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Agenturmeldung vom 08.05.2018, 15:21

Ärzte sträuben sich gegen Verpflichtung zu mehr Sprechstunden

Erfurt (dpa) - Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bekommt Gegenwind der Ärzte für seinen Plan, ihnen mehr Praxis-Sprechstunden für Kassenpatienten vorzuschreiben. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery sagte am Dienstag beim Ärztetag in Erfurt, dies erscheine ihm angesichts der hohen Arbeitslast der meisten Mediziner nur "stimmungsverändernd". Spahn verteidigte die Pläne, mit denen die große Koalition Wartezeiten auf Termine verkürzen will. Er ermunterte die Ärzte, sich auch für mehr reine Oline-Sprechstunden zu öffnen.

Der Minister mahnte die Ärzte, man sollte in der Frage, wie schnell gesetzlich Versicherte Termine bekommen, nicht von einen "gefühlten Problem" reden. Union und SPD wollen die Mindest-Sprechstundenzahl von bisher 20 auf 25 pro Woche erhöhen. Er wisse, dass "die übergroße Zahl" der Mediziner mehr anbiete, sagte Spahn. Dies solle daher nicht als Generalverdacht empfunden werden, sondern "als eine Ermunterung für diejenigen, die es noch nicht machen".

Gefunden werden müsse hierfür auch eine Vergütungsregelung, damit Ärzte für mehr Patienten nicht bestraft würden, sagt der Minister. Die Kassenärzte verlangen vehement mehr Geld. Die gesetzlichen Kassen wiesen dies aber zurück. "Für seine Patienten da zu sein, ist die Kernaufgabe des Arztberufes", sagte der Vize-Vorstandschef des GKV-Spitzenverbands, Johann-Magnus von Stackelberg. "Über die ohnehin gute Vergütung hinaus kann es dafür, dass ein Arzt für den direkten Patientenkontakt zur Verfügung steht, keine Bonuszahlungen geben."

Montgomery forderte: "Man muss die Patienten steuern, damit das knapp gewordene Gut 'Arztstunde' denen zugutekommt, die es wirklich benötigen." Benötigt würden auch weitere Medizin-Studienplätze, um mehr Nachwuchs zu gewinnen. Kein Ausweg könne sein, mehr ausländische Ärzte nach Deutschland zu holen. Das schädige das Gesundheitswesen der Herkunftsländer, zudem seien intensive Prüfungen von Sprach- und medizinischen Kenntnissen erforderlich. "Wo Arzt drauf steht, muss auch Arzt drin sein. Das gebietet der Patientenschutz."

Spahn rief den Ärztetag auf, den Weg für eine stärkere Freigabe reiner Online-Sprechstunden im Berufsrecht freizumachen. Die Frage sei im Grunde nur, ob Internetkonzerne wie Google, Apple oder Amazon solche Angebote machten, "oder ob wir das gemeinsam in Deutschland hinbekommen". Auch Montgomery warb für eine Öffnung mit Augenmaß. So müsse die Möglichkeit des direkten Kontaktes von Arzt und Patienten flächendeckend weiter garantiert sein. Patienten dürften auch nicht in vermeintlich einfache und kostengünstige Lösungen gedrängt werden.

Das Ärzteparlament aus 250 Abgeordneten, das bis diesen Freitag in Erfurt tagt, soll über eine Lockerung des Berufsrechts entscheiden, das "ausschließliche" Fernbehandlungen bisher untersagt. Laut einer Vorlage des Vorstands der Bundesärztekammer soll dies "im Einzelfall" erlaubt werden. GKV-Vize Stackelberg mahnte, "dass niemand, der einen Arzt von Angesicht zu Angesicht sprechen möchte, zu einem virtuellen Kontakt gedrängt werden darf". Die Deutsche Stiftung Patientenschutz warnte davor, so gerade Ältere noch mehr abzuhängen. "Es finden sich kaum noch Mediziner, die ins Haus kommen", sagte Vorstand Eugen Brysch der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (Dienstag).

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) prangerte eine zunehmende Gewalt gegen Mediziner und Rettungskräfte an. "Wer einen Arzt angreift, greift uns an. Wer eine Schwester angreift, greift uns an." Auch Spahn rief dazu auf, Aggressionen entgegenzutreten. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der NAV-Virchow-Bund der niedergelassenen Ärzte forderten, ein neuer Straftatbestand zum Schutz von Feuerwehr, Polizisten und Rettern solle auch für Mediziner gelten. Hierin sind bis zu fünf Jahre Haft vorgesehen.

Die beiden Verbände stellten eine Auswertung zu Aggressionen vor. Pro Arbeitstag komme es in deutschen Praxen 288 Mal zu körperlicher Gewalt. Verbale Gewalt gebe es in täglich 2870 Fällen. Für die Zahlen seien Antworten von 7500 Medizinern in einer Umfrage ausgewertet und auf die 145 000 niedergelassenen Ärzte in Deutschland hochgerechnet worden, hieß es zur Methode. Pro Jahr gibt es nach Ärzte-Angaben rund eine Milliarde Kontakte zwischen Ärzten und Patienten und mehr als 600 Millionen Behandlungsfälle in Praxen niedergelassener Mediziner.