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#wenigerZucker

Statement von Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, auf einer Pressekonferenz von Deutscher Diabetes Gesellschaft (DDG), Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) und foodwatch

Foto: Martin Litsch

Martin Litsch

(02.05.18) "Weniger Zucker – unter diesem Motto hat der AOK-Bundesverband im letzten Jahr den 1. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel ausgerichtet. Noch in diesem Jahr wird es die Folgeveranstaltung geben. Dass wir in punkto Zuckerreduktion thematischer Trendsetter sind, hat zwei Gründe: Zum einen liegt uns als Gesundheitskasse Prävention besonders am Herzen. Und zum anderen hat Deutschland bei diesem Thema massiven Nachholbedarf. Denn wie schädlich Zucker für die Gesundheit ist, haben Sie heute bereits erfahren.

Schauen Sie nach Großbritannien, nach Frankreich, Österreich oder sogar nach Mexiko. Überall auf der Welt werden schon heute erfolgreich Initiativen umgesetzt oder gestartet, um den Anteil von Zucker, Fett und Salz in Lebensmitteln zu reduzieren. Nur in Deutschland wehrt man sich mit Händen und Füßen dagegen. Und schiebt dafür auch gerne mal den freien Verbraucherwillen vor. So sagte die neue Bundesernährungsministerin Julia Klöckner unlängst: "Ich will nicht vorschreiben, wie Deutschland schmeckt".

Dabei geht es nicht darum, süß oder salzig zu verteufeln. Es geht schlicht um ein "weniger". Doch um das zu erreichen, braucht es gesetzliche Vorgaben. Längst ist klar, dass sich die Lebensmittelindustrie nur auf Druck bewegt. Das zeigen nicht zuletzt ihre Verzögerungstaktiken und Umgehungsstrategien beim Kinderwerbeverbot für zu zucker-, fett- und salzhaltige Lebensmittel. Noch immer beinhalten mehr als 60 Prozent aller Webseiten für Lebensmittel spezielle Elemente, mit denen Minderjährige gezielt zum Kauf animiert werden sollen. Das haben wir gemeinsam mit der Uni Hamburg in einer Studie aufzeigen können. Zwar gibt es vielversprechende Beispiele einzelner Hersteller und Handelsketten, die es mit der Selbstverpflichtung zur Reformulierung von Rezepten ernst zu nehmen scheinen. Aber insgesamt gibt sich die Lebensmittellobby sehr uneinsichtig.

Deswegen freut es mich, dass die Ernährungsministerin eine Gesamtstrategie zur Kalorienreduktion angekündigt hat. Und noch mehr freue ich mich, wenn darauf Taten folgen. Ihr Vorgänger hatte eine Nationale Reduktionsstrategie angekündigt und es dann dabei belassen. Das darf nicht noch einmal passieren. Deshalb fordern wir Frau Klöckner auf, klare Kante gegenüber der Lebensmittelindustrie zu zeigen.

Natürlich ist nicht allein die Industrie in der Verantwortung. Wir müssen alle gesellschaftlichen Hebel in Gang setzen, um den Anteil von Zucker, Salz und Fett in unseren Speisen zu senken. Dazu brauchen wir erstens eine transparente und ehrliche Lebensmittelkennzeichnung, zum Beispiel mit der Ampel. Zweitens muss es ein striktes Werbeverbot für das Kindermarketing von stark zucker-, fett- und salzhaltigen Lebensmitteln geben. Und drittens müssen die Lebensmittelhersteller ihre Rezepturen beim Zucker-, Fett- und Salzgehalt anpassen. Das haben sie in anderen Ländern wie Großbritannien schon jetzt erfolgreich getan. Und wenn das alles nichts hilft, müssen wir als letztes Mittel auch über steuerliche Anreize für die Lebensmittelindustrie reden.

Grafik: Lebensmittelampel und Zuckersteuer

Auch wir als Krankenkasse leisten unseren Teil. Mit umfangreichen Präventionsangeboten für unsere Versicherten direkt, aber auch in Kitas und Schulen. Und nicht zuletzt am 17. Oktober mit dem 2. Deutschen Zuckerreduktionsgipfel. Ich würde mich freuen, wenn die Ernährungsministerin dort ihren ehrgeizigen Nationalen Reduktionsplan vorstellt und damit zeigt, dass unsere Botschaft – auch die von dieser Veranstaltung – angekommen ist.  Wir werden das auch mit dem Hashtag #wenigerZucker weiterverfolgen."


Ein Bündnis aus 15 Ärzteverbänden, Krankenkassen und Fachorganisationen und "TV-Arzt“ Eckart von Hirschhausen fordern in einem Offenen Brief an die Bundesregierung und Kanzlerin Merkel konkrete Maßnahmen gegen Fehlernährung.