vorlesen

Steter Verstoß gegen selbstgewählte Auflagen

Gefährliche Kinderwerbung im Internet für ungesunde Lebensmittel

Foto: Fast Food

18.05.17 (ams). Mehr als drei von fünf Internetauftritten für Lebensmittel beinhalten spezielle Elemente, mit denen Minderjährige gezielt zum Konsum animiert werden sollen. Die Universität Hamburg hat im Auftrag des AOK-Bundesverbandes 301 solcher Webseiten untersucht. Meist handelt es sich um Produkte mit zu hohem Zucker-, Salz- oder Fettgehalt, die das Risiko einer kindlichen Adipositas stark erhöhen. "Damit wir dieses Problem in den Griff bekommen, brauchen wir vor allem im Onlinebereich und imTV ein Kindermarketingverbot für Lebensmittel", fordert AOK-Präventionsexperte Dr. Kai Kolpatzik.

Die Marketingmethoden der Lebensmittelindustrie werden auch auf dem Deutschen Zuckerreduktionsgipfel diskutiert, den der AOK-Bundesverband erstmalig am 28. Juni in Berlin veranstaltet. Zwischen acht und 22 Mal täglich kommen Kinder laut der Hochrechnung der Universität Hamburg mit Online-Werbeaktivitäten von Lebensmittelherstellern in Kontakt. Auffällig dabei: Unter den 301 untersuchten Internetauftritten rangieren besonders viele Unternehmen, die sich auf Ebene der Europäischen Union freiwillig dazu verpflichtet haben, auf das Kindermarketing ganz zu verzichten.

Typisch für Kindermarketing ist der Einsatz von Prominenten, Comics sowie Onlinespielen. "Vor allem im Bereich der sozialen Medien haben die Lockrufe von Süßwarenherstellern und ähnlichen Anbietern deutlich zugenommen“, warnt Dr. Tobias Effertz, Studienleiter und Privatdozent an der Universität Hamburg. "Damit werden Kinder immer häufiger und drastischer von Werbung für ungesunde Lebensmittel angesprochen, ohne dass deren Eltern dies wirksam verhindern können."

Facbook und Co. fester Bestandteil der Strategie

Kindermarketing findet insbesondere in sozialen Medien eine zusätzliche Spielwiese. Das "Liken" und Teilen solcher Beiträge sorgt laut Effertz dafür, dass sich Kinder anders als bei der Fernsehwerbung inhaltlich aktiver mit der Werbung beschäftigen. Die Unternehmen profitieren im Gegenzug von einem besonders starken Multiplikatoreneffekt von Facebook und Co. "Die direkte Empfehlung und Weitergabe von Online-Inhalten durch Freunde erzeugt im Regelfall eine besonders hohe Glaubwürdigkeit", erklärt Effertz.

Die Studie zeigt auch, dass viele Unternehmen Kinder und Eltern täuschen. So sind es vor allem Produzenten von für Kinder ungeeigneten Lebensmitteln, die ihrem Produkt einen Gesundheitsnutzen suggerieren. "Die mobile Welt zeigt in diesem Fall besonders deutlich ihre Schattenseite“, kritisiert Kolpatzik. „Junge Menschen sind heutzutage überall und jederzeit erreichbar und damit ein Stück weit der Industrie und ihren Tricks ausgeliefert. Es ist ärgerlich, wenn wir als AOK in Schulen und Kindergärten über gesunde Ernährung aufklären, und dieses Engagement gleichzeitig von der profitorientierten Lebensmittelindustrie durch aggressive Marketingstrategien konterkariert wird."


Zum ams-Politik 05/17