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Drei-Stufen-Konzept sorgt für mehr Gerechtigkeit bei der Vergütung

GBA-Beschluss zur Notfallversorgung

Foto: Krankenhaus Gang

09.05.18 (ams). Krankenhäuser müssen künftig bestimmte medizinische Anforderungen und Qualitätsstandards erfüllen, um Vergütungszuschläge für die Versorgung von Notfällen zu erhalten. Das hat der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA) in seinem Beschluss zum gestuften System für die Notfallversorgung festgelegt. Der AOK-Bundesverband begrüßt das in einer ersten Stellungnahme. "Das Konzept hat die Vergütungsgerechtigkeit im DRG-System verbessert, weil die Finanzierung der Zuschläge gesetzlich kostenneutral ausgestaltet ist", sagt Jürgen Malzahn, Leiter der Abteilung Stationäre Versorgung im AOK-Bundesverband.

Die Zuschläge sind künftig nach dem Umfang der Strukturen gestaffelt, die eine Klinik in jeder Versorgungsstufe vorhalten muss. In ländlichen Regionen werden alle Kliniken, die Sicherstellungszuschläge erhalten können, als Basisnotfallversorger eingestuft. Über die Definition der Basisnotfallversorgung hinaus gibt es Sonderregelungen für spezielle Versorgungsangebote wie Traumazentren, Einrichtungen für Kindernotfälle, Schlaganfallpatienten oder Patienten mit Durchblutungsstörungen am Herzen. Belegärzte sollen künftig keine Notfälle mehr behandeln. Auf der Grundlage des Stufensystems sollen die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der GKV-Spitzenverband und der Verband der privaten Krankenversicherung in den kommenden Monaten Zu- und Abschläge für die Teilnahme oder Nichtteilnahme an der Notfallversorgung vereinbaren. "In einem zweiten Schritt", so Malzahn, "muss aber dringend eine sektorenübergreifende Notfallversorgung folgen. Dabei sollten planerische Aspekte mit weiterer Konzentration der Notfallversorgung im Vordergrund stehen. Denn beispielsweise für die Versorgung von Herzinfarkten ist nur ein Teil der Kliniken geeignet, die jetzt einen Zuschlag erhalten sollen."

Qualität ist jetzt definiert

Je nach Ausstattung und Leistungsangebot können die Krankenhäuser künftig eine Basisnotfallversorgung (Stufe 1), eine erweiterte Notfallversorgung (Stufe 2) oder eine umfassende Notfallversorgung (Stufe 3) anbieten. Dafür müssen jeweils bestimmte Fachabteilungen vorhanden sein, es gibt Vorgaben zur Qualifikation des Personals, zu Versorgungskapazitäten und zur medizinisch-technischen Ausstattung sowie zu Strukturen und Prozessen. So dürfen die Patienten nach der Aufnahme durch die Zentrale Notaufnahme nicht länger als 30 Minuten auf eine fachärztliche Untersuchung warten, bei Bedarf muss innerhalb dieser Frist auch ein Anästhesist zur Stelle sein. "Notfälle sind zeitkritisch", betonte Prof. Josef Hecken, unparteiischer Vorsitzender des GBA, "wir sprechen nicht über Patienten, die sich die Ohren ausspülen lassen wollen, sondern hier sind in der Regel Schadensereignisse vorausgegangen." Die Bundesländer können in Ausnahmefällen dennoch einzelne Kliniken als Notfallversorger in den Krankenhausplan aufnehmen, wenn sie die Kriterien verfehlen.

Um die Folgen der Regelung abschätzen zu können, hatte der GBA die vorhandenen Notfall-Strukturen durch das IGES-Institut und auf der Basis weiterer Quellen analysieren lassen. Die Inventur durch das IGES ergab, dass von 1.748 allgemeinen Krankenhäusern, die heute an der Notfall-Versorgung teilnehmen, künftig 822 Kliniken Basisnotfallversorger sein werden. 144 würden an der erweiterten und 97 an der umfassenden Notfallversorgung teilnehmen. Nach derzeitiger Einschätzung werden 99,6 Prozent aller Bundesbürger auch künftig innerhalb von 30 Minuten eine Notaufnahme erreichen.

Etwa fünf Prozent der Notfälle des Jahres 2017 wurden an Kliniken behandelt, die die neuen Anforderungen derzeit nicht erfüllen (36 Prozent der Krankenhäuser). Während heute also bundesweit etwa 150 Häuser keine Zuschläge bekommen, könnten es künftig etwa 650 sein. Wie viele es nach Ablauf der Übergangsfrist von drei Jahren tatsächlich sein werden, bleibe abzuwarten, erklärte Hecken: "Viele dieser Kliniken sind sogenannte Schwellenhäuser, die einen großen Teil der Kriterien erfüllen, aber ihren Computertomografen zum Beispiel am Wochenende abschalten. Es hängt davon ab, was diese Häuser tun."

Versorgung über Sektorengrenzen hinweg gestalten

Doch nicht nur auf die Kliniken kommt es an. "Rettungsdienst, ambulante und stationäre Notfallversorgung müssen gemeinsam betrachtet werden, um medizinisch sinnvolle Strukturen zu schaffen", so Klinikexperte Malzahn. Wegweisend dafür ist eine aktuelle Studie, die die Kassenärztliche Bundesvereinigung in Auftrag gegeben hatte. Dort werden unter Erreichbarkeitsgesichtspunkten zwischen 736 und 337 Standorten für die Notfallversorgung errechnet. Für die 337 Standorte müsse allerdings viel gebaut werden, erklärt Mahlzahn. Aber aus medizinscher Sicht sei eine weitgehende Konzentration der Notfallversorgung sinnvoll. "Die Latte liegt also hoch."

Bei diesem mittelfristigen Prozess spiele auch die Information der Patienten eine besonders wichtige Rolle: "Wenn die ambulante Notfallversorgung künftig – wie vom Sachverständigenrat angedacht – in integrierten Versorgungszentren erfolgen soll, ist eine intensive und dauerhafte Informationskampagne unerlässlich, damit die Patienten die neuen Strukturen kennenlernen und in Anspruch nehmen."

In seinem Beschluss forderte der GBA die Krankenhäuser außerdem zur Kooperation mit den Kassenärztlichen Vereinigungen auf: Durch den Aufbau weiterer Portalpraxen sollen Selbsteinweiser im Umfeld der Notaufnahmen zunehmend ambulant versorgt werden können.


Zum ams-Politik 05/18