vorlesen

Krankheitsauswahl im Morbi-RSA auf dem Prüfstein

Sondergutachten zum Krankenkassen-Finanzausgleich

18.05.17 (ams). Jedes Jahr überprüft der Wissenschaftliche Beirat des Bundesversicherungsamts (BVA) die Auswahl der 80 Krankheiten, die zur Berechnung des morbiditätsorientierten Risikostrukturausgleichs (Morbi-RSA) in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) berücksichtigt werden. In diesem Jahr wurde die Überprüfung ausgesetzt - aus einem wichtigen Grund: Das Bundesgesundheitsministerium hat den Wissenschaftlichen Beirat beauftragt, die Wirkung des Finanzausgleichs eigens in einem Sondergutachten zu würdigen. Dabei soll auch untersucht werden, ob die Begrenzung des Morbi-RSA auf 50 bis 80 Krankheiten aufgehoben werden kann. Eine Forderung, die die AOK-Gemeinschaft in ihrem aktuellen Positionspapier aufgestellt hat.

Demnach sollten alle der rund 360 Krankheiten für den GKV-Finanzausgleich herangezogen werden. "Nach den derzeit vorliegenden Erkenntnissen aus dem Gutachten zur Einführung des Morbi-RSA sowie aus den Ergebnissen des Evaluationsberichts aus dem Jahr 2011 führt die vollständige Berücksichtigung aller Krankheiten im Morbi-RSA zu einer Erhöhung der Zielgenauigkeit und damit zu einer Reduzierung der Anreize zur Risikoselektion", heißt es in dem Positionspapier für eine systematische Weiterentwicklung des Risikostrukturausgleichs, formuliert von allen elf AOKs und dem AOK-Bundesverband im Oktober 2016. Alle Krankheiten einzubeziehen, ist aus Sicht der AOK-Gemeinschaft nur gerecht, da für alle Versicherten im Morbi-RSA die gleichen Bedingungen gelten müssen - unabhängig davon, an welcher Krankheit sie leiden. Gleichzeitig, so ein weiteres Argument der AOK, sinke der analytische und administrative Aufwand, der mit der regelmäßigen Überprüfung der Auswahl einhergehe. Und schließlich sei davon auszugehen, dass durch den Wegfall der Begrenzung auf 80 Krankheiten auch die Unterscheidung in vermeintlich lukrative und nicht lukrative Diagnosen entfalle.

Mathematische Details mit weitreichenden Folgen

Seit dem 20. Februar 2017 tagt nun der Wissenschaftliche Beirat des BVA - für das Sondergutachten extra um zwei zusätzliche Experten erweitert - und analysiert und diskutiert die Effekte des Morbi-RSA in Bezug auf Risikoselektions- und Wirtschaftlichkeitsanreize. Am 30. Mai liegt die konstituierende Sitzung genau 100 Tage zurück. Bis zum 30. September 2017 hat der Beirat Zeit, das Gutachten vorzulegen.

In diesem Kontext haben unlängst verschiedene Krankenkassen, darunter die Techniker Krankenkasse (TK), altbekannte Vorschläge zur Krankheitsauswahl reaktiviert. Obwohl auch die TK den Morbi-RSA inzwischen für notwendig hält und von ihrer ehemals klaren Ablehnungshaltung abgerückt ist, schlägt sie jetzt vor, die Methodik zur Krankheitsauswahl so zu ändern, dass nur noch wenige teure, aber insgesamt seltene Krankheiten im Morbi-RSA berücksichtigt werden sollen - und zwar zu Lasten häufiger Krankheiten. Aus AOK-Sicht würde damit die GKV-Finanzierung insgesamt bedeutend ungerechter: Der Morbi-RSA würde viel weniger Menschen einbeziehen, weshalb Anreize zur Risikoselektion zu Lasten vieler chronisch Kranker wieder deutlich zunehmen würden. Für Timm Paulus, RSA-Experte des AOK-Bundesverbands, steckt ein Kalkül dahinter: "Anstatt dies offen auszusprechen, versteckt man sich hinter dem technischen Begriff der ‚logarithmischen Prävalenzgewichtung‘. Damit signalisiert man den Versicherten, dass nur ein technisches Detail am Morbi-RSA geändert wird. Die tatsächlichen Folgen für die Refinanzierung von chronisch kranken Menschen werden dagegen verschwiegen!"

Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Martin Litsch, nennt die Forderungen der TK deshalb inkonsistent: "Wer sich zum unstrittigen Ziel des RSA bekennt, Anreize zur Risikoselektion zu minimieren und Impulse zur Versorgung von kranken Menschen zu setzen, kann nicht allen Ernstes gleichzeitig fordern, chronische Erkrankungen nicht mehr zu berücksichtigen." In der Konsequenz bedeuteten die Vorschläge der TK einen Rückbau des Morbi-RSA.


Zum ams-Politik 05/17