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Hoher kommunikativer Aufwand für die Pflegekräfte

Pflege-Report 2018

Cover: Pflege-Report 2018

28.06.2018 (ams). Rund 60 unterschiedliche Hausärzte je 100 Bewohner gewährleisten im Durchschnitt die Hausarztversorgung im Pflegeheim. Das zeigt der Pflege-Report 2018 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). "Das sind sehr viele unterschiedliche Personen, die zu koordinieren sind. Für die Pflegekräfte dürfte das mit einem hohen kommunikativen Aufwand verbunden sein", sagt Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereiches Pflege im WIdO. Die vergleichende Analyse zeigt, dass die Qualität der Gesundheitsversorgung in den Heimen erheblich schwankt. Vielerorts sind die Antipsychotika-Verordnungen, die Dekubitus-Fälle sowie die vermeidbaren Krankenhaus-Einweisungen viel zu hoch.

Rund 780.000 Menschen leben derzeit in vollstationären Pflegeeinrichtungen. Viele von ihnen sind hochbetagt und haben mehrere Erkrankungen zugleich. Mehr als zwei Drittel leiden derart stark unter kognitiven und kommunikativen Beeinträchtigungen, dass sie in ihrem Alltag vielfältige Unterstützungen benötigen. Dass die Bewohner der Pflegeheime sehr unterschiedlich intensiv mit Hausärzten im Kontakt sind, belegt nun die Statistik des Pflege-Reports. Mindestens 81,4 Hausärzte je 100 Bewohner sind in jenen 25 Prozent der Häuser, die im Vergleich am schlechtesten abschneiden, in die Versorgung involviert. Fünf Prozent aller untersuchten Pflegeheime liegen mit 124,5 Hausärzten je 100 Bewohner weit über dem Durchschnitt von 58,5 Hausärzte je 100 Bewohner. "Hinter jedem neuen Kontakt steht eine weitere Schnittstelle zur ambulanten Versorgung, mit der sich die Pflegekräfte des Heimes abstimmen müssen", sagt Schwinger. Um die Heime unabhängig von ihrer Größe vergleichen zu können, waren die Kennzahlen auf eine Gruppe von 100 Bewohnern in einem Jahr hochgerechnet worden.

Versorgungsqualität transparenter machen

Der Pflege-Report 2018 basiert auf den Abrechnungsdaten von AOK-versicherten Pflegebedürftigen aus rund 5.600 Pflegeheimen. Die Auswertung zeigt, dass das Wundliegen der Bewohner mit durchschnittlich 8,5 neuen Dekubitus-Fälle je 100 Heimbewohner pro Jahr ein zentrales Problem ist. Das Viertel der Pflegeheime mit den schlechtesten Werten hat mit zwölf bis 44 jährlichen Fällen sogar um das Dreifache erhöhte Werte im Vergleich zu den 25 Prozent der Heime mit den niedrigsten Raten von maximal vier Fällen pro Jahr. "Pflegeheime mit mehr Risikopatienten müssen intensiver daran arbeiten, das Wundliegen zu verhindern. Denn ein Dekubitus ist bei einer entsprechenden prophylaktischen Pflege in der Regel zu vermeiden", sagt Schwinger. Auch wenn die Bewohner in den untersuchten Einrichtungen unterschiedliche gesundheitliche Risiken mit sich bringen, sei die Spanne der Werte auffällig.

Die Abrechnungsdaten sollten künftig genutzt werden, so die Pflege-Expertin, um die Qualität in der Versorgung transparent zu machen und langfristig zu verbessern. Das WIdO arbeitet deshalb an einem pflege- und gesundheitsbezogenen Indikatorenset für die vollstationäre Pflege auf Basis von Routinedaten. Der Einsatz der Kennzahlen solle aber nicht nur dazu dienen, Defizite aufzudecken und Erfolge von Interventionen zu messen, sondern vor allem auch dazu beitragen, einen berufsgruppenübergreifenden Qualitätsdialog anzustoßen. "Die Qualitätssicherung sollte nicht einfach aufhören, nur weil die rechtlichen Vorgaben in einem anderen Sozialgesetzbuch zu finden sind", sagt Schwinger. Schließlich habe eine Fehl-, Unter- oder Überversorgung in der Regel vielfältige Ursachen, die oft auch außerhalb des eigentlichen Pflegebereichs zu verorten seien.

Die Demenzpatienten unter den Heimbewohnern scheinen laut Pflege-Report beispielsweise eher überversorgt zu sein. 41 Prozent von ihnen erhalten mindestens ein Mal pro Quartal ein Antipsychotikum – und dass, obwohl eine dauerhafte Gabe gegen die medizinischen Leitlinien bei Demenz verstößt. Problematisch erscheint auch, dass jeder fünfte Pflegeheimbewohner innerhalb eines Quartals ins Krankenhaus eingewiesen wird. Schließlich stufen Experten etwa 40 Prozent dieser Einweisungen als potenziell vermeidbar ein. Diese sogenannten ambulant-sensitiven Krankenhausfälle summieren sich im Jahr auf durchschnittlich 32 Fälle pro 100 Heimbewohner. Die fünf Prozent der auffälligsten Heime haben mit 63 Fällen pro 100 Bewohner sogar doppelt so hohe Raten wie der Durchschnitt.


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