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Was bleibt am Ende von der Arzneimittelreform, Frau Dr. Richard?

ams-nachgefragt: Dr. Sabine Richard, Leiterin der Geschäftsführungseinheit "Versorgung" im AOK-Bundesverband

Foto: Dr. Sabine Richard

Dr. Sabine Richard

13.03.17 (ams). "In der Bilanz bleibt das Arzneimittelversorgungsstärkungsgesetz (AMVSG) ein Pharmadialog-Gesetz mit zusätzlichen Geschenken an die Apotheker. Die Agenda wurde von Beginn an einseitig gesetzt.  Zwar wurde der wichtigste Wunsch der Pharmaindustrie nach geheimen Preisen nicht erfüllt, aber übrig bleiben viele kleine Änderungen, mit denen der Mechanismus des AMNOG weiter geschwächt wird. Das Grundprinzip 'der Preis folgt dem Nutzen' wird ausgehebelt, denn für Arzneimittel ohne Zusatznutzen ist der Preis der Vergleichstherapie nicht mehr zwingend die Grundlage für den GKV-Erstattungsbetrag. Selbst bereits bestehende Vereinbarungen können von der Industrie gekündigt und neu verhandelt werden. Dies ist nicht ohne erhebliche Mehrkosten zu haben. Bestandsmarktarzneimittel werden nach wie vor nicht auf ihren Nutzen bewertet, insofern ist es konsequent und zu begrüßen, dass das die Preisbegrenzung durch das Preismoratorium für diese Produkte grundsätzlich bestehen bleibt.

Der Gesetzentwurf ist aber auch ein Dokument der verpassten Chancen. Das international fast einzigartige Privileg der Pharmaindustrie, ihre Preise in den ersten zwölf Monaten nach Marktzugang völlig frei festzusetzen, bleibt unangetastet. Nicht einmal die vorgesehene Umsatzschwelle als Kappung für die extremsten Preistreiber hatte Bestand. Der Skandal um den Preis von Sovaldi bleibt in Deutschland damit vorerst ohne Konsequenz. Es gibt nach wie vor kein Rezept für die Frage, wie sich die GKV in Zukunft davor schützen kann, dass die Arzneimittelhersteller die Zahlungsbereitschaft der Sozialversicherung immer weiter austesten.

Schließlich dürfen die Krankenkassen künftig keine Verträge mehr für die Versorgung mit Krebsmitteln und Impfstoffen mehr schließen. Mit der Rücknahme der Ausschreibungsmöglichkeit wird uns ein wichtiges Instrument der Versorgungsgestaltung genommen. Im Rahmen der Ausschreibung von Krebsmitteln hat die AOK mit den Partnerapotheken strenge Qualitätskriterien vereinbart. Jetzt droht der Rückfall in unsichere Zeiten ohne zeitliche oder räumliche Vorgaben. Darüber hinaus entgeht den Beitragszahlern allein bei den Krebsmitteln ein Einsparpotential von 600 bis 800 Mio. EUR pro Jahr. Profiteure sind einige wenige Apotheken."


Zum ams-Politik 03/17