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Wissenslücken schließen, Forschung verstärken

Gesundheitskompetenz

Grafik: App AOK Gesundheitskompetenz

18.01.18 (ams). Die AOK verstärkt 2018 ihr Engagement für mehr Gesundheitswissen und Gesundheitskompetenz von Verbrauchern – sowohl politisch als auch in der Forschung oder mit direkten Infoangeboten. Bereits im Februar präsentiert der AOK-Bundesverband zusammen mit der Universität Bielefeld, der Berliner Hertie School of Governance und der Robert-Bosch-Stiftung den Nationalen Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Das Projekt unter Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums wurde im Mai 2016 aus der Taufe gehoben. Ebenfalls im Februar geht das Projekt "Qualitätsorientierte Prävention und Gesundheitsförderung in Einrichtungen der Eingliederungshilfe und Pflege" - kurz QualiPEP - in die zweite Phase.

Gesundheitskompetenz ist die Voraussetzung dafür, sich bei Gesundheitsproblemen die nötige Unterstützung zu sichern und im komplexen Gesundheitssystem zurechtzufinden. Deutschland hat das Thema Health Literacy, wie die Gesundheitskompetenz international genannt wird, in der Vergangenheit jedoch eher stiefmütterlich behandelt. Eine systematische Forschung gab es bis vor kurzem nicht. Es war der AOK-Bundesverband, der vor vier Jahren gemeinsam mit dem Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) die erste bundesweit repräsentative Untersuchung zur Gesundheitskompetenz in Deutschland durchführte. Fazit dieser Studie: Fast sechs von zehn Bundesbürgern weisen eine problematische bis unzureichende Gesundheitskompetenz aus.

Das Problem zieht sich quer durch alle Bildungs- und Einkommensschichten, auch wenn sogenannte vulnerable Gruppen - also Menschen mit Migrationshintergrund, geringem Bildungsgrad oder schlicht hohem Lebensalter - besonders stark betroffen sind. Mehr als ein Viertel der für die Studie befragten Versicherten findet es kompliziert, gesundheitsrelevante Informationen zu finden, fast ein Drittel hat Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Bei zwei Dritteln gibt es Probleme, deren Vertrauenswürdigkeit einzuschätzen. Ein weiteres Viertel ist nur erschwert in der Lage, Anweisungen des Arztes zu verstehen und umzusetzen.

Im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich

Die Studienergebnisse zeigen, dass Deutschland in Bezug auf die Gesundheitskompetenz im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich abschneidet. So erreichen beispielsweise die Niederlande, Dänemark, Irland oder Polen deutlich bessere Ergebnisse. Die Situation wirkt paradox: Deutschland hat ein leistungsfähiges und international geschätztes Gesundheitssystem, die Mehrheit der Menschen bewegt sich darin aber sehr unsicher. Viele Deutsche wissen überhaupt nicht, welche Hilfsangebote es gibt. Und sie wissen auch nicht, wo und wie sie sich darüber informieren könnten. Und wenn sie doch irgendwo - etwa im Internet - Informationen zu einem Gesundheitsproblem finden, dann haben sie Schwierigkeiten, diese zu verstehen und für sich richtig einzuordnen.

16 Experten aus Politik, Wissenschaft und Praxis engagieren sich inzwischen beim Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz, um gemeinsam konkrete Handlungsempfehlungen zu entwickeln, wie sich die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung innerhalb der nächsten zehn Jahre signifikant verbessern lässt. Dabei geht es vor allem um die Bereiche Prävention und Gesundheitsförderung, chronische Erkrankungen und das Gesundheitssystem selbst. Finanzielle Unterstützung kommt von der Robert-Bosch-Stiftung und vom AOK-Bundesverband.

Koordinierungsstelle für weitere Forschung

Um die Arbeit des Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz zu verstetigen und nachhaltig mit Leben zu füllen, finanziert die AOK außerdem den Aufbau einer Nationalen Koordinierungsstelle Gesundheitskompetenz aus Mitteln der Selbsthilfeförderung. Die Koordinierungsstelle soll bereits laufende Projekte zur Gesundheitskompetenz bundesweit identifizieren und vernetzen. Sie sammelt Daten, Materialien und spezielle Kompetenzen in den Projekten, bereitet dieses Wissen auf und wird weitere Forschung zum Thema anregen und koordinieren. Nicht zuletzt soll sie auch für die Selbsthilfe zentrale Anlaufstelle rund um das Thema Gesundheitskompetenz werden. Von den Bundesorganisationen bis hin zu den kleinsten Selbsthilfegruppen vor Ort werden hier jeden Tag und ganz selbstverständlich Wissen und Kompetenzen zum Umgang mit einer chronischen Krankheit weitergegeben.

In diese Strategie passt auch QualiPEP, ein Forschungsförderprojekt des AOK-Bundesverbandes im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums. Das Projekt wurde im Mai 2017 gestartet und läuft bis April 2021. Ziel von QualiPEP ist es, in teil- und vollstationären Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen sowie für Pflegebedürftige einen einheitlichen Qualitätsrahmen für Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung zu entwickeln. Die Qualitätssicherungs-Konzepte, die im Projekt erarbeitet werden, sollen die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der Maßnahmen verbessern. Mit QualiPEP soll außerdem die Gesundheitskompetenz der Bewohner, der Beschäftigten und der Einrichtungen selbst gestärkt werden. Darüber hinaus soll QualiPEP die betriebliche Gesundheitsförderung in den Einrichtungen qualitätsgesichert weiterentwickeln. Die Konzepte werden in allen drei Bereichen partizipativ entwickelt, erprobt und umgesetzt.

Faktenboxen vermitteln aktuelles Wissen

Grafik: Faktenboxen

Neben wissenschaftlicher und politischer Grundlagenarbeit geht die AOK aber auch ganz praktische Wege. Ob es um Nutzen und Risiken von medizinischen Behandlungen, Früherkennungsuntersuchungen oder auch Nahrungsergänzungsmitteln geht: In bislang 20 Faktenboxen vermittelt die AOK den aktuellen Stand der medizinischen Forschung - für jeden Laien verständlich aufbereitet. So erläutern die Faktenboxen beispielsweise mittels leicht verständlicher Grafiken und sehr kurzer, prägnanter Texte den möglichen Nutzen von Vitamintabletten und stellen dem mögliche Risiken und Nebenwirkungen übersichtlich gegenüber.

Ziel der Faktenboxen ist es, die Gesundheitskompetenz der Versicherten zu stärken und sie so zu souveränen Patienten zu machen. Damit alle Inhalte aus wissenschaftlicher Sicht wasserdicht sind, arbeitet die AOK bei der Entwicklung der Faktenboxen mit dem Max-Planck-Institut und der Universität Rostock zusammen. Aktuell entwickelt die Gesundheitskasse Faktenboxen in Form von Online-Videos. Mit diesem modernen Format will sie nicht nur gezielt jüngere Menschen erreichen, sondern vor allem auch die rund 7,5 Millionen Menschen in Deutschland, die nicht oder kaum lesen können. 

Entscheidungshilfen auch zu kontroversen Themen

Zusätzlich zu den Faktenboxen macht die AOK weitere Angebote zur Stärkung der Gesundheitskompetenz, wie etwa ihre Online-Entscheidungshilfen. Hier finden Versicherte zu verschiedenen - auch kontrovers diskutierten - medizinischen Themen unabhängige und vor allem wissenschaftlich basierte Fakten. Die Entscheidungshilfen sollen es Patienten ermöglichen, sich auf Basis aller verfügbaren Erkenntnisse eine fundierte Meinung zu bilden.

Eine weitere wichtige Infoquelle sind die verschiedenen Online-Navigatoren der AOK. Ob Arzt-, Krankenhaus- oder Pflegenavigator: Hier finden Nutzer rund um die Uhr schnell und einfach ambulante, stationäre und pflegerische Leistungserbringer in ihrer Region. Die Navigatoren bieten dabei auch vielfältige Infos zur Qualität dieser Ärzte, Krankenhäuser und Pflegeanbieter. Doch nicht nur national, auch international beteiligt sich die AOK an Projekten, die die Gesundheitskompetenz fördern – beispielsweise am EU-Projekt "Intervention Research On Health Literacy among Ageing population (IROHLA)". Das 2015 beendete Projekt entwickelte für die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union evidenzbasierte Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis, um die Gesundheitskompetenz speziell bei älteren Menschen zu verbessern. Unter der Leitung des Universitätsmedizinischen Zentrums Groningen (UMCG) beteiligten sich 22 Partner aus neun europäischen Mitgliedsstaaten an dem Projekt.

"Allerdings ist die Steigerung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe", sagt Dr. Kai Kolpatzik, Abteilungsleiter Prävention im  AOK-Bundesverband. "Neben den Akteuren aus dem Gesundheitswesen und der Wissenschaft sind hier auch die Politik und das Bildungssystem gefordert.“ Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fordert in ihrem Ansatz "Health in all Policies" (HiaP), das Thema ressortübergreifend in allen Politikbereichen zu verankern. "Und auch im Gesundheitswesen selbst müssen die Strukturen überdacht werden", fordert Kolpatzik. Gesundheitliche Einrichtungen und Institutionen müssten sich künftig zu gesundheitskompetenzfreundlichen Organisationen weiterentwickeln. Dazu gehöre unter anderem die gezielte Qualifizierung und Weiterbildung von Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften, damit sie sich gegenüber ihren Patienten beziehungsweise den Nutzern des Gesundheitssystems verständlicher ausdrücken können.


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