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Weites Pendeln hat Auswirkungen auf die Seele

WIdO-Analyse

Foto: Pendler am Bahnhof

12.04.18 (ams). AOK-versicherte Arbeitnehmer waren 2017 insgesamt nicht häufiger krank als in den beiden Jahren zuvor. Der Krankenstand blieb wie schon 2015 und 2016 konstant bei 5,3 Prozent. Im Schnitt war ein ganzjährig versichertes AOK-Mitglied an 19,4 der 365 Tage eines Jahres krank geschrieben. Das ist das Ergebnis einer Fehlzeitenanalyse des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO). Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen sind in den vergangenen zehn Jahren jedoch konstant gestiegen. In der aktuellen Untersuchung hat das WIdO auch den Zusammenhang zwischen der Länge des Arbeitsweges und psychischer Erkrankung untersucht. Das Ergebnis: Mit der Entfernung steigt bei Pendlern die Wahrscheinlichkeit einer psychischen Erkrankung.

Die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen liegen bei Arbeitnehmern, die mindestens 500 Kilometer zum Arbeitsplatz pendeln, um 15 Prozent höher als bei denjenigen, die maximal zehn Kilometer Wegstrecke zurücklegen müssen. "Lange Fahrstrecken zum Arbeitsort belasten die Psyche. Wird die Distanz zum Arbeitsort durch einen Wohnortwechsel verkürzt, kann die relative Wahrscheinlichkeit von Fehltagen aufgrund einer psychischen Erkrankung um bis zu 84 Prozent reduziert werden", bilanziert der stellvertretende Geschäftsführer des WIdO, Helmut Schröder. Dies konnte mit Hilfe einer Analyse der Arbeitsunfähigkeiten der AOK-versicherten Beschäftigten in den letzten fünf Jahren ermittelt werden.

Wie die Fehlzeiten-Reporte des WIdO der vergangenen Jahre zeigen, liegen die Ursachen für psychische Belastungen oft unter anderem auch im betrieblichen Umfeld, zum Beispiel an Veränderungen der Arbeitsprozesse durch die Digitalisierung und damit verbundenen Sorgen um den Arbeitsplatz oder einer schlechten Unternehmenskultur. Mit 26,1 Tagen je Fall führen sie zu langen Ausfallzeiten. Die Zahl der Fehltage ist hier pro Fall mehr als doppelt so hoch wie die Länge einer durchschnittlichen Arbeitsunfähigkeit mit 11,8 Tagen je Fall.

30- bis 39-Jährige pendeln am weitesten

Mehr als jeder zehnte der erwerbstätigen AOK-Mitglieder musste 2017 über 50 Kilometer zum Arbeitsort fahren. Ihr Anteil ist seit 2012 um gut acht Prozent gestiegen. Mit durchschnittlich 26,5 Kilometer pendelt die Gruppe der 30- bis 39-Jährigen am weitesten. Tendenziell nehmen Männer mit 26,2 Kilometern einen längeren Arbeitsweg in Kauf als Frauen mit 20,4 Kilometern. Bei knapp 58 Prozent der erwerbstätigen AOK-Mitglieder liegen Wohn- und Arbeitsort bis zu zehn Kilometer auseinander.

AOK-versicherte Beschäftigte, die maximal zehn Kilometer Wegstrecke zum Arbeitsplatz zurücklegen, wiesen 2017 durchschnittlich elf Arbeitsunfähigkeitsfälle je 100 Mitglieder aufgrund psychischer Erkrankungen auf. Bei mindestens 50 Kilometern waren es bereits zwölf und bei mehr als 500 Kilometern 12,6 Fälle. Nicht nur die Anzahl der Krankschreibungen, auch die durchschnittlichen Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen stiegen dabei um über 17 Prozent von 2,9 auf 3,4 Fehltage pro AOK-Mitglied. Treiber ist dabei die Diagnose "Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen" (ICD F43). Hierunter fallen depressive Verstimmungen, Ängste, Sorgen und das Gefühl, mit den alltäglichen Gegebenheiten nicht zurechtzukommen.

Das WIdO hat auch über einen Fünfjahreszeitraum hinweg untersucht, ob ein Wohnortwechsel mit einer Veränderung des Arbeitsweges Auswirkungen auf die Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen hat. Das Ergebnis: Ist die Wegstrecke kürzer geworden, steigen die psychisch bedingten Fehlzeiten unterdurchschnittlich, wird der Weg länger, erhöht sie sich überdurchschnittlich. Das zeigt der Vergleich der Fehltage ein Jahr vor und ein Jahr nach dem Wohnortwechsel. Bei der Gruppe der Arbeitnehmer, die nach einem Wohnortwechsel zu Fernpendlern werden, also einen Fahrweg von mindestens 50 Kilometern zum Arbeitsort in Kauf nehmen, war der Anstieg der Fehltage aufgrund von psychischen Erkrankungen mit 54,4 Prozent am größten.

Sinkt die Distanz hingegen auf unter 50 Kilometer, ist das Plus mit 7,9 Prozent deutlich geringer. Bei denjenigen, die in den vergangenen fünf Jahren keinen Wohnortwechsel vorgenommen haben, lag der Anstieg bei 49,4 Prozent. Grundlage dieser Auswertung  waren die knapp fünf Millionen kontinuierlich AOK-versicherten Beschäftigten. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass es sich lohnt, wenn Beschäftigte ihren Arbeitsweg verkürzen oder Arbeitgeber ihre Mitarbeiter beispielsweise bei der Wohnungssuche vor Ort unterstützen", resümiert Helmut Schröder.


Zum ams-Politik 04/18