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Beschäftigte setzen in Krisen auch auf die Hilfe der Kollegen und des Chefs

Fehlzeiten-Report 2017: Krise und Gesundheit

15.09.17 (ams). Erwerbstätige vertrauen sich in Krisensituationen häufig ihrem Arbeitsumfeld an. In einer Studie des wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) gaben 81 Prozent der Befragten an, im Betrieb über das kritische Lebensereignis gesprochen zu haben. Fast Zweidrittel (63,5 Prozent) wandten sich an die Arbeitskollegen, nahezu jeder Zweite  (45,8 Prozent) an den unmittelbaren Vorgesetzten. Die Ergebnisse der Befragung, an der 2000 Erwerbstätige zwischen 16 und 65 Jahren teilgenommen haben, sind jetzt im Fehlzeiten-Report 2017 veröffentlicht. Der Report widmet sich der Frage, wie Krisen in Unternehmen, in Teams und bei Beschäftigten erkannt und überwunden werden können.

Kritische Ereignisse gehören für jeden Zweiten (52 Prozent) zum eigenen Lebenslauf und nehmen mit dem Alter zu. 64,7 Prozent der 50- bis 65-Jährigen berichten, dass sie aktuell oder in den zurückliegenden fünf Jahren eine Krise erfahren haben. Bei unter 30-Jährigen hat dagegen nur ein Drittel (37,6 Prozent) bereits ähnliche Erfahrungen gemacht. Die große Mehrheit (81,2 Prozent) der Betroffenen spricht die eigene kritische Situation im Betrieb an. Am häufigsten geht es dann um "belastende Konflikte im privaten Umfeld" (16,4 Prozent), um "schwere Erkrankungen in der Familie" (11,7 Prozent), "finanzielle Probleme" (10,8 Prozent) oder "Trennungen" (8,9 Prozent). 8,5 Prozent nannten mit der "Umstrukturierung des Arbeitsplatzes" einen betriebsbezogenen Auslöser für das kritische Lebensereignis. Die Krise hat - selbst wenn die Entstehungsgeschichte im Privaten liegt - einen hohen Einfluss auf das individuelle Gefühl von Gesundheit und eigener Leistungsfähigkeit der Beschäftigten. 79 Prozent der Betroffenen stuften sich als seelisch, 58,7 Prozent als körperlich angeschlagen ein. Mehr als die Hälfte (53,4 Prozent) sahen ihre Leistungsfähigkeit eingeschränkt. 37,3 Prozent waren aufgrund der Krise unzufrieden mit der Arbeit und 34,1 Prozent gaben an, sich häufiger krankgemeldet zu haben.

Arbeitsumfeld kann helfen, die eigene Krise zu meistern

"Es ist notwendig, dass Krisen von Beschäftigten in der Unternehmenspraxis erkannt und Bewältigungsstrategien, wie etwa unterstützende Maßnahmen, entwickelt werden", betont Helmut Schröder, stellvertretender Geschäftsführer des WIdO und Mitherausgeber des Fehlzeiten-Reports. Viele Betriebe bieten bereits entsprechende Hilfen an. Gut die Hälfte (52,4 Prozent) der Betroffenen nennt "klärende Gespräche mit dem Vorgesetzten", jede Dritter zählt "flexible Arbeitszeiten" (33,9 Prozent) und nahezu jeder Vierte Sonderfreistellungen wie "unbezahlten Urlaub" (22,2 Prozent) dazu. Auch fühlt sich die Mehrheit der Führungskräfte (70,7 Prozent) in der Pflicht, ihren Mitarbeitern bei einer schweren Erkrankung, einer Verletzung oder Suchtproblematik zur Seite zu stehen.

Die Deutschen Bahn als Vorbild

Die Deutsche Bahn gilt vielen Experten als Vorbild. Sie hat ein umfassendes Hilfenetz aufgebaut, um ihren Beschäftigten in besonderen Belastungssituationen konzernweit beizustehen. Der sogenannte "Schienensuizid", ist bei den Lokführern der häufigste Arbeitsunfall, etwa 700 Fälle pro Jahr. Rein statistisch gesehen trifft es jeden der 20.000 Lokführer alle 20 Jahre. In einem Akutfall werden die betroffenen Kollegen vor Ort von einem Notfallmanager oder einem psychologisch geschulten Ersthelfer betreut und nach Hause begleitet. Sie bleiben solange außer Dienst bis auftretende Belastungsreaktionen wieder abgeklungen sind. Ziel ist es, eine posttraumatische Belastungsstörung möglichst zu vermeiden. Bei den ersten Fahrten nach dem Wiedereintritt in den Dienst kann sich der Lokführer von einem Gruppenführer, einer Vertrauensperson oder einem Psychologen begleiten lassen. Im Rahmen der Prävention ist zudem die gedankliche Auseinandersetzung mit den möglichen Folgen eines Traumas ein Bestandteil der Aus- und Fortbildung.  

Führungskräfte für ihre Rolle in Krisensituationen schulen

Aufgrund ihrer Struktur und ihrer personellen Besetzung können größere Unternehmen ein breiteres Spektrum an Hilfsmaßnahmen anbieten als kleine und mittlere Unternehmen. Die Studie des WIdO belegt außerdem, dass in Betrieben mit weniger als zehn Beschäftigten einzelne Angebote wie etwa "klärende Gespräche mit dem Vorgesetzten" häufig nicht zum Tragen kommen. WIdO-Chef Helmut Schröder empfiehlt Kleinstbetrieben, die Führungskräfte stärker für ihre Rolle als Unterstützer und Vermittler im Krisenfall zu befähigen. Nicht jede Maßnahme muss dabei im Kleinstbetrieb selbst angeboten werden. Es können dafür auch Netzwerke, externe Dienstleister oder gesetzliche Krankenkassen im Rahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung eingebunden werden. "Angesichts des sich immer deutlicher abzeichnenden Fachkräftemangels erscheint es notwendig, dass sich Unternehmen verstärkt mit den älter werdenden Belegschaften und den damit verbundenen häufigeren Krisen der Mitarbeiter auseinandersetzen. Denn es geht darum, gesunde und leistungsfähige Fachkräfte dauerhaft an das Unternehmen zu binden", sagt Schröder.


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