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Die Planungen laufen längst an der eGK vorbei

Digitalisierung im Gesundheitswesen

Abbildung: Elektronische Gesundheitskarte

17.11.17 (ams) Gerade hat der Bundesrat einer zweiten Fristverlängerung zur Umsetzung des sogenannten Versichertenstammdatendienstes zugestimmt. Damit lässt auch knapp zwei Jahre nach Inkrafttreten des sogenannten E-Health-Gesetzes die erste Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) weiter auf sich warten. Bei den Krankenkassen schwindet die Geduld. Welche Rolle die eGK künftig spielen wird, ist offen.

Jedes Jahr im Herbst beleuchtet die gevko GmbH den Stand der Digitalisierung im Gesundheitswesen. Das AOK-Tochterunternehmen entwickelt seit sechs Jahren kassenübergreifende Schnittstellenlösung für eine Vernetzung von Ärzten, Krankenhäusern und Krankenkassen. Das gevko-Symposium in Berlin hat sich zu einer Art Stimmungsbarometer entwickelt. In diesem Jahr stand das Instrument ein weiteres Mal auf "Tiefdruck".

In der Kritik stand vor allem die für den Aufbau der Telematikinfrastruktur zuständige Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte (gematik). "Ich halte die Entscheidungsstrukturen in der gematik für gescheitert", betonte der Vorstandschef des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch. Nach jahrelangen Verzögerungen und Millioneninvestitionen ohne erkennbaren Nutzen plädiert die AOK für einen unabhängigen Träger. Nur so lasse sich die gegenseitige Blockade von Ärzten und Zahnärzten, Krankenkassen, Apothekern und Kliniken als Gesellschafter der gematik durchbrechen.

AOK setzt auf eigene Projekte

Litsch schwebt eine Art Bundesnetzagentur vor, die den Telematikaufbau koordinieren und übergeordnete Regeln für Datensicherheit und Interoperabilität setzen sollte. Damit stellt die AOK den Aufbau einer gemeinsamen IT-Infrastruktur für das Gesundheitswesen nicht infrage, geht aber deutlich auf Distanz zur bisherigen Politik zentral vorgedachter Anwendungen. Stattdessen setzt die AOK-Gemeinschaft auf eigene Projekte. Gerade sind die Modellversuche für das AOK-Gesundheitsnetzwerk an den Start gegangen. Auch andere Krankenkassen forcieren inzwischen eigene Pläne. "Dagegen spricht nichts, wenn sichergestellt ist, dass die einzelnen Projekte sich später mit der übergeordneten Telematik-Infrastruktur vernetzen lassen", betont AOK-Chef Litsch.

Aus Sicht von gevko-Chef Prof. Guido Noelle wird die eGK nach bisherigem Stand den Wünschen und gesetzlichen Ansprüchen der Versicherten nicht gerecht: "Die Telematikinfrastruktur sieht vor, dass Patienten ihre eigenen medizinischen Daten nur in der Arztpraxis, in der Klinik oder in der Apotheke einsehen können. Was für eine Bevormundung! Als Bürger und Patient möchte ich uneingeschränkten Zugang zu meinen Gesundheitsdaten haben - überall und jederzeit ohne zusätzliche Hardware oder Vier-Augen-Prinzip. So wie es mir laut Gesetz übrigens bereits zusteht."

Im Mittelpunkt des AOK-Gesundheitsnetzwerkes steht deshalb eine elektronische Patientenakte, über deren Inhalt und Verwendung der Versicherte entscheidet. Die Schnittstellentechnik dazu liefert die gevko. "Wir wollen keine Parallelstrukturen aufbauen. Aber wir erhöhen Druck und Tempo. Alles wird so angelegt, dass es am Ende an die Telematik-Infrastruktur andocken kann", so Noelle.

Die gevko selbst ist mit zwei Projekten am Start

Damit die Steckverbindungen am Ende passen, engagiert sich der Arzt, Medizin-Informatiker und Gesundheitsökonom auch weiterhin für gematik-Projekte. Noelle gehört zu einem Team von bislang 28 Expertinnen und Experten, die Anträge für das sogenannte Interoperabilitätsverzeichnis – kurz vesta – bewerten. Nach einer Vorgabe des E-Health-Gesetzes dürfen neue telematische Anwendungen nur noch dann mit Mitteln der gesetzlichen Krankenversicherung finanziert werden, wenn sie bestimmten gesetzlichen Standards und den im Interoperabilitätsverzeichnis enthaltenen Empfehlungen der gematik entsprechen.

Die gevko GmbH selbst hat bei vesta bereits zwei Projekteanträge eingereicht. Dabei geht es zum einen um eine IT-Lösung zur Darstellung von Beschlüssen zur frühen Nutzenbewertung von Arzneimitteln in den Arztpraxissystemen. Das zweite Projekt ermöglicht den Einsatz des elektronischen Impfpasses in der Arztpraxis. Die von der gevko entwickelte IT-Schnittstelle mit entsprechenden Produkten steht nach Darstellung des Unternehmens bereits mehr als 80 Prozent der niedergelassenen Ärzte zur Verfügung.


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