vorlesen

Cybermobbing: Den Anfängen wehren

Psychoterror im Netz

27.10.15 (ams). Peinliche Fotos und Videos werden verbreitet, Gerüchte gestreut, Menschen im Netz beschimpft, beleidigt und bedroht - Cybermobbing hat viele Gesichter. "Sobald digitale Medienkanäle genutzt werden und wenn jemand systematisch und über einen längeren Zeitraum hinweg regelrecht fertiggemacht wird, handelt es sich um ‘Cybermobbing‘", erklärt Kristin Langer, Mediencoach der Initiative "SCHAU HIN! Was Dein Kind mit Medien macht", mit der die AOK kooperiert.

Psychoterror im Netz ist weit verbreitet. Einer Befragung des Bündnisses gegen Cybermobbing zufolge sind etwa 17 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland bereits Opfer solcher Attacken geworden. Das kritischste Alter liegt zwischen zwölf und 15 Jahren. Verbreitet werden Beschimpfungen, Beleidigungen, Gerüchte und Verleumdungen meist in sozialen Netzwerken. Mehr als ein Fünftel der Betroffenen fühlen sich durch die Attacken dauerhaft belastet. Die Befragung von mehr als 10.000 Schülern, Eltern und Lehrern von Ende 2012 bis Anfang 2013 ergab auch, dass die Täter überwiegend aus der eigenen Schule stammen. 19 Prozent der befragten Schüler gaben zu, selbst schon einmal gemobbt zu haben.

Anonymität senkt die Hemmschwelle

Im Vergleich zu direktem Psychoterror im Klassenzimmer oder auf dem Schulhof unterscheidet sich Cybermobbing durch einige wesentliche Punkte:

  • Anonymität: Die Betroffenen wissen nicht, wer sie bloßstellt oder beleidigt. Die Mobber können unerkannt bleiben. Das senkt die Hemmschwelle, jemanden in modernen Medien zu diffamieren.
  • Reichweite: Die Attacken können das Opfer rund um die Uhr und in verschiedenen Medien erreichen. Die Zahl derjenigen, die davon erfahren, ist groß und unüberschaubar. Auch die Zahl der "Mitläufer", die etwa peinliche Fotos gut finden und weiterverbreiten, ist höher als bei direktem Mobbing in der Schule.
  • Zeitliche Dauer: Es ist schwierig, Inhalte vollständig aus dem Netz zu löschen. Auch wenn beleidigende Kommentare in einer Community entfernt sind, können sie später an anderer Stelle wieder auftauchen.

"Dieser Dauerbelastung kann ein einzelner Mensch kaum standhalten", weiß "SCHAU HIN!"-Medienpädagogin Langer. "Gerade Kinder und Jugendliche werden dadurch tief verunsichert." Viele schämen sich und ziehen sich zurück, manche reagieren aggressiv.

Mehr Informationen zum Thema:

Auswirkungen des Psychoterrors können auch sein, dass Kinder und Jugendliche über Kopf- oder Bauchschmerzen klagen und nicht mehr zur Schule gehen wollen. Im schlimmsten Fall macht Psychoterror krank. Nach Langers Erfahrung ist jeder Fall von Cybermobbing anders. "Manchmal beginnt alles mit einem Missverständnis, das nicht persönlich geklärt wird, und schaukelt sich immer weiter hoch", sagt sie. Viele Jugendliche hielten es auch für einen Spaß, beispielsweise Fotos von anderen zu verfremden und ins Netz zu stellen, und wüssten gar nicht, was sie damit anrichten könnten. Den meisten sei zudem nicht klar, dass man erst das Einverständnis des Abgebildeten einholen muss, bevor man ein Bild veröffentlicht.

Um Cybermobbing vorzubeugen, empfiehlt Langer Schülern, persönliche Daten und Fotos für sich zu behalten und nicht jedem alles von sich preiszugeben. Ratsam sei es auch, geschützte Chaträume wie die in den Portalen Seitenstark.de oder Kindersache.de zu nutzen, in denen man Beleidigungen melden kann. Generell sei es sinnvoll, Störer zu ignorieren und zu blockieren. Die Medienpädagogin appelliert zugleich an Schüler, sich im Netz auch selbst respektvoll zu verhalten. Sie sollten nicht bei fiesen Attacken gegen andere mitmachen und auch nicht unüberlegt zurückbeleidigen, sondern Konflikte lieber persönlich klären. Bei massiven Beleidigungen sollten sie sich nicht scheuen, Hilfe zu holen, indem sie ihre Eltern oder Lehrer informierten.

Eltern gibt "SCHAU HIN!"-Medienexpertin Langer folgende Tipps:

  • Interessieren Sie sich generell dafür, welche Seiten und Communitys Ihr Kind im Internet nutzt, richten Sie diese gemeinsam ein und sprechen Sie dabei über mögliche Risiken.
  • Bieten Sie Ihrem Kind Unterstützung an, wenn es von Cybermobbing betroffen ist. Weiß Ihr Kind, dass es bei Ihnen Trost und Sicherheit bekommt, hilft ihm das.
  • Überstürzen Sie nichts, sondern überlegen Sie mit Ihrem Kind gemeinsam, welche Schritte sinnvoll sind.
  • Vertraut sich Ihr Kind Ihnen nicht an, sollten Sie aufmerksam werden, wenn es sich anders verhält als sonst. Anzeichen für Mobbing können beispielsweise sein, dass sich das Kind zurückzieht oder nicht mehr
  • in die Schule gehen will. Bieten Sie ihm dann Hilfe an oder ermuntern Sie es, mit einer Vertrauensperson zu reden. Sie können Ihr Kind auch auf Beratungsangebote hinweisen, etwa Mobbing-Hotlines oder die "Nummer gegen Kummer".
  • Verzichten Sie darauf, Ihrem Kind Vorwürfe zu machen oder es zu bestrafen.
  • Hilfreich kann es sein, mit dem Klassenlehrer Rücksprache zu halten und ihn über die Attacken zu informieren. Dann kann er Cybermobbing im Unterricht zum Thema machen.
  • Stärken Sie das angeknackste Selbstwertgefühl Ihres Kindes, indem Sie ihm Zuwendung geben, gemeinsam etwas unternehmen oder es zu Aktivitäten ermuntern, die ihm Spaß machen.

Bei massivem Psychoterror eingreifen

"Ist das Kind von massivem Psychoterror im Netz betroffen, rate ich Eltern, in jedem Falle einzugreifen", rät Langer. "Wichtig ist allerdings immer, auch zu prüfen, welche Schritte sinnvoll sind und was Ihr Kind mittragen kann." Sinnvoll kann dabei sein:

  • mithilfe von Bildschirmaufnahmen (Screenshots) Belege der Gemeinheiten zu sammeln sowie alle Informationen und Nicknamen zum Vorfall zu notieren oder zu speichern,
  • sofern die Beteiligten bekannt sind, diese aufzufordern, die Inhalte zu entfernen.
  • Bleibt dies erfolglos, können sich Eltern an den Betreiber des Internetportals wenden und ihn auffordern, die Inhalte zu löschen.
  • Massive Beleidigungen und Drohungen sind strafbar. Dagegen können Eltern bei der Polizei Anzeige erstatten.

Zugleich sollten Eltern im Blick behalten, dass ihr Kind auch am Mobbing beteiligt sein kann. "Viele können sich das überhaupt nicht vorstellen, es ist aber gar nicht selten", weiß Langer. In diesem Fall können Eltern versuchen, im Gespräch mit ihrem Kind herauszufinden, warum es andere ausgrenzt oder bloßstellt. Sie können ihm verdeutlichen, wie schlimm die Attacken für das Opfer sind und es auffordern, damit aufzuhören. Macht es trotzdem weiter, sind Sanktionen wie ein Handy- oder Internetverbot möglicherweise angeraten. Es kann auch sinnvoll sein, Kontakt zu Eltern anderer Täter der Gruppe aufzunehmen und zu überlegen, wie das Mobbing beendet werden kann.

Zum ams-Ratgeber 10/15