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Neustart zum Amtsantritt: Der Minister in der Pflicht

Digitalisierung im Gesundheitswesen

Foto: Mann und FRau vor dem Laptop

12.04.18 (ams). Neben der Pflege und der ärztlichen Versorgung auf dem Land hat der neue Bundesgesundheitsminister die Digitalisierung zum gesundheitspolitischen Kernanliegen seiner Amtszeit gemacht. Jens Spahn will zuallererst die stockende Einführung einer voll funktionsfähigen elektronischen Gesundheitskarte (eGK) beschleunigen. "Ich möchte, dass wir die nächsten dreieinhalb Jahre das Ding endlich so kriegen, dass Patienten, Ärzte, Pflegekräfte einen Mehrwert spüren, weil es die Versorgung besser macht", sagte Spahn auf dem Deutschen Pflegetag. Der AOK-Bundesverband sieht die Zukunft der eGK eher skeptisch. "Die elektronische Gesundheitskarte ist gescheitert", erklärte jüngst Vorstandschef Martin Litsch und forderte einen Neustart.

Erst im Herbst 2017 hatte der Bundesrat einer zweiten Fristverlängerung zur Umsetzung des sogenannten Versichertenstammdatendienstes zugestimmt. Damit lässt die flächendeckende Einführung der ersten eGK-Anwendung auch gut zwei Jahre nach Inkrafttreten des E-Health-Gesetzes weiter auf sich warten. Zwei Milliarden Euro sind in den vergangenen beinahe 20 Jahren in die Entwicklung der Telematik-Infrastruktur geflossen. Allein die Krankenkassen und somit die Beitragszahler haben dafür aufkommen müssen. "Ich hoffe, dass der neue Gesundheitsminister die Zeichen der Zeit erkennt und die Digitalisierung im Gesundheitswesen auf neue Füße stellt", sagt Litsch. Die eGK sei eine Technologie aus den 90er Jahren, die zu Monopolpreisen aufrecht erhalten werde: "Das ganze Vorhaben ist längst überholt."

AOK arbeitet längst an Alternativen

Um die Vernetzung im deutschen Gesundheitswesen trotz der Probleme bei der Telematik-Infrastruktur schnell voranzubringen, entwickelt die AOK derzeit ein digitales Gesundheitsnetzwerk, das gerade in Mecklenburg-Vorpommern pilotiert wurde. Kern des Netzwerks ist eine digitale Akte. Hier können die Patienten ihre medizinischen Informationen und Dokumente, die vom behandelnden Arzt oder der Klinik bereitgestellt wurden, jederzeit einsehen und anderen Ärzten zur Verfügung stellen.

Die Patienten haben im digitalen Gesundheitsnetzwerk die Datenhoheit und entscheiden selbst, welcher Arzt welche Informationen in ihrer Akte einsehen kann. Das sei ein wichtiger Unterschied zur Telematik-Infrastruktur, betonte Litsch. Hier ist vorgesehen, dass Patienten ihre eigenen medizinischen Daten, zum Beispiel aus der elektronischen Patientenakte, nur in Arztpraxen, Kliniken und Apotheken einsehen können. Ein weiterer Vorteil des digitalen Gesundheitsnetzwerkes der AOK ist die dezentrale Datenspeicherung. "Die Daten bleiben dort, wo sie heute auch liegen, bei den behandelnden Ärzten und Krankenhäusern in sicheren Systemen." so Litsch. Bei der Entwicklung ihres Gesundheitsnetzwerkes achte die AOK aber streng darauf, dass alle Entwicklungen "anschlussfähig" sind – auch zur Telematik-Infrastruktur.

Aus Sicht der AOK muss sich die Rolle der Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik) ändern, um die Vernetzung im deutschen Gesundheitswesen voranzubringen. Der Gesetzgeber hatte die gematik eigens zur Steuerung und Koordinierung des Entwicklungsprozesses der eGK aus der Taufe gehoben. Litsch schwebt stattdessen eine Art Bundesnetzagentur vor, die übergeordnete Regeln für Datensicherheit und Interoperabilität setzen sollte. "Die gematik sollte nur noch die Rahmenbedingungen für Sicherheit, Transparenz und Anschlussfähigkeit schaffen und darauf hinwirken, dass internationale inhaltliche Standards beispielsweise für Patientenakte und Medikationsplan genutzt werden", fordert der Verbandschef.
 

Zum ams-Politik 04/18