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Wenig Nutzen, viele Risiken: Psychopharmaka-Gabe an Demenzkranke

Pflege-Report 2017

Foto: Pflegerin reicht Medikamente

13.04.17 (ams). Heimbewohner in Deutschland erhalten zu viele Psychopharmaka – und vor allem zu lange. Besonders betroffen sind Menschen mit Demenz. Nicht-medikamentöse pflegerische Ansätze sind eine wirksame Alternative, kommen aus Zeitmangel allerdings teilweise zu wenig zum Einsatz. Zu diesem Ergebnis kommt der Pflege-Report 2017 des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO).

43 Prozent der demenzkranken Heimbewohner nehmen dauerhaft mindestens ein Neuroleptikum ein, also ein Mittel gegen krankhafte Wahnvorstellungen. 30 Prozent erhalten Medikamente gegen Depressionen. Das zeigt eine Untersuchung in deutschen Altenheimen der Klinischen Pharmakologin Professor Petra Thürmann, deren Ergebnisse der Pflege-Report 2017 dokumentiert.

Grund für die Verordnung von Psychopharmaka ist, dass sich bei Menschen mit Demenz im Verlauf der Erkrankung das psychische Erleben verändert. In der Folge legen viele Betroffene ein sogenanntes herausforderndes Verhalten an den Tag: Sie sind unruhig und aggressiv, manche werden sogar handgreiflich. "Diese Auffälligkeiten lassen sich teilweise durch Neuroleptika dämpfen", sagte Thürmann, Direktorin des Philipp-Klee-Instituts für klinische Pharmakologie am HELIOS Universitätsklinikum Wuppertal, bei der Vorstellung des Pflege-Reports 2017.

Dauermedikation entspricht nicht den Leitlinien

Allerdings seien nur ganz wenige Wirkstoffe zur Behandlung von Wahnvorstellungen bei Demenz zugelassen, und dann auch nur für eine kurze Therapiedauer von sechs Wochen. "Der breite und dauerhafte Neuroleptika-Einsatz bei Pflegeheimbewohnern mit Demenz verstößt gegen die Leitlinien", kritisierte die Sachverständige zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Der Nutzen sei nicht groß, dafür gebe es viele Risiken. Zu den unerwünschten Nebenwirkungen zählten ein höheres Risiko für Stürze, Schlaganfälle und Thrombosen. Gangstörungen und eine eingeschränkte geistige Leistungsfähigkeit könnten ebenfalls die Folge sein. Dass es offenbar Alternativen gebe, zeige der Blick ins europäische Ausland: In Schweden lediglich erhalten zwölf Prozent der Heimbewohner Neuroleptika, in Frankreich 27 Prozent und in Finnland 30 Prozent, so Thürmann.

2.500 Pflegekräfte, die vom WIdO befragt wurden, bestätigten das hohe Ausmaß an Psychopharmaka-Verordnungen in Pflegeheimen. Die Befragten gaben an, dass im Durchschnitt bei mehr als der Hälfte der Bewohner ihres Pflegeheims Psychopharmaka eingesetzt würden. Zwei Drittel der Betroffenen (64 Prozent) erhielten demnach länger als ein Jahr entsprechende Medikamente. Trotz der auch im internationalen Vergleich hohen Verordnungsraten halten 82 Prozent der Pflegekräfte dies für angemessen.

Nicht-medikamentöse Ansätze sind wirksam

Laut Dr. Antje Schwinger, Leiterin des Forschungsbereichs Pflege im WIdO und Mitherausgeberin des Pflege-Reports, kommt Pflegekräften im Hinblick auf den Psychopharmaka-Einsatz im Heim eine Schlüsselrolle zu. Einerseits wirken mehr als vier von fünf Pflegekräften (84 Prozent) nach eigenen Angaben darauf hin, dass Ärzte Psychopharmaka verordnen, mehr als ein Viertel (27 Prozent) sogar regelmäßig. Andererseits halten die meisten Befragten nicht-medikamentöse Ansätze für wirksam. Mehr als zwei Drittel der Pflegekräfte (68 Prozent) gaben an, dass in ihrer Einrichtung ein Pflegekonzept umgesetzt werde, bei dem das Verstehen und die Wertschätzung des Bewohners mit herausforderndem Verhalten im Mittelpunkt stehe. Rund die Hälfte der Befragten setze hierfür spezielle Assessmentinstrumente ein. Fallbesprechungen, Biografiearbeit, sensorische Verfahren wie die Basale Stimulation, Beschäftigung und Bewegungsförderung würden ebenfalls häufig angewandt. Nach Auskunft von 56 Prozent der befragten Pflegekräfte führt allerdings Zeitdruck dazu, dass teilweise zu wenig nicht-medikamentöse Methoden zum Einsatz kommen. "Pflegekräfte müssen noch stärker für eine leitliniengerechte Gabe von Psychopharmaka sensibilisiert werden", forderte Schwinger. Nicht-medikamentöse Ansätze müssten fest im Arbeitsalltag verankert sein.

Mehr Kompetenzen und bessere Zusammenarbeit

Thürmann sprach sich dafür aus, dass sich Pflegekräfte mehr Wissen sowohl zur Wirkung von Psychopharmaka als auch zum Umgang mit herausforderndem Verhalten aneignen sollten. Heimversorgende Apotheker könnten den Pflegenden ebenfalls Hilfestellung geben. Auch die Ärzte müssten sensibler mit der Verordnung von Psychopharmaka umgehen und sich besser untereinander abstimmen. "Spätestens nach zwei bis vier Wochen sollte überprüft werden, ob Psychopharmaka abgesetzt werden können", sagte die klinische Pharmakologin. Internationale Studien hätten gezeigt, dass bei bis zu zwei Dritteln der Heimbewohner Psychopharmaka nach einer gewissen Zeit wieder abgesetzt werden könnten, so Thürmann.

Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, sieht vor allem die behandelnden Ärzte und die Pflegeheimbetreiber in der Verantwortung für eine leitliniengerechte Medizin. "Ärzte sind verpflichtet, Neuroleptika bei demenzkranken Heimbewohnern nur dann einzusetzen, wenn es nicht anders geht und auch nur so kurz wie möglich", betonte Litsch. Pflegeheime müssten ergänzend für den verstärkten Einsatz nicht-medikamentöser Versorgungsansätze sorgen. Der AOK-Vorstandsvorsitzende forderte, die Vereinbarung zur ärztlichen Versorgung in Pflegeheimen weiterzuentwickeln, der Geriatrie in der ärztlichen Ausbildung ein stärkeres Gewicht zu geben sowie einen Expertenstandard für die pflegerische Betreuung und Versorgung von Demenzkranken zu entwickeln. Zwar brauche gute Pflege auch angemessene Ressourcen. Allerdings zeigten der internationale Vergleich und einige deutsche Leuchtturmprojekte, dass Versorgungsdefizite in der pflegerischen Versorgung von Demenzkranken nicht zwangsläufig mit mehr Geld und Personal abgestellt werden könnten. "Das ist auch eine Frage des Wollens, der Haltung und der pflegerischen Betreuungskultur", sagte Litsch.


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