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Litsch: "Klinik-Vergütung an Mindestmengen koppeln"

Qualitätsmonitor 2018

Foto: Operation

15.12.17 (ams). Die AOK will künftig bestimmte Klinik-Leistungen nicht mehr vergüten, wenn die entsprechenden OP-Mindestmengen pro Jahr nicht eingehalten werden und keine Ausnahmeregelung vorliegt. Dies hat der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, jetzt angekündigt. Zur Begründung verweist Litsch auf die Ergebnisse des Qualitätsmonitors 2018. Demnach werden viele Krebspatienten in Kliniken operiert, die wenig Erfahrung mit Krebs-OPs haben. "Diese Gelegenheitschirurgie ist nicht akzeptabel, da die Patienten damit einem erhöhten Sterberisiko ausgesetzt werden", sagt Litsch. Beispielsweise ließe sich die Zahl der Todesfälle nach Lungenkrebs-OPs um etwa ein Fünftel senken, wenn die Patienten ausschließlich in Zentren und Kliniken operiert würden, die mindestens 108 Eingriffe pro Jahr vornehmen.

Die Mindestmengenvereinbarung sieht vor, dass Kliniken komplexe OPs nur dann ausführen dürfen, wenn sie eine Mindestzahl an Eingriffen pro Jahr und somit eine gewisse operative Routine vorweisen können. Ausnahmen sind möglich, wenn die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung gefährdet ist und der Eingriff von der zuständigen Landesbehörde genehmigt wird. AOK-Chef Martin Litsch kritisiert, dass die Mindestmengenvereinbarung bislang nicht konsequent umgesetzt wurde – mit gravierenden Folgen für die Patienten. Schließlich fehlten in allgemeinchirurgischen Klinik-Abteilungen, so Litsch, nicht nur die Erfahrung, sondern auch die Strukturen für die optimale Nachbehandlung. "Hochkomplexe Krebsbehandlungen sind planbare Eingriffe, die in die Hand von erfahrenen Operateuren gehören", sagte Litsch. Dazu wurden in den vergangenen Jahren spezialisierte und von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierte Zentren aufgebaut. So müssen Lungenkrebszentren, die das Qualitätssiegel der Fachgesellschaft erhalten wollen, beispielsweise eine Mindestzahl von 75 OPs pro Jahr vorweisen. Bislang wird jedoch ein Fünftel der Patienten in insgesamt 260 Kliniken behandelt, die im Durchschnitt nur fünf dieser OPs pro Jahr durchführen.

Ein Fünftel weniger Todesfälle

Für den Qualitätsmonitor 2018 waren die Krankenhaus-Abrechnungsdaten von 2009 bis 2014 für insgesamt 25 Behandlungen analysiert worden. Die Auswertung ergab, dass in Deutschland zu viele komplizierte Krebs-OPs in Kliniken vorgenommen werden, die dafür in der Regel aufgrund zu niedriger Fallzahlen nicht ausreichend qualifiziert sein können. Würden entsprechende Behandlungen in Kliniken mit einer umfassenden Operationsroutine erfolgen, könnte dies auch, so die Autoren des Qualitätsmonitor 2018, die Sterblichkeit nach Krebs-OPs verringern. Die Zahl der Todesfälle nach einer Lungenkrebs-OP würde beispielsweise um etwa ein Fünftel – von 361 auf 287 Todesfälle pro Jahr – sinken, wenn eine rechnerisch ermittelte Mindestmenge von 108 Eingriffen eingeführt und umgesetzt würde. Ein ähnliches Bild zeichnen die Forscher für andere Krebs-Indikationen. So wird etwa ein Fünftel der Darmkrebs-Patienten in 492 Kliniken behandelt, die pro Jahr nur 23 entsprechende OPs durchführen. Für sie liegt das Risiko, nach einer OP zu sterben, um 59 Prozent höher als in den 71 Kliniken, die mit durchschnittlichen 141 Fällen pro Jahr Darmkrebspatienten am häufigsten operieren. "Eine rechnerisch ermittelte Mindestmenge von 82 OPs für Darmkrebs könnte die mittlere Sterblichkeit in Deutschland um 8,6 Prozent verringern", sagt Prof. Dr. med. Thomas Mansky, einer der Autoren des Qualitätsmonitors sowie Leiter des Fachgebietes Strukturentwicklung und Qualitätsmanagement im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin. Für Bauchspeicheldrüsen- und Speiseröhrenkrebs gibt es zwar bereits definierte Mindestmengen. Diese seien aber, so Mansky, mit jeweils zehn Eingriffen pro Jahr deutlich zu niedrig angesetzt. Beim Speiseröhrenkrebs könnte mit einer Mindestmenge von 22 OPs pro Jahr die Zahl der Todesfälle infolge von OPs um 25 Prozent vermieden werden, beim Bauchspeicheldrüsenkrebs wäre ein ähnliches Ergebnis mit mindestens 29 OPs pro Jahr zu erreichen.

AOK macht Druck auf der politischen Bühne

Die AOK werde nun, so Litsch, die Forderung nach neuen Mindestmengen für Lungen- und Brustkrebs über den GKV-Spitzenverband in den Gemeinsamen Bundesauschuss (GBA) einbringen und auf höhere Mindestmengen bei Speiseröhren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie bei der Versorgung von Frühgeborenen drängen. Festgelegte Mindestmengen seien darüber hinaus auch beim Einsatz von künstlichen Hüftgelenken und bei Schilddrüsen-OPs nötig. Um die bereits vorliegenden Regelungen der Mindestmengen konsequent umzusetzen, sieht Litsch die Planungsbehörden in den Bundesländern in der Pflicht: "Ich erwarte, dass die Verantwortlichen prüfen, ob Krankenhaus-Abteilungen bei bestimmten Eingriffen deutlich unter den Mindestmengen bleiben. Sie müssen dann dafür sorgen, dass diese Abteilungen die jeweiligen OPs nicht mehr vornehmen – im Sinne der Patientensicherheit."

Der Qualitätsmonitor befasst sich jedes Jahr mit der Versorgungssituation in deutschen Kliniken und wird vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO), dem Verein Gesundheitsstadt Berlin und der Initiative Qualitätsmedizin gemeinsam herausgegeben.


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