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Pflegekräfte stärken und Pflegemix ausbauen

Statement von Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, am 23. März 2017 auf dem Deutschen Pflegetag 2017

Foto: Martin Litsch

Martin Litsch

"In dieser Legislaturperiode gab es eine Menge Stärkungsgesetze. Die wenigsten haben diesen Namen wirklich verdient. Für die Pflegestärkungsgesetze gilt das nicht. Mit der zweistufigen Beitragssatzanhebung um insgesamt 0,5 Beitragssatzpunkte wurde das Finanzierungsvolumen der sozialen Pflegeversicherung innerhalb von knapp drei Jahren um rund 20 Prozent ausgeweitet. Allein seit Anfang 2015 sind rund zehn Milliarden Euro zusätzlich in die soziale Pflegeversicherung geflossen. Dabei sind die 3,3 Milliarden für den Pflegevorsorgefonds noch nicht einmal eingerechnet. Man kann also schlecht behaupten, in dieser Wahlperiode sei nichts für die Pflege getan worden. Im Gegenteil, mit den kräftigen Finanzspritzen und der geräuschlosen Einführung des neuen Pflegebegriffs ist die Teilmodernisierung der Pflegeversorgung gelungen.

Während Pflegebedürftige und ihre Angehörigen heute also umfangreicher unterstützt werden, hat sich die Situation der Pflegekräfte nicht verbessert. Pflege ist nach wie vor ein Knochenjob. Pflegekräfte arbeiten durchschnittlich nur sieben Jahre in ihrem Beruf. Die überdurchschnittliche Belastung spiegelt sich auch in unserer Krankenstands-Statistik wider. Zwischen 2012 und 2016 ist der Krankenstand in Deutschland über alle Branchen hinweg durchschnittlich von 4,9 auf 5,3 Prozent gestiegen. Speziell in der Pflege ist der Krankenstand im selben Zeitraum von 6,1 auf 6,7 Prozent geklettert. Damit ist er in den Pflegeberufen nicht nur höher als im Durchschnitt, er wächst auch schneller.

Daher überraschen mich auch die Umfrageergebnisse nicht grundsätzlich. Die Pflegekräfte haben offenbar das Gefühl, dass der Fortschritt in der Pflege an ihnen vorbei geht. Jetzt, wo Bund und Länder beispielsweise die Festlegung von Personaluntergrenzen für die Pflege im Krankenhaus verabreden, werden sich viele Pflegekräfte fragen, ob das auch wieder nur ein Papiertiger ist oder ob sich die Arbeitssituation in der Krankenhauspflege verbessern wird.

All das sollte uns zu denken geben. Wir Pflegekassen zahlen zwar eine leistungsgerechte Vergütung, aber das zusätzliche Geld kommt nicht immer bei den Pflegekräften an, sondern geht allzu oft in nicht optimal gemanagte Strukturen, dient der Querfinanzierung defizitärer Sparten bei kommunalen und kirchlichen Einrichtungen oder geht in die Rendite von Pflegediensten und Pflegeheimen. Das darf nicht sein. Mehrausgaben der Pflegekassen müssen auch bei den Beschäftigten ankommen. Deswegen ist es gut, dass das Sozialversicherungsgesetz für alle Pflegeanbieter jetzt die Transparenz über die Kalkulationsgrundlagen der Pflegeanbieter einfordert. So haben die Pflegekassen das Recht, die personelle und sachlichen Ausstattung einschließlich der Kosten sowie die tatsächliche Stellenbesetzung und Eingruppierung für die Vergütungsfestlegung zur Verhandlungsgrundlage zu machen.

Um Pflegekräfte zu stärken, müssen wir auch die Gesundheitsförderung in Pflegeeinrichtungen intensivieren. Die AOK setzt sich zwar schon seit längerem für gesunde Arbeitsbedingungen in Pflegeberufen ein, so läuft etwa seit 2011 die bundesweite Kampagne 'Gesunde Mitarbeiter - Erfolgsfaktor in der Pflege'. Wir werden unser Engagement aber weiter ausbauen. Dabei sind alle Beteiligten aufgefordert, Ideen für mehr Prävention in der Pflege zu entwickeln.

Kein Zweifel, es muss viel mehr für die Attraktivität von Pflegeberufen getan werden. Darum ist es auch zum Kopfschütteln, wenn sich die Koalition trotz Kabinettsbeschlusses seit über einem Jahr nicht auf das Pflegeberufsgesetz verständigen kann. Die Klarheit hätte der Attraktivität des Pflegeberufs auf lange Sicht sicher gut getan. Doch die Aufwertung der professionellen Pflege wird auch nicht ausreichen, um die Herausforderungen in der Pflege zu bewältigen. Deshalb brauchen wir neben der professionellen Pflege auch weiter ein starke 'informelle Pflege', also die Pflege durch Angehörige, Nachbarn oder Ehrenamtliche. Diesen Pflegemix müssen wir erhalten und fördern. Erstens, weil es sich eine große Mehrheit der Pflegebedürftigen so wünscht. Nach allen bekannten Umfragen wollen die Deutschen am liebsten im häuslichen Umfeld bleiben und vom Partner gepflegt werden. Und tatsächlich werden ja auch 70 Prozent aller Betroffenen durch Familien, Angehörige, Freunde und Nachbarn zu Hause gepflegt. Zweitens, weil es perspektivisch auch nicht genügend professionelle Pflegekräfte für den wachsenden Bedarf geben wird. Deshalb ist es umso wichtiger, die hohe Bereitschaft der Angehörigen zur täglichen Betreuung zu fördern, letzteres auch mit leistungsrechtlichen und strukturellen Anreizen in der sozialen Pflegeversicherung."

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Statement Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes, auf dem Deutschen Pflegetag 2017