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Hörprobleme im Alter: Frühzeitig aktiv werden

ams-Serie "Pflege" (6)

27.06.17 (ams).  Wenn Opa den Fernseher immer lauter stellt, Oma bei Nebengeräuschen im Restaurant oder bei Familienfesten oft nachfragen muss und zudem selbst laut spricht, deutet das auf eine beginnende Schwerhörigkeit hin. Zwischen 25 und 40 Prozent der Menschen über 65 Jahre hört schlecht, bei den über 75-Jährigen ist es bereits die Hälfte; 80-Jährige sind zu 80 Prozent von Schwerhörigkeit betroffen.
"Ältere schwerhörige Menschen nehmen insbesondere hohe Töne und Geräusche nicht mehr richtig wahr", sagt Anja Debrodt, Ärztin im AOK-Bundesverband. Sie haben Schwierigkeiten, Gespräche zu verstehen, vor allem, wenn im Hintergrund andere Geräusche ablenken. Manchmal treten zusätzlich Ohrgeräusche auf. Etwa ab dem 50. Lebensjahr nimmt die natürliche Leistungsfähigkeit des Gehörs auf beiden Ohren ab. Dahinter steckt in der Regel eine Schädigung des Innenohres, aber auch der Hörnerv und das Hörzentrum werden durch den Alterungsprozess beeinträchtigt. Bei gesunden Menschen werden Geräusche von der Ohrmuschel eingefangen und über den Gehörgang weitergeleitet. Sie bringen das Trommelfell zum Schwingen. Über die Gehörknöchelchen im Mittelohr wird der Schall dann ins Innenohr übertragen. Dort werden akustische Reize in Nervenimpulse umgewandelt und anschließend  im Gehirn verarbeitet. Im Alter ist diese Schallempfindung gestört.


Sendefertige Radio-O-Töne mit Anja Debrodt, Ärztin im AOK-Bundesverband

Folgen einer altersbedingten Schwerhörigkeit

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Ein Hörgerät verbessert den Alltag

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Der Prozess der Schwerhörigkeit geht im Alter schleichend einher. Er beginnt meist mit dem Hörverlust hoher Frequenzen und nachlassendem Sprachverständnis in lautem Umfeld (Cocktail-Party-Effekt). Geräusche werden schneller als schmerzhaft empfunden. Lärm ist eine weitere Ursache für schwindendes Hörvermögen. Ältere wie junge Menschen sollten daher das Gehör vor Lärm schützen. Bereits ein Lärmpegel von 85 Dezibel kann Hörschäden hervorrufen, wenn man dieser Lautstärke dauerhaft ausgesetzt ist. Zum Vergleich: Ein normales Gespräch ist etwa 50 bis 60 Dezibel laut, in Clubs oder bei Rockkonzerten werden etwa 120 Dezibel erreicht. Geräusche, die über 130 Dezibel ansteigen, können zu akuten Hörschäden führen. Wer am Arbeitsplatz viel Lärm ausgesetzt ist oder zu Konzerten geht, sollte daher Gehörschutz tragen und dem Gehör hinterher Ruhepausen gönnen. Faktoren wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Stoffwechselerkrankungen, erbliche Veranlagung und Nikotinkonsum können die Schwerhörigkeit im Alter begünstigen. Schwerhörigkeit wirkt sich auf die Kommunikation und das soziale Leben aus: Da Schwerhörige Gespräche nicht mehr gut mitbekommen, sind sie oft zunehmend isoliert. "Da kann es Betroffenen schon helfen, sich in einer Umgebung zu treffen, die wenig Nebengeräusche hat, und sich direkt mit ihnen zu unterhalten", so Debrodt. 

Unbehandelt kann Schwerhörigkeit vorzeitigen geistigen Abbau, sozialen Rückzug und Unsicherheit bei der Bewältigung des Alltags, beispielsweise im Straßenverkehr, zur Folge haben. In der Regel lassen sich Hörschäden im Innenohr nicht durch eine medizinische Behandlung rückgängig machen. Meist können Betroffene mit einem Hörgerät aber wieder besser hören. "Auch wenn es zu Beginn mühsam ist, so lohnt es sich, das Hörgerät so früh wie möglich einzusetzen", sagt Ärztin Debrodt. Sie empfiehlt, bei Hörproblemen einen Hals-Nasen-Ohren-(HNO)-Arzt aufzusuchen, der bei Bedarf das für die jeweilige Situation angepasste Hörgerät verordnen kann. Moderne Geräte sind oft kaum mehr sichtbar. Die meisten Patienten wählen ein sogenanntes Hinter-dem-Ohr-Gerät. Angeboten werden auch Im-Ohr-Geräte und sogenannte Hörbrillen. Die AOK übernimmt die Kosten für Hörgeräte, die dem aktuellen Stand der Technik entsprechen. Diese Geräte gleichen eine Hörminderung in geräuschvoller Umgebung aus. An wen sich Versicherte wenden können und wie sie am besten vorgehen, erfahren Versicherte bei ihrer AOK vor Ort. "Nutzen Sie in jedem Fall die Möglichkeit, verschiedene Geräte in Ihrer alltäglichen Umgebung Probe zu tragen, und testen Sie, mit welchem Sie am besten hören", rät Debrodt. Haben sich Patienten für ein Gerät entschieden, muss es bestmöglich auf die individuelle Hörstörung eingestellt werden. Oft sind im Laufe der Gewöhnung an die neuen Höreindrücke weitere Feineinstellungen notwendig. Der Hörgeräteakustiker sollte Betroffenen außerdem zeigen, wie sie das Gerät richtig nutzen. Hörgeräte nützen nur, wenn Patienten noch ein wenig hören können. Bei vollständigem Hörverlust kann gegebenenfalls ein sogenanntes Cochlea-Implantat helfen, das operativ eingesetzt wird, um das Innenohr funktionell zu ersetzen.

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