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Weniger Beschwerden - konstant hohe Fehlerquote

Behandlungsfehler-Statistik

Foto: Intensivstation

18.06.18 (ams). Jedes vierte Gutachten der Medizinischen Dienste der Krankenkassen (MDK) deckt einen Behandlungsfehler auf. Das zeigt auch die aktuelle Statistik des Medizinischen Dienstes des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen (MDS) für 2017. Demnach ist zwar die Zahl der beauftragten Gutachten im vergangenen Jahr von 15.094 auf 13.519 leicht gesunken. Die Quote der festgestellten Behandlungsfehler bleibt mit 24,7 Prozent aber auf nahezu gleichem Niveau. In jedem fünften Fall (19,9 Prozent) hatte der Behandlungsfehler direkte gesundheitliche Schäden für den Patienten zur Folge. "Wir sehen immer wieder die gleichen Fehler, auch solche, die nie passieren dürften, weil sie gut zu vermeiden wären - vom im Körper vergessenen Tupfer bis hin zu Verwechslungen von Patienten und falschen Eingriffen", so der MDS.

Die MDKen bestätigten im vergangenen Jahr 3.337 Fehler. Ein Behandlungsfehler liegt vor, wenn eine medizinische Maßnahme gegen medizinisch-wissenschaftliche Standards verstößt und die gebotene Sorgfalt vermissen lässt. Laut Begutachtungsstatistik betrafen zwei Drittel der Vorwürfe Behandlungen im Krankenhaus, ein Drittel bezog sich auf Behandlungen durch niedergelassene Leistungserbringer. Viele Vorwürfe bezögen sich auf chirurgische Eingriffe, weil Patienten diese oft leichter an den Folgen erkennen könnten als etwa Fehler bei der Verschreibung und Verabreichung von Medikamenten, stellt der MDS fest. Fast jeder dritte Vorwurf (31 Prozent) bezieht sich auf die Fachbereiche Orthopädie und Unfallchirurgie. Nimmt man die Allgemeinchirurgie noch hinzu, steigt der Anteil auf 40 Prozent. Knapp jeder siebte Verdacht (13 Prozent) betrifft internistische und allgemeinmedizinische Behandlungen, jeweils acht Prozent entfallen auf die Zahnmedizin und Gynäkologie.

Behandlungsfehler-Management ist ein Patientenrecht

In seiner Erklärung weist der MDS aber explizit darauf hin, dass eine hohe Zahl an Vorwürfen keine Rückschlüsse auf eine hohe Zahl an tatsächlichen Behandlungsfehlern zulasse. Die Zahl an sich sage wenig über das Risiko in einem Fachgebiet aus. So bestätigten die MDK--Fachärzte knapp die Hälfte der Fehlervorwürfe (49,8 Prozent) in der Pflege, deren Anteil bei den Vorwürfen nur fünf Prozent beträgt. Bei den bestätigten Behandlungsfehlern auf Platz zwei liegt die Zahnmedizin (35,2 Prozent), gefolgt von der Frauenheilkunde (27 Prozent). „Ein erhebliches Problem bleibt die große Dunkelziffer im Bereich der Behandlungsfehler“, sagt Nora Junghans. Die Rechtsanwältin ist im AOK-Bundesverband für das Behandlungsfehler-Management verantwortlich. "Patienten können sich beim Verdacht auf einen Behandlungs- oder Pflegefehler bei ihrer Krankenkasse melden, die die Betroffenen kostenlos unterstützt. Nicht alle wissen das und nicht jeder traut sich."

Die AOK-Gemeinschaft greift im Rahmen ihres Behandlungsfehler-Managements auch auf die Expertise des jeweils zuständigen MDK zurück. Insgesamt erteilen die Serviceteams mehr als 4.700 Aufträge für gutachterliche Bewertungen jährlich bundesweit, um den Verdacht auf einen Behandlungs- und/oder Pflegefehler zu prüfen. Über 14.000 AOK-Versicherte nehmen die kompetente Beratung des Behandlungsfehler-Managements jedes Jahr in Anspruch. Seit Verabschiedung des Patientenrechtegesetzes 2013 sollen die Kranken-kassen ihre Versicherten bei der Verfolgung von Schadenersatzansprüchen unterstützen, die aus Behandlungs- und Pflegefehlern entstanden sind. Die AOK hat ihr Behandlungsfehler-Management bereits im Jahr 2000 freiwillig in allen Bundesländern etabliert.

Spezialisierte und erfahrene Mitarbeiter der AOK-Serviceteams helfen vertraulich dabei, einen Verdacht auf mögliche Behandlungs- oder Pflegefehler zu klären. Am Anfang der individuellen Beratung steht in der Regel ein Gespräch, bei dem der Patient seinen Fall schildert. Erhärtet sich der Verdacht auf einen Fehler, kann die AOK auf Wunsch des Versicherten die Behandlungsunterlagen einholen und eine Stellungnahme veranlassen. Dazu müssen die Betroffenen grundsätzlich eine Schweigepflicht-Entbindungserklärung und eine Herausgabegenehmigung erteilen. Dann wird gutachterlich geprüft, ob der Schaden, den der Patient erlitten hat, durch den Fehler kausal, also unmittelbar, verursacht worden ist.

Statistiken nicht einheitlich

Die Ärzteschaft, die eigene Beschwerdestellen hat, berichtete Anfang April über ihre Bilanz für 2017. Die Zahl der festgestellten Fehler ging dort leicht auf 2.213 bestätigte Fälle zurück. "Dies sagt jedoch nichts darüber aus, ob die Zahl der Behandlungs-und Pflegefehler in Deutschland insgesamt rückläufig ist, da es dazu keine verlässlichen Zahlen gibt", erläutert Junghans. "Die verschiedenen Akteure erfassen jeweils die ihnen bekannt geworden Fehlerfälle." MDS und Patientenschützer forderten unterdessen ein gemeinsames Zentralregister für Behandlungsfehler und Pflegefehler, um mehr Transparenz zu schaffen und im Sinne der Patientensicherheit vorbeugend agieren zu können. Es müsse Schluss damit sein, dass Krankenkassen, Ärztekammern und Gerichte Fehler nebeneinanderher sammelten.


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