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Lucha erwartet von Ampel mehr Tempo bei Umbau des Gesundheitswesens

AOK will passgenaue regionale Lösungen

(24.11.21) Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manfred Lucha erhofft sich von der künftigen Ampelregierung mehr Tempo bei der Modernisierung des Gesundheitswesens. "Wir müssen schnell sein", sagte der Grünen-Politiker mit Blick auf den kurz vor der digitalen Veranstaltung vorgestellten Koalitionsvertag der Ampelkoalition. Die Pandemie habe die Probleme wie "ein Brennglas" nochmals dramatisch aufgezeigt. Es gelte, die veraltete Grenze zwischen ambulanter und stationärer Versorgung zu überwinden, um die Versorgung der Bürger zu verbessern und zu sichern. Die Doppelstrukturen würden unnötig Personal und Ressourcen binden. Zugleich sei es etwa schwierig, für manche Regionen noch Ärzte zu finden.

Auch der Hamburger Gesundheitsökonom Jonas Schreyögg nannte einen Strukturwandel "dringender denn je". Deutschland habe im internationalen Vergleich hohe Fallzahlen. Viele stationäre Behandlungen könnten auch ambulant erfolgen. Der Experte riet, zunächst wenig komplexe Klinikbehandlungen auszugliedern. Das betreffe 2,9 Millionen Fälle jährlich. Auch "wohnortnahe Versorgung" müsse neu gedacht werden, so Schreyögg. Denkbar sei, dass Patienten in der Stadt operiert, aber im Heimatort in Kurzzeitpflege kämen. Kleinere Kliniken auf dem Lande sollten daher in Gesundheitszentren mit Bettenstation oder auch mit OP-Sälen für ambulante Eingriffe umgewandelt werden.

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, wünschte sich mehr Spielraum für die Kassen, um passgenaue regionale Verträge abschließen und so die Bedarfe der Patienten besser berücksichtigen zu können. In Ballungsgebieten gebe es oft eine Überversorgung, auf dem Land Unterversorgung. "Versorgung ist immer regional, die Probleme sind auch regional", so Litsch. Die AOK schlägt neue, sektorenübergreifende "3+1-Gremien" aus Vertretern von Kassen, Ärzten, Kliniken sowie als unparteiisches Mitglied ein Vertreter des jeweiligen Bundeslandes vor, die auf Landesebene die Versorgung planen und sicherstellen. Lucha nannte den Ansatz "richtig".

Francesco De Meo, Chef des Klinik-Konzerns Helios, mahnte mehr Mut zu innovativen Modellen an. Gerade Telemedizin biete Chancen, die Versorgung auf dem Lande zu unterstützen. Deutschland habe jedoch die Digitalisierung "komplett verschlafen". Zudem stünden oft rechtliche Hürden Ideen wie mobilen Gesundheitsdiensten im Weg, so De Meo. Auch Mark Barjenbruch, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen, sorgt sich. "Wir kriegen nicht mehr an jeden Ort einen Arzt." Bei Reformen gelte es aber, die Akteure mitzunehmen und mögliche Probleme zu adressieren.


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Das "3+1" der Klinikplanung

Das 3+1-Gremium soll den Sicherstellungsauftrag übernehmen, in Abstimmung mit den obersten Landesbehörden den Versorgungsbedarf vor Ort abstimmen und Versorgungsaufträge sektorenunabhängig an passende Leistungserbringer vergeben. Die AOK hatte in ihrem Positionspapier zur Gesundheitspolitik nach der Bundestagswahl 2021 einen "neuen Rahmen auf Bundesebene“ gefordert, damit sich "Versorgungsplanung und Sicherstellung nicht mehr an Sektorengrenzen, an Arztsitzen und Bettenzahlen orientieren, sondern an Versorgungsaufträgen und Leistungskomplexen".


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