer repräsentativen Befragung für den "Versorgungs-Report Früherkennung" des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

Insgesamt ist die Teilnahme an der Krebsvorsorge nach Analyse der Abrechnungsdaten von AOK-Versicherten durch das WIdO recht hoch. Beim Screening auf Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs liegt sie am höchsten: Nur 15 beziehungsweise 22 Prozent der Versicherten werden sehr unregelmäßig oder gar nicht von diesen Angeboten erreicht. 78 Prozent der Versicherten über 60 nahmen zwischen 2007 und 2016 entweder den Stuhltest, die Darmspiegelung (Koloskopie) oder die Beratung zur Darmkrebs-Früherkennung in Anspruch. An der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs nahmen im gleichen Zeitraum 85 Prozent der anspruchsberechtigten Frauen zwischen 30 und 49 Jahren regelmäßig teil.

Mammografie: Jede fünfte Frau hat grundsätzliche Vorbehalte

Bei der Brustkrebs-Früherkennung per Mammografie wurden die Zeiträume von 2007 bis 2009 und 2014 bis 2016 verglichen, um ein realistisches Bild der Teilnahme im Zeitverlauf zu zeichnen. In diesem Zeitraum stieg der Anteil der Frauen, die eine Mammografie erhielten, um fünf Prozentpunkte auf 61 Prozent an. Gleichzeitig belegt die Auswertung, dass 22 Prozent der anspruchsberechtigten Frauen von 60 bis 69 Jahren zwischen 2007 und 2016 gar nicht an der Mammografie teilnahmen. "Die Versichertenbefragung zeigt, dass dies oft mit grundsätzlicher Ablehnung zu tun hat", sagt Christian Günster, Leiter des Bereichs Qualitäts- und Versorgungsforschung beim WIdO. Bei der Mammografie ist dies öfter der Fall als bei den anderen betrachteten Untersuchungen. So sagt jede fünfte Frau, die nach eigenen Angaben nicht zur Mammografie gegangen ist, dass sie die Untersuchung grundsätzlich ablehnt.

Bei der Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs führen nur für sechs Prozent der Frauen, die das Angebot nicht nutzen, grundsätzliche Bedenken an. Bei der Darmkrebs-Vorsorge sind es nur fünf Prozent der Nicht-Teilnehmer. Bei den letzten beiden Untersuchungen begründen die Befragten ihr Fernbleiben sehr viel häufiger damit, dass sie keine Beschwerden hätten (45 Prozent bei Gebärmutterhalskrebs und 44 Prozent bei Darmkrebs). Beschwerdefreiheit wird bei der Mammografie deutlich seltener als Begründung gegeben. „Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Informationen rund um das Mammografie-Screening zu einer bewussteren Auseinandersetzung und Entscheidung der Frauen führen“, so Günster. Für die repräsentative Befragung waren 2.012 gesetzlich Krankenversicherte ab 18 Jahren befragt worden.

Aus dem Gespräch mit dem behandelnden Arzt über das Früherkennungsangebot berichtet die Mehrheit der Befragten, dass mit ihnen zwar über den Nutzen der Früherkennungs-Untersuchungen gesprochen worden sei. Von möglichen Nachteilen der Untersuchung, wie etwa falsch positive Befunde, haben hingegen deutlich weniger Versicherte erfahren. Beim Gebärmutterhalskrebsscreening beispielsweise waren es 25 Prozent, bei der Darmspiegelung 36 Prozent. Eine Ausnahme bildet auch hier das Mammografie-Screening: Jeweils die Hälfte der teilnehmenden Frauen berichtete, dass sie über Nutzen beziehungsweise Nachteile aufgeklärt worden sei.

Ärzte müssen Bedenken der Patienten ernst nehmen

"Die Befragungsergebnisse zeigen, dass die Voraussetzungen für eine informierte Entscheidung der Versicherten oft fehlen", sagt Professor Norbert Schmacke vom Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen, Mitherausgeber des Reports. Ärzte dürften Fragen oder Bedenken ihrer Patienten, etwa zu möglichen Fehlalarmen durch falsche Befunde, nicht einfach wegwischen. Der Nationale Krebsplan habe schon 2010 das Ziel formuliert, die Versicherten zu einer Entscheidung unter Berücksichtigung aller Vor- und Nachteile zu befähigen.

51 Prozent der Frauen und 47 Prozent der Männer nutzen laut Befragung vor allem das Internet als Informationsquelle über Früherkennungs-Untersuchungen. 40 Prozent der Frauen und 50 Prozent der Männer sprechen mit dem Hausarzt über das Thema. "Bei der Förderung der informierten Entscheidung sind die Ärztinnen und Ärzte besonders gefragt", sagt Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes. "Sie sollten sich noch stärker als bisher mit dem Nutzen, aber auch den möglichen Risiken und Nachteilen der Früherkennung auseinandersetzen und diese ihren Patienten vermitteln." Auch die AOK wolle ihren Beitrag zur Verbreitung entsprechender Aufklärungsmaterialien leisten, die zum Beispiel vom Gemeinsamen Bundesausschuss bereitgestellt würden.
 

Neues Einladungswesen zu Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs

Der AOK-Verbandschef begrüßt in diesem Zusammenhang ausdrücklich die Einführung eines organisierten Einladungswesens für die Darmkrebs-Vorsorge ab Juli 2019 und für die Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs ab 2020. "So werden alle Männer und Frauen im entsprechenden Alter mit dem Thema konfrontiert und erhalten auch eine schriftliche Information zur Abwägung der Vor- und Nachteile", betont Litsch. Sowohl den Nutzen als auch mögliche Nachteile der Früherkennung in der Kommunikation angemessen zur berücksichtigen, sei eine echte Herausforderung. Hier müssten auch die Krankenkassen besser werden.

Als Vorbild für eine gute Patienteninformation nennt Professor Schmacke die Entscheidungshilfe des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) zur Mammografie: "Sie hat das Pro und Contra auf dem Boden vorhandener Studien mit modernen Kommunikationsmethoden aufgearbeitet." Schmacke betont, dass bei Früherkennungs-Untersuchungen kein unmittelbarer Zeitdruck bestehe: "Ratsuchende sollten sich Zeit lassen und in Ruhe entscheiden, wenn sie sich unsicher sind, ob ihnen eine Untersuchung nutzt."

Neben den Ergebnissen der Versichertenbefragung und den Auswertungen zur Inanspruchnahme der Früherkennungs-Untersuchungen umfasst der Versorgungs-Report weitere Beiträge zu Prinzipien und Methoden sowie zur Evidenzlage verschiedener Früherkennungsuntersuchungen. Themen sind auch die Anforderungen an evidenzbasierte Entscheidungshilfen für Patienten sowie die Diskussion um den Nutzen und die Risiken des Mammografie-Screenings. Ein Daten- und Analyseteil beleuchtet die Diagnosehäufigkeit von Erkrankungen und die Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen in den vier ausgabenwirksamsten Sektoren des deutschen Gesundheitswesens.


Zum ams-Politik 03/19