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Nach dem 1. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel: "Süß war gestern" war das Motto. Was kommt morgen, Dr. Kolpatzik?

ams-nachgefragt : Dr. Kai Kolpatzik, Leiter der Abteilung Prävention im AOK-Bundesverband

Foto: Dr. Kai Kolpatzik

Dr. Kai Kolpatzik

13.07.17 (ams). "Der AOK-Bundesverband und seine Partner werden genau hinschauen, welche Pläne eine neue Bundesregierung nach der Wahl vorlegt. Der jetzt – mit einem Jahr Verspätung – vorgelegte Entwurf zur 'Nationalen Strategie für die Reduktion von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten' ist überfällig, aber nicht mehr als ein inhaltlicher Schnellschuss kurz vor Ende der Legislaturperiode. Sie verfolgt mehrere gute Ansätze, formuliert aber keine verbindlichen Ziele und setzt vor allem auf eine freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelindustrie. Orientierung kann die konkretere Vorgabe der Europäischen Union bieten, den Anteil zugesetzten Zuckers in Lebensmitteln bis 2020 im Vergleich zu 2015 um mindestens zehn Prozent zu senken. Auch die britische Initiative 'Action on Sugar' hat Vorbildcharakter. Wir brauchen keine freiwillige Selbstverpflichtung der Lebensmittelwirtschaft, sondern ein wirksames Gesamtkonzept. Die Rezepturen müssen sich ändern, nicht die Verpackungen.

Dass die globale Lebensmittelwirtschaft ihre Produkte gesünder machen kann, hat sie längst in anderen Ländern gezeigt. Nur geht das offensichtlich nicht ohne politischen Druck. In Großbritannien ist auf rund 10.000 Produkten die leicht verständliche und transparente Lebensmittelampel zu finden. Die Zahl der Herzinfarkte und Schlaganfälle ist dort durch eine strukturierte Salzreduktion in den vergangenen Jahren um 40 Prozent gesunken. Warum profitiert die deutsche Bevölkerung davon nicht? Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hingegen setzt aktuell unter dem Dach der Initiative IN FORM auf rund 100 Einzelprojekte, die unabhängig voneinander das Ernährungs- und Bewegungsverhalten in Deutschland verbessern sollen. Eine Gesamtevaluation zu deren Wirksamkeit gibt es nicht. Wer aber beim Thema Ernährung ein Umdenken herbeiführen möchte, steht vor einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe. Politik, Industrie, Handel, Verbraucherschutzorganisationen, medizinische Fachgesellschaften, Krankenkassen, Wissenschaftler und Elternverbände müssen an einem Strang ziehen, wenn sich auf Dauer etwas ändern soll. Dazu wollen wir unter anderem eine Allianz gründen. Die Zeit drängt. Zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen in Deutschland sind übergewichtig, ein Viertel der Erwachsenen gar stark übergewichtig. Mittlerweile ist fast jeder zehnte gesetzlich Versicherte Typ-2-Diabetiker."


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