Litsch: "Wir müssen einfach effizienter werden"

Foto: Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes

Martin Litsch

(27.12.18) Der AOK-Bundesverband sieht die Vorschläge von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn für die schnellere Terminvergabe beim Facharzt und eine bessere Versorgung in ländlichen Regionen skeptisch: „Wir werden dafür zwar 600 Millionen Euro zusätzlich ausgeben müssen, bessere Versorgung ist dadurch aber längst nicht garantiert“ sagte der Vorstandsvorsitzende Martin Litsch im Interview mit der "Bild" am Donnerstag (27. Dezember).

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) soll niedergelassene Ärzte unter anderem verpflichten, künftig 25 statt bisher 20 Sprechstunden für Kassenpatienten freizuhalten. Facharztgruppen der unmittelbaren und wohnortnahen Versorgung wie konservativ tätige Augenärzte, Frauenärzte, Orthopäden und Hals-Nasen-Ohren-Ärzte müssen mindestens fünf Stunden als offene Sprechstunde, das heißt ohne vorherige Terminvereinbarung anbieten. Außerdem sollen die Aufgaben der Terminservicestellen der Kassenärztlichen Vereinigungen erweitert werden. Dafür sieht der Gesetzentwurf eine extrabudgetäre, teilweise höhere Vergütung vor.

Litsch plädiert zudem für mehr Mut bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens. "Video-Sprechstunden müssten künftig Alltag sein. Dafür sollten wir die rechtlichen Grundlagen schaffen. Natürlich müssen sich Arzt und Patient persönlich kennen. Aber sie müssen sich nicht für jedes Gespräch persönlich sehen." Zudem müsse das Problem der Abwanderung in den ländlichen Regionen entschiedener angegangen werden: "Erst schließt der Tante-Emma-Laden, dann die Apotheke, dann geht der Doktor. Dieses Problem haben wir noch nicht gelöst. Wir müssen viel aktiver werden: mit Versorgungszentren und auch mit Tele-Medizin."

Erneut kritisierte Litsch Qualitätsdefizite in der Kliniklandschaft: "Wir haben zu viele Krankenhäuser, zu viele Betten, zu wenig Spezialisierung. Jeder macht alles. Und es fehlt an Durchsetzungskraft, das zu ändern.“ Die Folgen dokumentiert unter anderem der kürzlich erschienene Qualitätsmonitor 2019. Er zeigt Schwächen in der Versorgung Frühgeborener sowie in der Behandlung von Krebs- und Herzpatienten.

Auch der Krankenhaus-Report 2018 der AOK hatte strukturelle Mängel offengelegt, die auf die Behandlungsqualität durchschlagen. Laut Report wäre es in der Krankenhausplanung schon heute möglich, die Klinikstrukturen qualitätsorientiert zu zentralisieren und zu spezialisieren. „Ich denke, dass von unseren knapp 2.000 Krankenhäusern in Deutschland sicherlich ein Viertel nicht notwendig ist. Ohne diese Häuser würde kein Versorgungsnotstand ausbrechen“, resümiert der Verbandschef in im Bild-Interview. Längere Anfahrtswege sind aus Litsch’ Sicht bei planbaren Operationen kein Problem für die Patienten. „Nehmen Sie das Ruhrgebiet: Da gibt es an jeder Straßenecke ein Krankenhaus. Wenn Sie da eine Klinik schließen, bedeutet das für niemanden weitere Wege. Wenn jemand eine schwere Krankheit hat, dann fährt er auch gerne etwas weiter, um zu einem Spezialisten zu kommen. Die Menschen wollen schließlich gute Behandlungs-Qualität.“

Forderungen nach Beitragssenkungen sieht Verbandschef Litsch skeptisch. Zum einen reduzierten viele Krankenkassen zum Jahreswechsel 2019 die Zusatzbeiträge, zum anderen gingen die meisten Reformpläne der Großen Koalition zu Lasten der Kassen. "Die Politik sorgt dafür, dass wir bei den Ausgaben im System über den Durst leben. Und das wird dazu führen, dass in wirtschaftlich schlechteren Zeiten wieder schmerzhafte Spar-Gesetze beschlossen werden müssen. Wir müssen einfach effizienter werden."