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AOK-Studie: Digitales Gesundheitswissen ist ausbaufähig

ams-Hintergrund

17.12.20 (ams). Jedem zweiten Menschen in Deutschland fällt es schwer, gesundheitsbezogene digitale Angebote und Informationen zu finden, zu verstehen und anzuwenden. Das zeigt die erste bundesweit repräsentative Studie zur „Digitalen Gesundheitskompetenz“ der AOK. 8.500 Frauen und Männer im Alter von 18 bis 75 Jahren hat das Institut Skopos im Auftrag der AOK im Herbst dieses Jahres zu ihrer digitalen Gesundheitskompetenz befragt. Die Erhebung fand anonym unter Teilnehmern statt, die sich generell bereit erklärt haben, an Online-Umfragen teilzunehmen.

Die Stichprobe erfolgte auf Basis des Mikrozensus des Statistischen Bundesamts und war hinsichtlich Alter, Geschlecht, Bildungsstand und Einkommen repräsentativ. Die Gesamtstichprobe ergab sich durch Befragung von jeweils 500 Teilnehmern in jedem Bundesland. In Nordrhein-Westfalen befragten die Sozialforscher zudem im Rheinland und in Westfalen ebenfalls je 500 zufällig ausgewählte Teilnehmer. Die Befragung dauerte im Schnitt rund sieben Minuten. Das Ergebnis: Der Umgang mit gesundheitsbezogenen digitalen Angeboten und Informationen fällt gut jedem zweiten Menschen (52,4 Prozent) schwer.

Laut Definition umfasst die allgemeine digitale Gesundheitskompetenz individuelle, soziale und technische Kompetenzen und Ressourcen, die für das Suchen, Finden, Verstehen, Bewerten und Anwenden digital verfügbarer Gesundheitsinformationen wichtig sind. Sie soll Menschen befähigen, durch Nutzung digitaler Gesundheitsanwendungen ein selbstbestimmtes Leben bei hoher Lebensqualität zu führen. Zur spezifischen digitalen Gesundheitskompetenz gehören unter anderem die computerbezogene Kompetenz, Lese­ und Schreibkompetenz, Such- und Findekompetenz, sowie Gesundheitskompetenz, die sogenannte Health Literacy. "Die Anforderungen an Nutzer, mit digitalen Informations­ und Kommunikationstechnologien umzugehen, sind heute sehr hoch" erläuterte Dr. Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband bei der Präsentation der Studie am 8. Dezember. Das Gesundheitssystem befinde sich mitten in einem digitalen Umbruch - die Anforderungen würden also weiter steigen. "Umso wichtiger ist es, allen einen einfachen Zugang zu verlässlichen, qualitätsgesicherten und laienverständlichen Informationen zu ermöglichen", betonte Kolpatzik.

Die Studie erhob Daten aus sieben unterschiedlichen Bereichen. Dazu zählten operative Fähigkeiten wie Betriebskenntnisse eines Computers, die Fähigkeit zur Navigation im Internet sowie die Erstellung eigener Inhalte. Auch der Schutz von Privatsphäre, die Informationssuche selbst und die damit verbundene Bewertung der Verlässlichkeit und Relevanz von Informationen spielten eine Rolle. Insbesondere der letztgenannte Faktor fiel den Befragten am schwersten. So hatte knapp die Hälfte von ihnen (48,4 Prozent) Schwierigkeiten, die Zuverlässigkeit von Gesundheitsinformationen zu beurteilen. 40 Prozent fanden es "schwierig bis sehr schwierig" einzuschätzen, ob hinter den Informationen kommerzielle Interessen stehen.

Frauen und Personen mit höherem Einkommen und höherer Bildung zeigen den Ergebnissen zufolge "tendenziell eine höhere digitale Kompetenz". Frauen und Männer mit sehr gutem oder gutem Gesundheitszustand hatten laut Studie eine höhere digitale Gesundheitskompetenz als Menschen mit mittelmäßigem bis sehr schlechtem Gesundheitszustand. "Die Umfrage zeigt, dass digitale Gesundheitsangebote leicht zugänglich, verständlich und verlässlich sein müssen, damit alle Menschen davon profitieren", sagte AOK-Verbandschef Martin Litsch.

Der Fragenkatalog - ein Gemeinschaftsprojekt von AOK­-Bundesverband, AOK Rheinland/Hamburg und dem Leibniz Wissenschaftscampus Digital Public Health - folgte in seiner Konzeption dem niederländischen Digital Health Literacy Instrument. Dieses Erhebungsinstrument der Forscherinnen van der Vaart und Drossaert erschien besonders valide, vor allem im direkten Vergleich mit anderen internationalen Fragebögen und vor dem Hintergrund einer sich dynamisch entwickelnden Digitalisierung. Der Fragebogen der aktuellen AOK­Studie basiert auf der übersetzten englischsprachigen Publikation mit 21 Fragen und wurde um Fragen zum Gesundheitszustand und dem Vorliegen von chronischen Erkrankungen sowie zur gesundheitsbezogenen Mediennutzung ergänzt.

Laut Studienergebnissen hat mehr als die Hälfte der Personen ohne chronische Erkrankung eine hohe oder sehr hohe digitale Gesundheitskompetenz. Bei Menschen mit mehreren chronischen Krankheiten sind es nur 43,1 Prozent. Matthias Mohrmann, Vorstandsmitglied der AOK Rheinland/Hamburg und Co-Autor der Studie, sprach sich bei der Vorstellung der Ergebnisse dafür aus, gerade in der Corona-Krise Menschen vor Falschinformationen im Netz zu schützen. "Fundierte Gesundheitskompetenz kann helfen, eine Spaltung der Gesellschaft in Informierte und Uninformierte zu verhindern und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern", unterstrich Mohrmann. Mit entsprechenden Versorgungsverträgen und Disease-Management-Programmen (DMP) könnten Personen angesprochen und informiert werden, die bisher noch Schwierigkeiten mit digitaler Gesundheitskompetenz hätten. Auch sogenannte Patientenbegleiter und Selbsthilfegruppen könnten zum Beispiel chronisch Kranke mit niedrigschwelligen Angeboten versorgen und sie im Umgang mit digitalen Informationen schulen.


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