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Die Verbesserung regionaler Versorgungsstrukturen im Blick

ams-Interview: Fritz Schösser und Dr. Volker Hansen, alternierende Vorsitzende des Aufsichtsrates des AOK-Bundesverbndes

Foto: Fritz Schösser

Fritz Schösser, für die
Versichertenseite im Aufsichtrat

20.04.17 (ams). Im Gegensatz etwa zur Deutschen Rentenversicherung Bund verzichtet die AOK bei den Sozialwahlen auf den klassischen Urnengang und geht den Weg der sogenannten Friedenswahl. Das heißt die vorschlagsberechtigten Organisationen auf Seiten der Arbeitgeber und der Versicherten – im Falle der AOK meist Gewerkschaften – erstellen Listen mit den Kandidaten für die Selbstverwaltungsorgane. Kandidieren nicht mehr Vertreter als Sitze beispielsweise in den Verwaltungsräten der Krankenkassen zu besetzen sind, kommt es zu sogenannten Friedenswahlen. Mit Ablauf des Wahltermins am 31. Mai gelten diese Kandidaten automatisch als gewählt.

Herr Schösser, ist das Verfahren der Friedenswahl wirklich geeignet, die Akzeptanz der Sozialwahl zu fördern?

Schösser: Die Selbstverwaltungsorgane der AOK setzen sich je zur Hälfte aus Versicherten- und Arbeitgebervertretern zusammen. Für beide Gruppen gilt, dass ihre Vertreter durch einen Abstimmungsprozess in den jeweiligen Organisationen legitimiert sind, zu kandidieren. Damit beruht die Zusammensetzung der Gremien bereits auf einem Interessenausgleich zwischen Arbeitnehmern und -gebern. Das Verfahren ist legitim und bewährt.

Würden generelle Urwahlen die Akzeptanz stärken?

Schösser: Eine Urwahl würde nur für die Versichertenseite gelten. Die Arbeitgebervertreter werden von Verbänden entsandt und daran würde sich nichts ändern. Eine Urwahl würde bedeuten, dass die kandidierenden Gewerkschafter sich in ihren Positionen so unterscheiden müssten, dass die Wähler unterschiedliche Profile oder Zielsetzungen erkennen könnten. Das halte ich schlicht für unmöglich. So unterschiedlich können die Positionen in Bezug auf die Aufgaben einer Krankenkasse gar nicht sein.

Welche besondere Herausforderung sehen Sie für die Selbstverwaltung in der kommenden Legislaturperiode bis 2023?

Schösser: Die Selbstverwaltung hat die Aufgabe mitzuhelfen, dass politische und gesetzliche Vorgaben der Parlamente auf Landes- und Bundesebene im Gesundheitsalltag umgesetzt werden. Sie bestimmen damit über das Versorgungsangebot der jeweiligen Krankenkasse mit. Die AOKs sind große Versorgerkassen. Sie arbeiten an der Verbesserung von regionalen Versorgungsstrukturen – und das in Zeiten der Digitalisierung und des medizinisch-technischen Fortschritts. Das Hauptanliegen ist, dass alle weiterhin den Zugang zu bestmöglicher Versorgung und Leistung im Gesundheitswesen haben.

Foto: Dr. Volker Hansen

Dr. Volker Hansen, für die
Arbeitgeberseite im Aufsichtsrat

Herr Hansen, 2017 ist auch Jahr der Bundestagswahl. Welche gesundheitspolitische Kernforderung richten Sie als Arbeitgeber an eine künftige Regierung?

Hansen: Sie muss eine gehörige Portion Mut und Willen haben, endlich das zu tun, wovor alle vorherigen Bundesregierungen  zurückgeschreckt sind: Erstens den Mut und Willen zu durchgreifenden, nachhaltigen Strukturreformen im Gesundheitswesen – im Interesse der Versicherten, Beitragszahler und Patienten. Zweitens den Mut und Willen, die Finger von milliardenschweren Beschlüssen vor allem zugunsten der Leistungsanbieter zu lassen, seien es Krankenhäuser, Ärzte, Apotheken. Nur dann wird die gesetzliche Krankenversicherung die Zukunft meistern.

Für welche Maßnahmen in Bezug auf Unternehmen streiten die Arbeitgebervertreter in der AOK-Selbstverwaltung?

Hansen: Die Arbeitgeber haben ein ureigenes Interesse an gesunden, leistungsfähigen Mitarbeitern, um auf den Märkten konkurrenzfähige Güter anbieten zu können. Hierzu braucht es ein dauerhaft leistungsfähiges und finanzierbares Gesundheitswesen. Das deutsche GKV-System ist gut, aber muss permanent und konsequent an sich verändernde gesellschaftliche und volkswirtschaftliche Rahmenbedingungen angepasst werden. Dem müssen wir uns stellen.

Die Digitalisierung nimmt Fahrt auf und könnte Arbeitsplätze schaffen, aber auch kosten. Sehen Sie mehr Chancen oder Risiken?

Hansen: Die Wirtschaftsgeschichte ist reich an Horrorszenarien. Sie sind Standard im Repertoire der Schwarzmaler. Doch die Realität sieht ganz anders aus: Trotz regelmäßiger Wissenssprünge, Technikschübe, Strukturumbrüche schreiten wir – abgesehen von vorübergehenden Anpassungs- und Umstellungsprozessen – von Beschäftigungsrekord zu Beschäftigungsrekord, vor allem auch bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung.


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