Agenturmeldung vom 06.03.2017, 06:30

AOK-Chef sieht kein Apothekensterben voraus - "Kniefall vor Lobby"

Der Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten nimmt nur einen Bruchteil des Gesamtumsatzes der Apotheken ein. Doch Bundesgesundheitsminister Gröhe will ihn komplett verbieten. Das findet die AOK Baden-Württemberg völlig unangemessen.

Stuttgart (dpa/lsw) - Der baden-württembergische AOK-Chef Christopher Hermann tritt Befürchtungen entgegen, Apotheken in Deutschland seien durch den Online-Handel in ihrer Existenz gefährdet. "Wenn die Apotheken ihre umfassende Beratungsfunktion für den Patienten in den Mittelpunkt stellen, werden sie ohne Probleme überleben", sagte Hermann der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. Das von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU)  geplante Gesetz zum generellen Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Mitteln hält Hermann für nicht sinnvoll. "Das ist nichts anderes als ein Kniefall vor der Apothekerlobby vor der Bundestagswahl und hat mit Versorgungssicherheit nichts zu tun."

Der Versandhandel sei da vernünftig, wo Patienten nicht fortdauernd Beratung bräuchten, etwa gut eingestellte chronisch Kranke. "Das funktioniert seit 13 Jahren und ein Verbot liefe den Interessen von Patienten entgegen, die sich dafür entschieden haben, ihre Medikamente auf dem Versandweg zu beziehen." Vor allem auf dem Land sei diese Versorgung unverzichtbar. Im Oktober vergangenen Jahres hatte der Europäische Gerichtshof die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente im grenzüberschreitenden Versandhandel gekippt. Darauf reagierte Gröhe mit seinem Gesetzentwurf, der in der großen Koalition aber umstritten ist.

Der Internethandel mit Medikamenten hat nach Worten von Hermann auch noch keine bedrohlichen Ausmaße: Derzeit würden nur 0,5 Prozent aller Medikamente in Deutschland über den Versandhandel bezogen, und das nicht nur aus dem Ausland. Von einem Verbot wären laut Hermann auch 150 Apotheken betroffen, die ein Versandgeschäft betreiben.