Agenturmeldung vom 21.06.2017, 13:00

Transparenzoffensive der Pharma-Industrie schwächelt

Berlin (dpa) - Schon nach einem Jahr hat die Transparenzoffensive der Pharma-Industrie über umstrittene Zuwendungen an Ärzte einen herben Rückschlag erlitten. Die Zustimmungsquote der Ärztinnen und Ärzte zur namentlichen Veröffentlichung dieser Zuwendungen sei von rund einem Drittel im Vorjahr auf rund ein Viertel in diesem Jahr gesunken, erklärte die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der Forschenden Arzneimittelhersteller (vfa), Birgit Fischer, am Mittwoch in Berlin.

Nach Schätzung des vfa und des Vereins "Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie" (FSA) umfassten die Leistungen von Pharma-Unternehmen an Ärzte sowie weitere Fachkreise und Institutionen der Medizin 2016 rund 562 Millionen Euro, gut zwei Prozent weniger als im Vorjahr. Davon entfielen etwa 356 Millionen Euro auf klinische Studien und die nach wie vor umstrittenen Anwendungsbeobachtungen an Patienten. Rund 105 Millionen Euro flossen in den Bereich Fortbildung und Vorträge und etwa 101 Millionen Euro in die Unterstützung von Veranstaltungen und Institutionen.

Fischer führte die schwindende Bereitschaft der Ärzte zu mehr Transparenz vor allem darauf zurück, dass diejenigen, die diesen Weg gegangen seien, an den Pranger gestellt worden seien. Sie unterstrich, die Transparenz-Debatte sei nötig, um sachlich darüber zu diskutieren, was gute Forschung und was gute Fortbildung koste und wie das finanziert werden solle. Der Verband halte am eingeschlagenen Weg fest. Die Öffentlichkeit solle nachvollziehen können, wie sich die Zusammenarbeit von Unternehmen und Medizinern gestalte und welchem Zweck sie diene.

Wenige wüssten, dass Ärzte eine wichtige Funktion bei der Entwicklung neuer Arzneimittel hätten. Sie führten in Schwerpunktpraxen und in Kliniken Studien zur Wirksamkeit und Sicherheit von Medikamenten durch. Für ihren nicht unerheblichen Aufwand erhielten Ärzte und Kliniken Geld der Unternehmen. 54 Mitgliedsunternehmen des FSA und des vfa haben 2016 erstmals den Transparenzkodex umgesetzt. Sie decken rund 75 Prozent des deutschen Pharmamarktes ab.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz kritisierte wiederholt, dass die umstrittenen Anwendungsstudien nicht scharf genug kontrolliert würden. Stiftungsvorstand Eugen Brysch verlangte, die Patienten müssten vorab informiert werden und selbst darüber entscheiden können, ob sie an einer Anwendungsstudie teilnehmen wollen. Solange Ärzte von der Pharmaindustrie Prämien für Anwendungsbeobachtungen mit bestimmten Medikamenten erhalten, sei zu bezweifeln, dass immer das bestmögliche Medikament verordnet werde. Auch in SPD und Union gibt es kritische Stimmen gegenüber diesen Studien.