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Coronavirus und Intensivstation: Außer Atem

Von Marcel Laskus (Süddeutsche Zeitung, 16.04.2020)

Nur etwa jeder Zweite, der auf der Intensivstation landet, überlebt den fünften Tag. Eine Visite mit der Ärztin Katharina Lenherr bei Schwerkranken im Klinikum Rosenheim.

Wenn Katharina Lenherr einen Schlauch in den Rachen eines Patienten schiebt, um ihn künstlich zu beatmen, beschlagen manchmal die Scheiben ihrer Schutzbrille. Der Patient hustet dann und röchelt, er ringt nach Luft, spuckt aus. Zwei Paar Einweghandschuhe zieht Katharina Lenherr deshalb übereinander. Es klebt darunter, es juckt. Man will da raus, sich kratzen, aber man lässt es lieber sein. Auf der anderen Seite der Schutzkleidung ist ja möglicherweise alles kontaminiert.

Ein Krankenhaus ist ein Ort der Nähe. Nur mit körperlicher Nähe kann eine Ärztin einem Kranken bestmöglich helfen. Ihn berühren, ihm Zuspruch geben oder zumindest ein Lächeln. Aber die Ärztinnen und Pfleger hier tragen Masken und Schutzkleidung, einige sogar Schweißerbrillen. Auf der Covid-Intensivstation im städtischen Klinikum Rosenheim ist zwischen Katharina Lenherr und ihren Patienten eine Distanz, die man bis vor wenigen Wochen nicht kannte.

Sie sind getrennt durch mehrere Lagen Kunststoff. Dahinter können die Ärzte nur schwer atmen und die Patienten die Gesichter der Ärzte nicht sehen. Sie sind getrennt durch eine Krankheit. Für die Patienten kann sie so gefährlich sein wie für die Menschen, die sie behandeln. 35 der 1000 Pfleger im Klinikum sind an diesem Tag infiziert. Katharina Lenherr, 42 Jahre alt, Co-Chefin der Intensivstation, sagt: "Der Eigenschutz ist das Wichtigste." Solange Menschen wie sie gesund sind, können andere wieder gesund werden.

Es kann jeden treffen. Der jüngste Patient ist 34. Er war ein gesunder Mensch, bis vor zwei Wochen

Die Tür zum Zimmer des momentan jüngsten Patienten steht offen. Die meisten sind über 70. Allein liegt er da in einem kahlen, hellen Raum, seit neun Tagen schon. Jahrgang 1985 steht auf dem Patientenschein. 34 Jahre ist er alt. Sein Haar ist schwarz und voll. Keine Herzprobleme, kein Diabetes, kein Asthma. Ein recht gesunder Mensch, bis vor zwei Wochen. Sein Brustkorb hebt und senkt sich langsam. Er hat Covid-19, wie alle 13 Menschen auf der Station. Sein Fall ist nicht repräsentativ, weil er so jung ist. Aber auch in Rosenheim trifft das Virus ja nicht nur die Alten hart.

Die Krankenhäuser in Deutschland scheinen gewappnet zu sein für die Pandemie. Trotzdem gibt es Orte, an denen die Lage kritisch ist. An denen man sieht, wie es wäre, wenn. Rosenheim ist so ein Ort. Viele Patienten waren zuvor in Ischgl und Südtirol, manche haben die Skifahrerbräune noch auf ihrer Haut. Ministerpräsident Markus Söder erklärte die Region zum "Hotspot". Pro 100 000 Einwohner sind im Landkreis Rosenheim derzeit 616 Menschen infiziert. Deutschlandweit liegt die Region in relativen Zahlen damit auf Platz drei.

Vor drei Wochen, als Rosenheim in der Tabelle an ähnlicher Stelle stand, dachte Klinikchef Jens Deerberg-Wittram: "Das schaffen wir nicht mit unseren normalen Mitteln." Er ging davon aus, dass er bis zum 10. Mai 85 Intensivplätze benötigt. Er hatte gerade mal die Hälfte.

Einmal wurde Katharina Lenherr von einem Nachbarn gefragt, ob es denn wirklich so schlimm sei mit der Krankheit. Da habe sie gesagt: "Menschen jeden Alters können daran sterben." Die wenigsten wissen: Nur etwa jeder Zweite, der auf der Intensivstation landet, überlebt den fünften Tag. Es trifft vor allem die Älteren. Das ist in Bergamo und New York so und auch in Rosenheim.

Wer auf der Intensivstation liegt, der hat es immer schwer, das war auch vor Corona nicht anders. An den Wänden im Flur hängen Bilder von Sonnenuntergängen und sattgrünen Wiesen. Es ist das einzig Sinnliche hier. Hinter den Masken gibt es keine Gerüche, nur den eigenen Atem. Aus den Zimmern hört man die Maschinen fiepen, monoton und schrill.

Geht man mit Katharina Lenherr durch die Zimmer, sieht man die Patienten mit ihren weit geöffneten Mündern. Schläuche stecken darin. Die Glieder sind schlaff. Damit die Augenlider und Lippen während des künstlichen Komas nicht rissig werden, cremen die Pfleger sie immer wieder ein. Bei vielen Patienten arbeiten die Nieren nicht mehr, deshalb werden sie dialysiert. Noch ein Organ, das künstlich am Leben erhalten werden muss.

Die Ärzte und Pfleger sprechen hier ständig über die Gesundheitswerte der Patienten. Die Kranken schlafen ja tief und fest. Wenn es aber darum geht, wie es tatsächlich um sie steht, dann wird Katharina Lenherr leise. "Die Patienten haben es wirklich schwer", sagt sie. "Das ist anders als das, was wir bei Lungenpatienten kannten."

Lenherr ist eine freundliche Frau, deren Wärme auch durch all den Kunststoff zu spüren ist. Ihren Mund muss man nicht sehen, um zu merken, dass sie lächelt. Seit 15 Jahren ist sie Ärztin, seit 25 Jahren lebt sie in Rosenheim. Schon ihr Vater war Arzt. Sie hat Menschen wiederbelebt, und sie hat Menschen sterben sehen. Aber was hier passiert, kannte sie bisher nicht. Normalerweise ist für sie absehbar, ob ein Patient wieder gesund wird oder nicht. Aber bei den ersten Covid-19-Fällen waren sie und ihre Kollegen ratlos.

Vor gut zwei Wochen, an seinem ersten Tag auf der Intensivstation, schaffte es die Lunge des 34-Jährigen nicht mehr, allein zu atmen. Also schoben ihm Katharina Lenherr und ihre Kollegen einen Schlauch durch den Hals, dick wie ein Zeigefinger. Man muss den Kehlkopf anheben mit einem Spatel aus Metall. Ohne Narkose ist das für den Patienten kaum zu ertragen. Dann der Sauerstoff aus der Maschine, der die entzündeten Lungen befüllt. Wenn die Narkose nachlässt, beginnt das künstliche Koma. Es endet mit dem Aufwachen. Oder mit dem Tod.

Angehörige dürfen nicht kommen. Auch dann nicht, wenn jemand stirbt

Die Schutzausrüstung lassen die Ärzte sogar an, wenn sie vor ihren Computern sitzen, wo sie die Werte der Patienten im Blick haben. Ihre Stimmen klingen gedämpft hinter den Masken. Hinter ihnen stapeln sich die Schachteln mit Ketamin, Schlafmittel, Beruhigungsmittel.

Wenn Katharina Lenherr durch die Gänge läuft, knistert der Kunststoff, die Schuhe quietschen. Von den Patienten hört man nichts. Kein Stöhnen, kein Weinen, kein Jammern. Die Beruhigungsmittel werden knapp, aber noch ist genug da, damit jeder schlafen kann, ohne etwas zu spüren.

Die Intensivstation ist ein anderer Ort geworden. Es geht jetzt nur noch um eine Krankheit. Angehörige dürfen nicht herein. Auch dann nicht, wenn jemand gestorben ist. Hat ein Kranker etwas dabei, zum Beispiel ein gemaltes Bild der Enkelin, dann darf dieses Bild die Station nicht mehr verlassen - zu gefährlich. Vor ein paar Tagen haben Handwerker an den Türen zu den Patientenzimmern kleine Fenster eingebaut. So sehen die Ärzte, ob die Patienten noch atmen, ohne dafür die Türen öffnen zu müssen. Denn auch mit Schutzkleidung ist das Risiko hoch. Sterben soll trotzdem niemand allein. Wenn ein Patient es wünscht, reicht Katharina Lenherr ihm einen Angehörigen am Telefon. Wenn es zu Ende geht, hält sie seine Hand.

Am meisten berührt habe sie der Tod eines Mittefünfzigjährigen, den sie flüchtig kannte, sagt Katharina Lenherr. Drei Wochen ist das jetzt her. Er war gesund, ohne Vorerkrankungen. "Das war sehr belastend für uns im Team." Ob sie die Überlebenschancen der Patienten vorhersagen kann? "Ich werde einen Teufel tun, da eine Zahl zu nennen", sagt sie. Die kühle Arithmetik des Todes überlässt sie den Wissenschaftlern außerhalb des Klinikums. Katharina Lenherr kennt zu jeder Zahl auch ein Gesicht. Das macht es so schwer.

Natürlich bekommen sie auch hier drinnen mit, dass die Zahlen der Infizierten und Toten seit ein paar Tagen langsamer steigen in Deutschland, auch in Rosenheim. Bei Katharina Lenherr kommt diese Entwicklung erst später an. Vielen, die sich in den letzten Tagen infiziert haben, mag es jetzt noch gutgehen. Ein paar Stunden später könnte ihr Zustand schon kippen. Laut den Prognosen des Klinikums ist der Höhepunkt hier am 27. April erreicht. Das sind noch fast zwei Wochen.

Weil der Höhepunkt also wohl noch bevorsteht, war die Ärztin Katharina Lenherr in den letzten Tagen auch damit beschäftigt, zwei weitere Intensivstationen im Klinikum aufzubauen. Die Schlaganfall-Einheit wurde geräumt, ein Bettenlager und einige Büros. "Dafür braucht man normalerweise ein halbes Jahr", sagt sie. Draußen, vor dem Klinikum, stehen zwei Zelte, für die neuen Patienten, wenn es in der Notaufnahme zu voll wird. Bisher blieben die Zelte leer.

Das Virus hatte einen Vorsprung. Nun scheint es, als habe man aufgeholt.

Als Anästhesistin weiß Lenherr, wie man Menschen in Narkose bringt. Wenn sie sieht, dass jemand Hilfe braucht, packt sie mit an. Covid-19-Patienten, deren Zustand sich im künstlichen Koma verschlechtert, muss man in die Bauchlage bringen, um den Gasaustausch in der kranken Lunge zu verbessern. Dafür braucht es jeden, der helfen kann. Ein Mensch im Koma ist schwerer als ein wacher Mensch. "Umwuppen", sagt Lenherr. Und dann: "Ich bin meinem Team unendlich dankbar, wie es mit dieser Situation umgeht."

Sie sind ein Team, aber sie vereinzeln nun immer mehr, denn wegen des Virus dürfen die Pfleger und Ärzte auf der Intensivstation nicht mehr zusammen essen und trinken. Auch auf die Toilette gehen können sie nur noch außerhalb der Station. In der Kantine haben die Einzeltische jetzt zwei Meter Abstand zueinander. Und wer dorthin will, muss sich immer wieder komplett umziehen und desinfizieren.

Einer der Ärzte ertrug die Hitze unter den Masken nicht mehr und rasierte sich den Vollbart ab. Im Pausenraum, in dem sich das Personal aus- und einschleust, sieht man die feuerroten Köpfe nach den vier, fünf Stunden in Vollmontur. Der Leinenstoff unter all dem Kunststoff ist bei den meisten durchtränkt von Schweiß. An den Wangen der Pflegerinnen und Ärzte sind die Abdrücke der FFP2-Masken eingegraben. Wie es ihr nach so einer Schicht geht? Katharina Lenherr sagt: "Ich habe einfach nur großen Durst."

Damit die Sorgen der Kollegen nicht noch größer werden, sitzt Jens Deerberg-Wittram, der Leiter des Klinikums, auch an diesem Morgen um 8.20 Uhr mit seinem Krisenstab zusammen. Seit Anfang März treffen sie sich jeden Tag, auch am Wochenende, und so schaut Deerberg-Wittram auch heute wieder in 18 Augenpaare. Die Leiterin der Hygiene ist da. Die Chefärzte. Die Chefin des Qualitätsmanagements. Der Einkäufer. Und Katharina Lenherr, die Chefin der Intensivstation. Sie besprechen, wie es weitergeht.

Was können wir aus den Todesfällen lernen? Was können wir dafür tun, dass ein 34-Jähriger wieder gesund wird? Wie bringen wir die Mitarbeiter dazu, besser auf sich zu achten, wenn sie selbst infiziert sind? In Rosenheim mag sich die Lage stabilisiert haben. Aber sie wissen alle, wie schnell sich das ändern kann. Am Montag musste in Moskau eine Klinik schließen. Die Chefärztin liegt am Beatmungsgerät.

Deerberg-Wittram schaut in seinen Laptop, der voll ist mit Diagrammen und Grafiken, die sich minütlich aktualisieren. Eine Grafik ist besonders wichtig. Drei Linien sind zu sehen, sie alle führen im zeitlichen Verlauf nach oben, und erst im späteren Verlauf wieder bergab. Sie sind grün, orange und rot. Auf der grünen Linie ist der prognostizierte Anstieg am schwächsten. Die Berechnung geht davon aus, dass die Patienten im Durchschnitt elf Tage auf der Intensivstation bleiben. 41 Betten mit bestmöglicher Versorgung wären dann zum Höhepunkt Ende April belegt. Über so viele Betten verfügt die Klinik aktuell. Die rote Linie geht von 21 Tagen Liegezeit aus. Dann bräuchten sie 77 Intensivbetten hier. Doppelt so viele wie im Normalbetrieb. Um auch auf die rote Linie vorbereitet zu sein, hat Jens Deerberg-Wittram mit seinem Krisenstab in wenigen Tagen so gut wie alles umgeworfen und sich mit den umliegenden Kliniken koordiniert.

An einem Montag vor vier Wochen waren 50 Covid-19-Patienten im Klinikum, am Ende der Woche waren es doppelt so viele. Es kamen immer mehr. Sie waren in einem schlechten Zustand, ihre Lungen konnten nicht mehr. Am 5. März war die erste Patientin tot. Sie war vorerkrankt, sagt Deerberg-Wittram, das schon. Aber noch keine 30 Jahre alt.

Die eine Hälfte der Klinik ist mit Covid-19-Kranken stark belastet, die andere so gut wie leer

Wenn Jens Deerberg-Wittram an die aktuelle Auslastung seiner Klinik denkt, dann denkt er auch an Katharina Lenherr und ihre Kollegen. "Die Situation nimmt die Menschen auf der Station sehr mit." Auch Katharina Lenherr hat einen besonderen Blick in den Augen, wenn sie über die unerwarteten Krankheitsverläufe spricht. Es kann eine verstörende Erkenntnis sein, wenn man sieht, dass selbst die Profis nicht mehr genau weiterwissen.

Und es ist irritierend, wenn eine halbe Klinik stark belastet ist und die andere Hälfte so gut wie leer. Wenn Katharina Lenherr zurückläuft vom Konferenzraum zur Intensivstation, dann kommt sie vorbei an der Orthopädie, in der niemand ein Hüftgelenk ersetzt bekommt. Sie kommt vorbei an den Warteecken, in denen niemand wartet, an Betten, in denen niemand liegt. Alle Operationen, die nicht nötig sind, wurden verschoben.

Stille kann beruhigen. Aber sie kann auch zu falschen Schlüssen führen: dass es so schlimm ja gar nicht ist.

50 Prozent weniger Patienten mit Herzinfarkten kommen momentan ins Klinikum, sagt Klinikchef Deerberg-Wittram. Auch die Schlaganfälle und die schweren Magen-Darm-Fälle sind nicht mehr so häufig hier wie sonst. "Die Menschen haben eine irre Angst, sich im Krankenhaus anzustecken." Wenn die Lippe des Großvaters hängt, ein Zeichen für einen Schlaganfall, dann gehe man jetzt nicht mehr sofort ins Krankenhaus. Man wartet lieber. Und das kann tödlich sein. Wie groß der Kollateralschaden sein wird, weiß noch niemand.

Zu einer Klinik gehören Ärztinnen und Ärzte. Aber dahinter steht auch ein Apparat, der laufen muss wie ein Uhrwerk. Nur weil der Einkäufer die Versorgung sicherstellt, die Hygienikerin die Räume sauber hält und die Pflegeleiterin für Personalnachschub sorgt, kann Katharina Lenherr Leben retten.

Da ist der Leiter des Einkaufs, der sagt: "Um die Mehrkosten zu bewältigen, werden wir Unterstützung vom Staat benötigen." Normalerweise kostet eine einfache Mund-Nasen-Maske drei Cent. Jetzt ist der Marktpreis bei 1,30 Euro. Normalerweise werden für die Klinik 7500 Stück im Jahr gekauft, jetzt reicht dieser Vorrat für keine drei Wochen. Vom Staat bekommen die Kliniken zur Unterstützung seit April 50 Euro pro Patient für Schutzausrüstung. Aber es gibt ja nichts mehr auf dem Weltmarkt. Es gibt aber persönliche Kontakte: Ein Schwager des Einkaufsleiters arbeitet bei einem Hersteller für Haarfärbemittel. Er habe ihn darum gebeten, Desinfektionsmittel herzustellen. Nächste Woche könnte die erste Fuhre vielleicht schon auf Katharina Lenherrs Station ankommen.

Da ist die Leiterin der Pflege, die sagt: "Wir waren überwältigt von der Menge von Bewerbungen." In den letzten zwei Wochen stellte sie 120 neue Mitarbeiter ein. Den Aufruf bei Facebook sahen sich mehr als 100 000 Menschen an. "Heldinnen und Helden gesucht!", stand da. Pflegerinnen, die schon in Rente waren, meldeten sich, Studierende, Hausärztinnen, Ex-Zivildienstleistende. Jeden Tag finden nun Lehrgänge statt, die "Reanimation" heißen oder "Beatmung". Die ersten Aushilfen arbeiten schon auf Katharina Lenherrs Station. Sie waschen Patienten und räumen die Lager voll, was Lenherr viel Zeit erspart, weil man dafür jedes Mal die Kleidung wechseln muss.

Normalerweise entsorgen sie ihre Schutzmaske nach einmaliger Verwendung. Jetzt nicht mehr

Und da ist die Leiterin der Hygiene, die sagt: "Es geht mal vorwärts, mal zurück." Ständig veränderten sich die Anforderungen des Robert-Koch-Instituts, manchmal mehrmals am Tag. Mal wurde etwas gelockert - zum Beispiel, dass Kontaktpersonen nicht mehr in Quarantäne müssen, wenn sie sich ausreichend schützen. Mal wurde etwas strenger - zum Beispiel, dass keine Besucher mehr in die Klinik dürfen.

In der Notaufnahme sind in der Zwischenzeit zwei weitere Covid-19-Fälle eingetroffen, von denen Katharina Lenherr noch nicht weiß, ob sie zu ihr oder auf die Normalstation kommen. Sie muss sich nun wieder einmal komplett umziehen. Sie hat keine Ahnung, wie oft sie das heute schon gemacht hat, die blaue Hose und das Oberteil ausziehen, dann wieder anziehen, dann die Plastikschürze überziehen, und noch eine, Maske, Kopfschutz, Handschuhe, noch mal Handschuhe. Zehn Minuten braucht sie dafür jedes Mal.

Sie haben jetzt ein anderes Verhältnis zu ihren FFP2-Masken. Normalerweise wird so eine Maske nach einmaliger Verwendung entsorgt. Jetzt verwenden sie und ihre Kollegen eine Maske manchmal den ganzen Tag. Die Masken sind in Nierenschalen aus Pappe gelagert, darauf stehen die Namen. Auf eine Schachtel ist eine Blume gemalt, auf eine andere ein Smiley.

Es ist Nachmittag, neben dem 34-Jährigen ist jetzt ein weiterer Patient bei Bewusstsein auf der Station. Um ihm Ruhe zu geben, ist die Tür geschlossen. Auch das Rollo ist heruntergelassen. Patienten, die transportfähig sind, werden jetzt in andere, kleinere Kliniken der Region gebracht, weil auch sie aufgerüstet haben.

Am achten Tag seines künstlichen Komas ist der 34-Jährige wieder aufgewacht. Als man ihm den Schlauch entfernt hat, habe er gesagt: "Gott sei Dank, endlich ist das Teil raus!" Ein junger Mann, der das Atmen wieder lernt. Am ersten Tag nach seinem Aufwachen liegt er da, während Katharina Lenherr und ihre Kollegen seinen Zustand begutachten. Das Atmen strengt ihn an. Kein Lächeln. Noch nimmt er nicht wieder ganz teil an der Welt.

"Dieses erste Aufwachen ist ein großer Augenblick", sagt Katharina Lenherr, als sie neben seinem Bett steht. "Das ganze Team war erleichtert." Andere haben es nicht geschafft. In den Nachbarzimmern sind am Tag zuvor zwei gestorben.

Nähe ist wichtig, Zuwendung auch, aber weil das alles gerade nicht sein darf, haben sie Radios in der Intensivstation aufgestellt, neben jedes Bett eines Patienten. Das Gehör ist oft der erste Sinn, den man wieder wahrnimmt, wenn man aus dem künstlichen Koma erwacht. Sie schalten also Bayern 1 oder Antenne Bayern an, je nachdem, was besser zum Patienten passen könnte. Revolverheld, Silbermond, Alicia Keys. So kann sich ein Schwerkranker zumindest ein Stück weit wieder an die Welt gewöhnen, die er verlassen hat. Und wenn die Menschen um einen herum mit ihren Masken und Schutzbrillen auch noch so befremdlich aussehen mögen, dann ist wenigstens der Klang vertraut.

Der 34-Jährige kann die Covid-Intensivstation an seinem elften Tag verlassen, als erster Patient, der das künstliche Koma überstanden hat. Er ist jetzt auf der Normalstation im Nachbarhaus, um sich zu erholen. In seinem Bett auf der Intensivstation liegt ein neuer Patient, 72 Jahre alt. Er wird beatmet.

"Außer Atem“, Marcel Laskus, SZ.de vom 16.04.2020, © Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von Süddeutsche Zeitung Content (www.sz-content.de).


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