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Litsch: "Deutschland ist ein Eldorado für die Pharmabranche"

Foto: Martin Litsch

Martin Litsch

(11.04.16) Der AOK Bundesverband zweifelt am Sinn und Zweck des sogenannten Pharmadialogs. "Für die Pharmaindustrie ist Deutschland doch ein Eldorado. Jeder ist versichert und bekommt, was er braucht.", beschreibt der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes im Interview mit "Frankfurter Rundschau"  die Vorzüge des deutschen Arzneimittelmarktes. Es gebe keine Rationierung, auch wenn ein Medikament 100.000 Euro kostet. "Das ist auch richtig  so", sagt Litsch, sichere aber auch den Absatz und sorge für ideale Forschungs- und Produktionsbedingungen.

Monatelang hatte die Bundesregierung mit der Arzneimittelbranche Gespräche über die Zukunft des Pharma-Standort Deutschlands. Am Dienstag (12. April) will Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe die Ergebnisse präsentieren. Die Stärkung des Pharma-Standorts Deutschland, hatte die Bundesregierung als Ziel ausgegeben. Litsch hingegen warnt vor teuren Geschenken zu Lasten der Beitragszahler. Litsch fordert, die seit 2011 geltende Preisregulierung für neue Medikamente zu stärken, die sich am Mehrwert für die Patienten orientieren soll. Jene Regelung greift erst ein Jahr nach der Markteinführung. "Wir beobachten, dass die Regulierung insbesondere bei Krebsmedikamenten durch immer kürzere Zyklen letztlich unterlaufen wird: Ist das Jahr herum, kommt ein Nachfolgepräparat, wiederum mit Mondpreisen."

Als Begründung für ihre Preispolitik führen die Arzneimittelhersteller hohe Forschungs- und Entwicklungskosten ins Felde. Der Verbandschef lässt dies so nicht gelten: "Die Forschung wird doch oft in Universitäten oder ausgegründeten Start-ups gemacht, mit sehr überschaubaren Budgets. Teuer wird das Ganze vor allem deshalb, weil die Industrie dann um erfolgreiche Entwicklungen buhlt und die Preise hochtreibt." Auch das Argument, ein neues Medikament wie etwa das Hepatitis C-Präparat Sovaldi, mache bisher unheilbare Krankheiten heilbar und reduziere Kosten an anderer Stelle greift für Litsch zu kurz. "Wieviel sind Sie bereit, für einen Fahrradhelm zu bezahlen?", fragt er zurück. "So ein Helm ist in der Lage, Sie bei einem Unfall vor schwerwiegenden Verletzungen und damit vor unglaublich hohen Folgekosten zu schützen. Aber er kostet deshalb keine zehntausende Euro."

Darüber hinaus fordert der AOK-Vorstand transparente Preise. "Die verhandelten Preise müssen offen gelegt werden. Die Pharmaindustrie macht ja geltend, bei einer Vertraulichkeit der Preise wäre sie zu größeren Nachlässen bereit. Aber dafür fehlt für die Zeit der vertraulichen Verhandlungen zwischen 2011 und 2014 jeder Beleg." Hintergrund: Viele andere Staaten richten sich nach den in Deutschland geltenden Preisen. Zudem entzögen sich die Hersteller auf diese Weise unbequemer gesellschaftlicher Debatten über unangemessene Preise, warnt Litsch.

Auch die Ärzteschaft will bei den Arzneimittelpreisen künftig genauer hinschauen. Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Prof.  Dr. Frank Ulrich Montgomery, hat bereits angekündigt, die Preisbildung zum Top-Thema des diesjährigen Deutschen Ärztetages im Mai machen zu wollen.  "Wir werden dort über Transparenz bei der Preisbildung sprechen und auch  darüber, inwieweit die Preise am Patientennutzen orientiert sind."

Litsch zeigt Verständnis für die Ärzte und fordert, dass die Praxissoftware mehr Informationen über Kosten sowie Nutzen liefert und schneller aktualisiert wird als bisher: "Es ist verdammt schwer, hier den Überblick zu behalten", erläutert Litsch. "Die Ärzte haben schließlich auch ein Interesse daran, im Falle einer unwirtschaftlichen Verordnung nicht von den Krankenkassen in Regress genommen zu werden. Das ist bei einer Therapie für 50 Euro unkritisch. Aber nicht dann, wenn das Medikament 100.000 Euro kostet."