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Litsch: "Wir müssen die Versorgung vom Patienten aus denken"

Foro: Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes

Martin Litsch

(27.12.17) Die Gesundheitspolitik in Deutschland braucht mehr Mut. Der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes fordert von einer neuen Bundesregierung echte Strukturreformen. "In den vergangenen vier Jahren hat es vor allem Reformen gegeben, die nicht billig waren", sagte Litsch im Interview mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. "An den Strukturen der Versorgung mit Ärzten und Kliniken hat sich leider in letzter Zeit nicht viel geändert."

Die Qualität in den Krankenhäusern solle künftig zwar eine größere Rolle spielen, lobt der Verbandschef zwar. "Aber die Umsetzung lässt auf sich warten." Litsch kritisiert vor allem die Überversorgung mit Kliniken, insbesondere in den Ballungsräumen. Das führe zu einer Konkurrenzsituation zwischen den Krankenhäusern, die nicht immer im Sinne der Patienten sei. "Es wird gemacht, was geht, nicht, was erforderlich ist“, bilanziert Litsch und bekräftigt die Forderung des AOK-Bundesverbandes nach Spezialisierung von Kliniken und harten Qualitätsvorgaben in Form schärferer Mindestmengen-Regelungen bei komplexen Operationen.

Ein weiteres wichtiges Handlungsfeld sieht Litsch in der Notfallversorgung: "Das Problem ist, dass wir zwei getrennte Bereiche der Notfallversorgung haben - ambulant und stationär. Die Patienten wissen nicht, an wen sie sich wenden können." Am Ende entschieden sich die meisten fürs Krankenhaus, obwohl sie da vielleicht gar nicht hingehörten. Eine einheitliche Notfallrufnummer und eine zentrale Anlaufstelle sind aus Sicht des AOK-Bundesverbandes eine mögliche Lösungen. "Wir müssen die Versorgung vom Patienten aus denken. Die bestehenden Doppelstrukturen gehören abgeschafft, auch aus finanziellen Gründen", fordert Litsch

Hinsichtlich der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erwartet Litsch auch Änderungen. Die AOK-Mitglieder und -Versicherten nähmen sehr wohl wahr, dass sie für alle Kostensteigerungen über die Zusatzbeiträge aufzukommen hätten. Die paritätische Finanzierung sei zu einer Zeit aufgegeben worden, als die Sozialabgaben nicht weiter zu Lasten des Wirtschaftsstandorts Deutschland steigen sollten. Heute sei die konjunkturelle Lage eine andere. "Ich gehe davon aus, dass die nächste Bundesregierung die Parität wiederherstellen wird", sagt Litsch.

In der Diskussion um die Bürgerversicherung mahnt der Verbandsvorsitzende vor übereilten Urteilen. Bisher sei die Bürgerversicherung nicht mehr als ein Begriff. Entscheidender sei, dass sich die GKV insgesamt als überlegen erwiesen habe. "Die GKV sorgt dafür, dass unser Gesundheitswesen zu den modernsten der Welt gehört. Die PKV dagegen hat mehrere Probleme, ein Kostenproblem, ein Qualitätsproblem und ein Finanzierungsproblem." Ein einheitliches Versicherungssystem wäre aus Litschs Sicht noch längst keine Einheitskasse, und in der GKV gebe es schon jetzt viel mehr Wettbewerb als im abgeschotteten privaten Versicherungsmarkt.