vorlesen

Sprechen, bewegen, gemeinsam üben: Im Alter profitieren vor allem pflegebedürftige Menschen von Heilmitteltherapien

Heilmittelbericht 2015

(18.12.15) Wenn im Alter die Selbstständigkeit im Alltag abhanden kommt oder die Sprache neu erlernt werden muss, unterstützen Krankengymnastik, Ergo- oder Sprachtherapie die Behandlung. Nahezu jeder Dritte der über 60-jährigen AOK-Versicherten in Deutschland hat 2014 eine dieser Therapien in Anspruch genommen. Das zeigt der aktuelle Heilmittelbericht 2015 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Vor allem pflegebedürftige Menschen ab 60 Jahre nutzen Heilmittelbehandlungen. "Sie erhalten drei Mal so viele Heilmitteltherapien wie Nicht-Pflegebedürftige", sagte Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO. "Insbesondere jüngere Pflegebedürftige zwischen 60 und 64 Jahren profitieren davon. 2014 hat jeder von ihnen durchschnittlich mehr als 27 Heilmittelbehandlungen erhalten. Das sind sechs Mal mehr als Nicht-Pflegebedürftige im gleichen Alter."

Für den Heilmittelbericht 2015 hat das WIdO die über 37 Millionen Heilmittelrezepte analysiert, die im Jahr 2014 für die rund 70 Millionen Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ausgestellt wurden. Mit den Daten von über 24 Millionen AOK-Versicherten wurde der Heilmittelbedarf für ältere Menschen ab 60 Jahre genauer betrachtet. Mit den Ergebnissen macht der Bericht den besonderen Behandlungsbedarf im Alter deutlich: Mehr als die Hälfte aller Heilmittelbehandlungen (52,1 Prozent) wird von einer Versichertengruppe in Anspruch genommen, die gerade einmal 30 Prozent aller AOK-Versicherten ausmacht. Unter diesen mehr als 7,7 Millionen AOK-Versicherten ab 60 Jahren haben 28,6 Prozent im Jahr 2014 mindestens eine Heilmitteltherapie erhalten. Bei Kindern, Jugendlichen und jüngeren Erwachsenen bis 20 Jahre liegt der Vergleichswert bei 10,3 Prozent und bei den Erwachsenen zwischen 20 und 59 Jahren bei 15,8 Prozent.

Ältere Senioren erhalten mehr Ergo- und Sprachtherapien

Im Behandlungsspektrum älterer Menschen spiegeln sich die gesundheitlichen Belastungen: Mit zunehmendem Alter nehmen die ergo- und sprachtherapeutischen Maßnahmen einen größeren Anteil an allen Heilmittelbehandlungen ein. Auch die gleichzeitige Therapienutzung von Ergo-, Sprach- und Physiotherapie nimmt zu. Während sich unter den jüngeren Senioren zwischen 60 und 64 Jahren nur 10 von 1.000 Versicherten in Ergotherapie und 4,4 von 1.000 Versicherten in Sprachtherapie befunden haben, liegt der Wert bei den 84- bis 89-Jährigen nahezu doppelt so hoch: 18,3 Patienten je 1.000 Versicherte ließen sich ergotherapeutisch und 8,4 Patienten je 1.000 Versicherte sprachtherapeutisch behandeln.

Dass die Behandlungen den spezifischen gesundheitlichen Beschwerden der verschiedenen Altersgruppen folgen, macht der verstärkte Heilmitteleinsatz bei Pflegebedürftigen deutlich. 42,3 Prozent der pflegebedürftigen AOK-Versicherten ab 60 Jahre erhalten Heilmitteltherapien. Bei den Nicht-Pflegebedürftigen liegt der Anteil bei 24,5 Prozent. Physiotherapeutische Behandlungen bestimmen in allen Altersgruppen das Heilmittelgeschehen. Doch bei den jüngeren Pflegebedürftigen zwischen 60 und 64 Jahren wird ein Spitzenwert von 20,1 Behandlungen pro Versicherten erreicht. Nicht-Pflegebedürftige in dieser Altersgruppe liegen bei einem Pro-Kopf-Wert von 4,5 Physiotherapiebehandlungen.

"Pflegebedürftige mit demenzbedingten Einschränkungen erhalten weniger Physiotherapie als andere Pflegebedürftige. Das liegt auch daran, dass die Vermittlung von Therapieinhalten bei dementen Menschen weniger gut gelingt", sagte Schröder. So erhalten 37,2 Prozent der älteren Menschen ohne demenzbedingte Einschränkungen in der Pflegestufe eins eine Physiotherapie. Bei den Demenzerkrankten in dieser Pflegestufe sind es 22,3 Prozent und damit ein Drittel weniger. "Damit macht der Heilmittelbericht deutlich, dass ältere Menschen zielgruppengerecht entsprechend der vorliegenden Pflegebedürftigkeit oder Alltagskompetenz mit Heilmittelbehandlungen unterstützt werden", so Schröder.

GKV-weit entfielen 36,9 Millionen Heilmittelleistungen auf den Maßnahmenkatalog der Physiotherapie. Das ist der mengenmäßig weitaus größte Teil aller Therapien: Physiotherapien haben einen Anteil von 84,6 Prozent an allen Heilmittelverordnungen. Dies entspricht knapp 251 Millionen einzelnen physiotherapeutischen Behandlungen mit einem Gegenwert von 4,17 Milliarden Euro. Die Kosten für die Heilmittelversorgung insgesamt erreichten einen Umsatz von 5,77 Milliarden Euro.

Der Heilmittelbericht des Wissenschaftlichen Instituts der AOK zeigt Versorgungstrends für die vier Heilmittelbereiche Ergotherapie, Sprachtherapie, Physiotherapie und Podologie auf und stellt die regionale Inanspruchnahme durch die Versicherten dar. Mit übersichtlichen Darstellungen nach Altersgruppen und Geschlecht sowie Arztgruppen und Indikationen schafft er eine Grundlage für Gespräche und Verhandlungen zwischen Ärzten, Therapeuten und Krankenkassen über die bundesweite Heilmittelversorgung.

(Pressemitteilung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK vom 18.12.15)