Pflege-Report 2020: Die ambulante Pflege im Blick behalten

ams-Interview: Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im WIdO

Foto: Dr. Antje Schwinger,  Leiterin Forschungsbereich Pflege im WIdO)

Dr. Antje Schwinger

03.09.20 (ams). Die hohen und teilweise stark gestiegenen Eigenanteile von Pflegebedürftigen in vollstationäre Pflegeeinrichtungen spielen eine zentrale Rolle in der Debatte zur künftigen Pflegefinanzierung. Dabei wird oft vergessen, dass drei von vier  Pflegebedürftigen zu Hause versorgt werden. „Es greift deshalb zu kurz, bei der Weiterentwicklung der Pflegeversicherung nur über eine Begrenzung dieser Eigenanteile zu sprechen", sagt Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) im Interview mit dem AOK-Medienservice (ams). Bestätigt sieht sich die Mitherausgeberin des Pflege-Reports 2020 durch eine Online-Befragung des WIdO unter rund 1.000 Personen, die einen pflegebedürftigen Menschen allein oder hauptsächlich betreuen.

Frau Schwinger, wie hoch ist die finanzielle Belastung pflegebedürftiger Menschen beziehungsweise pflegender Angehöriger, die zum Beispiel Vater oder Mutter zu Hause pflegen?

Schwinger: Unsere Umfrage hat gezeigt, dass überhaupt nur jeder vierte Pflegebedürftige selbst finanzielle Eigenaufwendungen für Pflege und Betreuung trägt. Die liegen dann im Schnitt bei 250 Euro pro Monat. Im Vergleich dazu sind die finanziellen Belastungen in der vollstationären Pflege mit im Schnitt 775 Euro mehr als dreimal so hoch.
60 Prozent der Befragten nutzen demnach Sachleistungen der Pflegeversicherung wie einen Pflegedienst, Tagespflege sowie Kurzeit- oder Verhinderungspflege. Von denen muss die Mehrzahl keine Zuzahlungen leisten. Lediglich rund 40 Prozent tragen einen Eigenanteil von rund 200 Euro pro Monat. Nur fünf Prozent aller Befragten gaben an, zusätzlich weitere private Hilfen zu finanzieren.

Welche Rolle spielt der persönliche Geldbeutel bei der Nutzung von selbst finanzierten Pflegeleistungen?

Schwinger: Wir konnten in unserer Studie keine statistisch belegbaren Tendenzen sehen, dass Personengruppen mit hohem Einkommen mehr Pflegehilfe einkaufen. Es gibt eine Sondergruppe, die wir herausgerechnet haben. Das sind Personen, die ein 24-Stunden-Pflege-Arrangement nutzen. Die 24-Stunden-Pflege wird zumeist dadurch ermöglicht, dass Arbeitskräfte, oftmals aus osteuropäischen EU-Ländern, als sogenannte Live-ins für einige Wochen oder Monate in dem Pflegehaushalt wohnen. Als Kosten werden rund 2.300 Euro als monatlicher Rechnungsbetrag angegeben. Der Anteil Haushalte, die ein 24-Stunden-Pflege-Arrangement nutzen, liegt unter den Umfrageteilnehmern bei etwas mehr als acht Prozent.

Wer sind denn dann die übrigen mehr als 90 Prozent?

Schwinger: In der Untersuchung haben wir Personen in Deutschland ab 18 Jahren berücksichtigt, die nach eigenen Angaben Hauptpflegeperson einer pflegebedürftigen Person mit anerkanntem Pflegegrad sind und diese Person zu Hause pflegen. Die Ergebnisse der Studie sind so gewichtet, dass sie nach Pflegeschwere, Alters- und Geschlechtsverteilung bundesweit repräsentativ sind. Bei der Interpretation der Ergebnisse haben wir auch berücksichtigt, dass aufgrund des Online-Zugangs die Zahl der Teilnehmer mit einem höheren Bildungsniveau sowie der Erwerbstätigen unter den Haupflegepersonen höher ist. Haushalte, in denen Pflegebedürftige und Hauptpflegeperson zusammenleben, sind außerdem weniger vertreten.

Sie haben ja bei den befragten Hauptpflegepersonen erhebliche Belastungen festgestellt. Sind pflegende Angehörige also die idealistischeren Menschen?

Schwinger: Das kann man sicherlich nicht so sagen, und es würde auch den vielen professionellen Pflegekräften nicht gerecht, die außergewöhnliche Arbeit unter nicht immer leichten Bedingungen leisten. Was man aber sagen kann ist, dass pflegende Angehörige erhebliche Eigenleistungen in Form von Pflege und Betreuung einbringen. Im Mittel liegt der Pflege- und Betreuungsbedarf in den befragten Haushalten bei täglich rund achteinhalb Stunden. Etwa sechs Stunden und damit fast drei Viertel davon übernimmt die Haupt-Pflegeperson. Freunde und andere nicht bezahlte Personen decken weitere anderthalb Stunden ab. Eine knappe dreiviertel Stunde täglich übernehmen Pflegedienste oder werden in Form anderer Sachleistungen der Pflegeversicherung erbracht.

Sie sagen, sechs der knapp neun Stunden Betreuungszeit liegen bei einem pflegenden Angehörigen. Wie verteilen sich diese sechs Stunden?

Schwinger: Jeweils gut zwei Stunden pro Tag entfallen auf Pflege beziehungsweise weitere  Betreuung. Hinzu kommt im Schnitt noch etwas mehr als eine halbe Stunde in der Nacht. Hilfe bei der Haushaltsführung macht rund anderthalb Stunden aus. Allerdings zeigen die Ergebnisse auch unterschiedliche Belastungshöhen – sowohl zeitlich als auch subjektiv. Bis zu 50 Prozent der pflegenden Angehörigen sind rund vier Stunden im Einsatz. Jeder vierte Haushalt kommt auf mindestens siebeneinhalb Stunden.

Auch die subjektiv wahrgenommene Belastung ist erheblich – wie haben Sie die gemessen?

Schwinger: Mit Hilfe der sogenannten „Häuslichen-Pflege-Skala“ – kurz HPS. Die HPS beinhaltet unter anderem Fragen zur körperlichen Erschöpfung, zur Lebenszufriedenheit und zur psychischen Belastung. Knapp 26 Prozent aller befragten Pflegepersonen sind danach hoch belastet. Dabei verschärft sich die subjektive Belastungssituation für Haushalte, in denen ein demenziell erkrankter Mensch oder mit einem Pflegegrad von drei bis fünf lebt. Hier kommen mitunter zehn und mehr Stunden pro Tag zusammen. Jeder zehnte Haushalt gibt sogar an, fast rund um die Uhr im Einsatz zu sein.

Nun hat der Gesetzgeber die Leistungsangebote der Pflegeversicherung in den vergangenen Jahren deutlich ausgeweitet. Zur Entlastung der Betroffenen hat das aber offensichtlich kaum beigetragen. Was sagt das über die Reformbemühungen?

Schwinger: Bemerkenswert ist zumindest, dass frühere Befragungen wesentlich geringere Anteile von Angehörigen mit hoher Belastung ausgewiesen haben. Insgesamt ist das Bild sehr heterogen. Mit Blick auf die anstehende Weiterentwicklung der Pflegeversicherung lässt sich wohl sagen, dass eine isolierte Diskussion um die Begrenzung finanzieller Eigenanteile in der vollstationären Pflege zu kurz greift, denn auch ambulant bestehen erhebliche Belastungen – und die sind eben nicht primär finanzieller Art.
Anstatt die Leistungen in erster Linie davon abhängig zu machen, ob sie ambulant oder stationär erbracht werden, sollte vielmehr die Bedarfssituation der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen gezielt in den Fokus genommen werden. Die Leistungen und Hilfen der Pflegeversicherung müssen noch stärker differenziert und gezielt den Haushalten gewährt werden, die einen besonders hohen Bedarf haben oder sich sogar in einer Krisensituation befinden.

Was sind denn laut Ihrer Befragung die Wünsche der Betroffenen selbst?

Schwinger: Die Hälfte der Befragten wünscht sich mehr Unterstützung – bezahlt oder unbezahlt – für die Bereiche "Körperpflege, Ernährung und Mobilität", "Betreuung und Beschäftigung im Alltag" sowie "Hilfe bei der Führung des Haushaltes". Bei den Haupt-Pflegepersonen mit einer hohen subjektiven Belastung sind es sogar 75 Prozent.


Zum ams-Politik 09/20