Was läuft schief beim Pflege-TÜV?

ams-nachgefragt: Nadine-Michèle Szepan, Abteilungsleiterin Pflege im AOK-Bundesverband

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Nadine-Michèle Szepan

14.06.16 (ams). "Das aktuelle Schulnotensystem verschleiert mehr, als dass es Pflegebedürftigen und deren Angehörigen Orientierung gibt. Ein System, das nur 'Einser' vergibt, ist gescheitert. So lange nur Strukturen und Prozesse aus der Pflegedokumentation, aber keine Ergebnisqualität geprüft werden, kann niemand sagen, wie gut ein Pflegeheim oder -dienst wirklich ist. Der AOK-Bundesverband kritisiert das nicht erst nach den Medienberichten der vergangenen Wochen. 2014 hat er ein Konzept für einen Relaunch der Qualitätssicherung in Heimen vorgelegt, das im Zweiten Pflegestärkungsgesetz mit dem indikatorengestützten Gesamtverfahren Eingang in die soziale Pflegeversicherung gefunden hat.

Zudem wird der aktuelle Pflege-TÜV den Anforderungen des neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs nicht gerecht. Hauptkriterium ist ja nicht mehr die erforderliche Pflegezeit, sondern der Grad der Selbstständigkeit des pflegebedürftigen Menschen. Das spiegelt sich in der Systematik der Pflege-Qualitätsberichte bisher überhaupt nicht wider. Auch das Konzept, das der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, vor rund einem Jahr vorgelegt hat, bleibt sehr unkonkret.

Deshalb engagiert sich die AOK mit fachlicher Beratung beim Modellprojekt 'EQisA'. Das steht für ‚Ergebnisqualität in der stationären Altenhilfe‘. Das Projekt des Caritasverbandes, der Erzdiözese Köln und des Instituts für Pflegewissenschaft der Uni Bielefeld fußt auf dem neuen Verständnis von Pflegebedürftigkeit. Seit 2011 wird die Pflegequalität in vollstationären Einrichtungen anhand von spezifischen Gesundheitsindikatoren gemessen. Wie steht es um die Mobilität der Bewohner und deren Förderung? Was wird getan, um Druckgeschwüre oder Stürze zu vermeiden? Wie erfolgreich sind die Maßnahmen? Das sind die entscheidenden Qualitätsmerkmale für die Pflege.

EQisA und das Projekt 'Ergebnisqualität Münster', kurz EQMS, unterstützen die Abkehr von der verrichtungsbezogenen zur personenzentrierten Versorgung. Die Förderung noch vorhandener Fähigkeiten steht im Fokus. Pflegebedürftige sollen ein möglichst selbstbestimmtes und würdevolles Leben führen können. Aktuell beteiligen sich daran bundesweit bis zu 325 Pflegeeinrichtungen mit knapp 30.000 Bewohnern. Erprobt wird aktuell auch das Verknüpfungsmodell von Medizinischem Dienst der Krankenkassen und Prüfdienst der Privaten Krankenversicherung.“


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