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"Die neuen Regeln geben den Pflegekräften mehr Freiräume"

ams-Interview: Nadine-Michèle Szepan, Abteilungsleiterin Pflege im AOK-Bundesverband

Foto: Nadine-Michèle Szepan

Nadine-Michèle Szepan

17.11.17 (ams). Kurz vor Ende des Wahlkampfes hat eine Diskussion um die Pflege an Fahrt aufgenommen, und sie hält noch an. Die Debatte zeichnet ein nahezu düsteres Bild vom angeblichen Pflegenotstand in Deutschland. Dabei gab es für die zahlreichen Pflegereformen der letzten Bundesregierung Lob von allen Seiten.

Nadine-Michèle Szepan, Sie leiten die Abteilung Pflege im AOK-Bundesverband und haben den Pflegereformprozess aktiv begleitet. Hat Sie die Diskussion überrascht?

Szepan: Ja, das hat mich überrascht, sowohl die Heftigkeit als auch der Zeitpunkt. Denn die Große Koalition hat mit den drei Pflegestärkungsgesetzen und dem Pflegeberufe-Reformgesetz einige Dinge auf den Weg gebracht, die den Mangel an Pflegefachkräften aufgreifen. Ich erinnere nur daran, dass wir den gesetzlichen Auftrag bekommen haben, im Pflege-Qualitätsausschuss ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren zur Personalbemessung in Pflegeeinrichtungen zu entwickeln. Bisher verhandeln die Vertragspartner auf Landesebene - Pflege und Kostenträger - über Personalschlüssel oder Korridore, was zu teilweise unerklärbaren regionalen Unterschieden bei der Personalausstattung in Pflegeeinrichtungen geführt hat. Das ist nicht nachzuvollziehen. Denn es gibt keine fachliche Begründung für das unterschiedliche Verhältnis zwischen Pflegepersonal und Pflegebedürftigen in Brandenburg und Berlin.

Die Pflegesituation in Deutschland ist also nicht so schlecht, wie man zwischenzeitlich den Eindruck haben konnte?

Szepan: Die Pflege hat heute aufgrund fehlender Fachkräfte Personalprobleme, weswegen auch teilweise Belegungsstopps in Pflegeeinrichtungen ausgesprochen werden. Das ist ja auch der Grund, weshalb die letzte Bundesregierung zahlreiche Initiativen neben den großen Reformgesetzen in der Pflege auf den Weg gebracht hat, etwa die Entbürokratisierung der Pflegedokumentation. Aber ich glaube, hinsichtlich der Pflegereform und ihrer Wirkung müssen wir geduldiger sein. Mit dem nun geltenden umfassenderen Verständnis von Pflegebedürftigkeit verbinde ich eine Chance, auch das Berufsfeld der Pflege attraktiver zu machen. Der bisher defizitorientierte Pflegebedürftigkeitsbegriff mit seiner verrichtungsbezogenen Ausprägung hat auch das Berufsbild der Altenpflege - satt und sauber - entscheidend geprägt. Nun aber geht es nicht mehr darum, die reinen Verrichtungsmaßnahmen, die ein Pflegebedürftiger braucht, durch eine Pflegekraft vollständig übernehmen zu lassen. Sondern es geht darum, den Pflegebedürftigen zu aktivieren und anzuleiten, seine Fähigkeiten wiederzuerlangen oder zumindest die Fähigkeiten zu erhalten, die er noch hat. Das ist ein ganz anderer Blickwinkel und wird auch die Arbeit der Pflegefachkräfte zum Positiven verändern. Dieser Paradigmenwechsel dauert jedoch eine gewisse Zeit. Das geht nicht in einer Nacht vom 31. Dezember 2016 auf den 1. Januar 2017, denn auch die Arbeits- und Rahmenbedingungen müssen verbessert werden. Es gibt hohe Ansprüche zur Umsetzung ganzheitlicher Pflege, aber oft geben Zeitmangel und Überforderung den Ton an.

Dennoch sagen Kritiker, man habe bei den Verbesserungen für die Pflegebedürftigen die Pflegenden vernachlässigt.

Szepan: Mit der letzten Pflegereform sind zahlreiche Maßnahmen festgezurrt worden, die viel mit der Attraktivität des Pflegeberufs zu tun haben. Einer der relevanten Faktoren ist die angemessene Bezahlung. Auch hier hat die Bundesregierung den Rahmen geschaffen, dass die Bezahlung von Tariflöhnen von den Vertragspartnern nicht als unwirtschaftlich abgelehnt werden darf und die Träger von Pflegeeinrichtungen verpflichtet werden, die vereinbarte Entlohnung jederzeit einzuhalten. Die Kostenträger können hierzu Nachweise verlangen. Die AOK hat sich für diese Transparenz eingesetzt, dass das vereinbarte Gehalt auch tatsächlich bei den Pflegekräften ankommt und nicht durch Nebenabsprachen in Arbeitsverträgen oder durch Ausgliederungen in Personalgesellschaften umgangen wird. Hier hat der Gesetzgeber durchaus gute Instrumente geschaffen, die aber erst noch umgesetzt werden müssen.

Bezahlung kann aber doch nur ein Faktor sein.

Szepan: Das ist richtig. Es gibt ja auch jetzt schon Möglichkeiten, die Personalarbeit in der Pflege zu verbessern, die Belastungen im Beruf zu reduzieren und die Attraktivität zu steigern. Die AGP Sozialforschung etwa hat im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums eine Arbeitshilfe mit 14 Schlüsselfaktoren für erfolgreiche Personalarbeit in der Altenhilfe veröffentlicht. Dazu bedarf es nicht unbedingt gesetzlicher Regelungen. Betriebliches Gesundheitsmanagement, Führung und verlässliche Dienstplangestaltung liegen in der Verantwortung der jeweiligen Arbeitgeber.

Welche Rolle spielt die Reform der Pflege-Qualitätssicherung?

Szepan: Sie spielt insofern eine wichtige Rolle, als künftig die Ergebnisindikatoren im Qualitätssicherungssystem eine bedeutende Rolle erhalten. Sie sind Anker für ein Konzept erfolgreicher Pflege. Die Arbeit mit solchen wissenschaftlichen Instrumenten motiviert Pflegekräfte, weil fachliche Kompetenzen in besonderem Maße gefragt sind und somit das Selbstbewusstsein gestärkt wird. Wenn Pflegekräfte in ihrer Berufsrolle und in ihrem Wissen ernst genommen werden, fühlen sie sich wertgeschätzt.

Was kann der von Ihnen bereits angesprochene Paradigmenwechsel durch den neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff für die Attraktivität des Berufs leisten? Auf den ersten Blick gibt es zunächst einmal mehr Leistungsempfänger und mehr Arbeit.

Szepan: Verschiedene Pilotprojekte, die auf dem neuen Verständnis von Pflegebedürftigkeit beruhen, haben gezeigt, dass mit dem damit verbundenen Perspektivwechsel die fachliche Kompetenz der Pflegekräfte stärker in den Vordergrund rückt. Das konnte man im Besonderen bei den Ergebnisindikatoren-Projekten der Caritas in Köln und Münster, aber auch beim Projekt des Pflegebeauftragten der Bundesregierung zur Entbürokratisierung der Pflegedokumentation - der sogenannten SIS - beobachten. Sie geben den Pflegekräften mehr Freiräume für Fachlichkeit. Sie treffen ihre Entscheidungen aufgrund ihrer beruflichen Expertise und Erfahrung. Insofern stärkt der neue Pflegebedürftigkeitsbegriff nicht nur die Position der Pflegebedürftigen, sondern auch die Kompetenz und die Eigenverantwortung der Pflegefachkräfte. Auch das wird den Beruf attraktiver machen.

Außer der Pflegereform hat es eine Reform der Pflegeausbildung gegeben. Die Ausbildungsgänge zum Alten- beziehungsweise Krankenpfleger werden in den ersten beiden Jahren zusammengelegt. Danach gibt es die Möglichkeit, sich zu spezialisieren. Wer wird davon mehr profitieren, die Pflegeheime oder die Krankenhäuser, die schon jetzt die höheren Gehälter zahlen?

Szepan: Das weiß ich nicht. Das wäre Kaffeesatzleserei. Aber die Befürchtung, dass generalistisch ausgebildete Pflegekräfte ihr Einsatzfeld nur noch in Krankenhäusern suchen, teile ich nicht. Gerade die Altenhilfe bietet ein attraktives Berufsfeld: Hier ist ein hoher Grad an Selbstständigkeit sichergestellt, der Pflegekräften im Krankenhaus durch die Organisationsstrukturen verwehrt ist.


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