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Rauschen, Klingeln, Klopfen: Mit ständigen Ohrgeräuschen leben

Tinnitus

24.01.17 (ams). Wenn es im Ohr länger als drei Monate pfeift, klingelt, rauscht, klickt oder klopft, spricht man von chronischem Tinnitus. Viele Betroffene belasten die permanenten Ohrgeräusche sehr. Sie können jedoch Strategien entwickeln, damit zurechtzukommen. "Glücklicherweise sind die Ohrgeräusche nur sehr selten Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung", sagt Dr. Gerhard Schillinger, Leiter des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband. Etwa fünf bis 15 Prozent aller Erwachsenen leiden irgendwann unter einer länger andauernden Tinnitus-Episode, schätzt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen. "Tinnitus ist kein einheitliches Krankheitsbild, sondern kann viele Formen annehmen", erläutert AOK-Arzt Schillinger. Sehr selten besteht ein sogenannter objektiver Tinnitus, bei dem man auch von außen die Ohrgeräusche hören kann, zum Beispiel wenn Gefäßprobleme Strömungsgeräusche verursachen. Viel häufiger tritt die subjektive Form auf, bei der nur die Betroffenen selbst die Geräusche wahrnehmen. Dabei unterscheiden Mediziner zwischen einer akuten und einer chronischen Variante. Einen akuten Tinnitus kennen viele Menschen nach einer hohen Lärmbelastung. Dieser geht häufig auch mit einer vorübergehenden Hörminderung einher. Chronisch ist ein Tinnitus, wenn die Ohrgeräusche mindestens drei Monate lang auftreten. Das Risiko dafür steigt mit zunehmendem Alter. Die meisten Menschen mit Tinnitus haben auch eine unterschiedlich starke Hörminderung.
Häufig entsteht ein Tinnitus infolge von Lärm, der die Sinneszellen der Hörschnecke im Innenohr schädigt. Hohe Schallpegel bei einem Disco- oder Konzertbesuch oder einem Schuss aus nächster Nähe, aber auch eine niedrigere, lange anhaltende Lärmbelastung können die Entstehung von Ohrgeräuschen begünstigen. Weitere mögliche Auslöser für Tinnitus können Ohrschmalzpfropfen, chronische Mittelohrentzündung, ein geplatztes Trommelfell, eine Verknöcherung des Mittelohrs (Otosklerose) und selten gutartige Tumore im Hirnstammbereich sein. Auch Stoffwechselerkrankungen, Probleme mit den Kiefermuskeln oder dem Kiefergelenk, hoher Blutdruck und Nebenwirkungen von Medikamenten können Tinnitus verursachen. "Bei den meisten Menschen lässt sich allerdings keine Ursache für die permanenten Ohrgeräusche feststellen", sagt AOK-Arzt Schillinger.


Sendefähige Radio-O-Töne mit Dr. Gerhard Schillinger, Leiter des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband

Was ist Tinnitus?

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Mögliche Therapien neben der Verhaltenstherapie

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Das beim Tinnitus wahrgenommene Geräusch ist häufig nicht lauter als das Geräusch eines trockenen Blattes, das auf den Boden fällt, und oft ist es nicht halb so laut wie das Schluckgeräusch. Studien zeigen zudem, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Lautstärke des Tinnitus und der Beeinträchtigung der Betroffenen gibt. Dennoch kann das permanente Geräusch dazu führen, dass Betroffene sich schlecht konzentrieren und schlafen können. Manche leiden unter Angstzuständen und Depressionen; sozialer Rückzug und Arbeitsunfähigkeit können folgen.

Liegt dem Tinnitus eine Erkrankung zugrunde, verschwindet nach deren erfolgreicher Behandlung meist auch der Tinnitus wieder. "Eine wichtige Rolle bei der Diagnostik und Behandlung eines chronischen Tinnitus spielt der Hals-Nasen-Ohren-Arzt", sagt Schillinger. Dieser kann dem Patienten nach der Abklärung die Angst nehmen, dass eine schwerwiegende Erkrankung dem Tinnitus zugrunde liegen könnte, und ihn dabei unterstützen, sich mit den Geräuschen zu arrangieren. Bei Schwerhörigkeit oder Hörverlust kann eine begleitende Hörtherapie sinnvoll sein.Zur Behandlung eines Tinnitus ohne klare Ursache werden viele Therapien angeboten. Es gibt Medikamente, die Hochdrucksauerstofftherapie oder auch sogenannte Masker und Noiser, das sind Geräte, die ein leises Rauschen erzeugen und so von den Hörgeräuschen ablenken sollen. Außerdem gibt es Apps, die die Tinnitusfrequenz aus der Lieblingsmusik herausfiltern. Allerdings ist bei allen diesen Therapien nicht nachgewiesen, dass sie einen Nutzen haben. Insbesondere die Medikamente können auch Nebenwirkungen hervorrufen.
Wirklich nachweislich nützt nur die Verhaltenstherapie Patienten, die durch den Tinnitus stark belastet sind. Dadurch wird zwar der Tinnitus nicht besser, aber die Lebensqualität der Betroffenen steigt, wenn sie lernen, mit den Ohrgeräuschen zu leben und sich durch sie nicht beeinträchtigen zu lassen.

Lärmschutz ist sinnvoll

"Um Hörschäden und einem Tinnitus vorzubeugen, ist es wichtig, sich vor Lärm zu schützen", sagt AOK-Arzt Schillinger. Hörschäden können ab einer Lautstärke von 85 Dezibel entstehen, wenn man diesem Lärm lange Zeit ausgesetzt ist. Nach Angaben der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) verursachen Lastwagen und Motorräder im Straßenverkehr 90 Dezibel, in Discos werden 100 bis 110 Dezibel gemessen. Bei 100 Dezibel ist nach etwa 80 Minuten die zulässige Schallbelastung für eine Woche erreicht. "Wenn es laut wird, ist es daher immer gut, einen Gehörschutz zu tragen, das gilt insbesondere auch für Konzert- oder Discobesuche", rät Schillinger. Wichtig sind aber auch Lärmpausen, in denen sich das Gehör erholen kann.


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