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Qualität ist der Schlüssel zu Finanzierung

Hauptstadtkongress 2015:

(11.06.15) Qualität ist aus Sicht der AOK der Schlüssel zu einer nachhaltigen Finanzierung des Gesundheitswesens. Nur durch einen qualitätsorientierten Strukturwandel lasse sich drohende Rationierung verhindern, sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes, Jürgen Graalmann, am Donnerstag (11. Juni) beim "Hauptstadtkongress Medizin und Gesundheit". Nötig seien dazu stärkere Zentralisierung und Spezialisierung von Leistungen, sektorenübergreifende Bedarfsplanung und eine bessere Nutzen-Orientierung. Uwe Deh, Geschäftsführender Vorstand des Verbandes, forderte auf dem Kongress eine Weiterentwicklung des Gesetzes zur frühen Nutzenbewertung von neuen Medikamenten. Die Nutzenbewertung dürfe nicht mit der Zulassung eines Mittels enden.

Foto: Jürgen Graalmann - Vorstandsvorsitzender des AOK-Bundesverbandes

Jürgen Graalmann

"Die fetten Jahre sind vorbei", sagte Graalmann in Berlin. Er machte beim Hauptstadtkongress 2015 deutlich, dass sich die Ausgabenentwicklung in der GKV immer deutlicher von Einnahmen und Wirtschaftswachstum löst. Das sehe man am deutlichsten im Bereich der stationären Versorgung: "Trotz steigender Ausgaben landen immer mehr Krankenhäuser in den roten Zahlen." Dies liege wesentlich daran, dass die Länder ihren finanziellen Verpflichtungen bei der Investitionskostenfinanzierung nicht nachkommen. Die entsprechende Investitionskostenlücke betrage inzwischen rund vier Milliarden Euro ausgeweitet.

Am Beispiel der Behandlungszahlen für Wirbelsäulen-Operationen zeigte Graalmann auf, wie viele Kliniken versuchen, den Ausfall der Landesmittel durch Mengen- und Indikationsausweitung auszugleichen: 2005 wurden 54.600 AOK-Versicherte an der Wirbelsäule operiert. 2014 waren es bereits 91.440. Die Kliniken geraten aus Sicht Graalmanns in einen Teufelskreis: Sie versuchen, möglichst viele Behandlungen anzubieten, müssen dazu investieren und können die entsprechenden Ausgaben dann nur durch noch mehr Menge finanzieren.

Die Politik habe durchaus erkannt, dass Qualität der Schlüssel für eine nachhaltige Finanzierung ist, betonte der Vorstandschefs. Entsprechende Vorgaben seien im Kabinettsentwurf für die Krankenhausreform durchaus enthalten. Die AOK unterstütze ausdrücklich, dass sich Krankenhausplanung und -vergütung stärker an Qualitätsaspekten orientieren sollen. Graalmann kritisierte jedoch, dass die Große Koalition den Krankenkassen gleichzeitig einen neuerlichen Kostenschub zumute. Das am Donnerstag (11. Juni) vom Bundestag verabschiedete GKV-Versorgungsstärkungsgesetz sowie die in den Entwürfen für die Krankenhaus-Reform, das Präventionsgesetz, das E-Health-Gesetz und für eine bessere Hospiz- und Palliativversorgung vorgesehenen Regelungen belasten Gesundheitsfonds und Krankenkassen allein bis 2019 mit rund elf Milliarden Euro zusätzlich. Das hat der GKV-Spitzenverband aktuell ausgerechnet.

Foto: Uwe Deh - geschäftsführender Vorstand des AOK-Bundesverbandes

Uwe Deh

AMNOG 2.0: Nutzenbewertung über die Zulassung hinaus

Ebenfalls um das Thema Qualität und Kosten ging es bei der Kongress-Veranstaltung zur Weiterentwicklung der frühen Nutzenbewertung für neue Medikamente nach dem Arzneimittelmarkt-Neuordnungsgesetz (AMNOG). Dabei diskutierte Uwe Deh unter anderem mit Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium. Der Geschäftsführende Vorstand des AOK-Bundesverbandes verteidigte das AMNOG gegen die Kritik der Pharmaverbände: "Mit dem AMNOG können echte Innovationen gestärkt und gefördert werden."

Aus Sicht Dehs erfüllt das Verfahren seine zwei Hauptaufgaben bisher weitestgehend gut: "Erstens soll es echte Arzneimittel-Innovationen identifizieren und sie von Scheininnovationen abgrenzen. Zweitens soll es die Preise auf dem Markt der patentgeschützten Arzneimittel am Ausmaß des Zusatznutzens ausrichten. Somit will man unterbinden, dass Unternehmen mit einer fehlgeleiteten Preispolitik bei der Einführung neuer Arzneimittel über die Stränge schlagen und das Solidarsystem schädigen."

Es gebe jedoch zwei Entwicklungen, so Deh, "die die beiden Ziele zunehmend behindern und auf die der Gesetzgeber bei einer Weiterentwicklung des AMNOG reagieren müsseuss". So erweise sich das Zugeständnis der Politik, Unternehmen im ersten Jahr nach der Zulassung eines Medikamentes freie Preisbildung zu erlauben, zunehmend als Fehler. "Die Preise für neue Arzneimittel werden im Jahr vor der Nutzenbewertung extrem hoch angesetzt und so in kurzer Zeit enorme Umsätze erwirtschaftet", betonte Deh. Er erneuerte die Forderung der AOK, den nach Abschluss des Nutzenbewertungsverfahrens zwischen GKV-Spitzenverband und Hersteller verhandelten Erstattungspreis rückwirkend ab dem Zulassungstag gelten zu lassen.

In den letzten Jahren, so Deh, sei zudem zu beobachten, dass Pharmahersteller zunehmend teure Nischenmedikamenten für eher seltene Krankheiten, zum Beispiel Untergruppen von sehr seltenen Krebserkrankungen auf den Markt brächten. "Nach Festlegung eines hohen Preises für die kleine Gruppe wird in weiteren Schritten dann das Anwendungsgebiet der Onkologika sukzessive auf andere, weitaus verbreitetere,  Krebsarten ausgedehnt – bei bisher überschaubarem Nutzenzuwachs für die Versicherten", erläuterte Deh. "Dieser kleine Nutzen darf den Krebspatienten nicht vorenthalten werden, der überhöhte Preis hierfür ist aber nicht gerechtfertigt."

Im Unterschied zu Medikamente gegen "Volkskrankheiten" wie Bluthochdruck oder Diabetes, die in umfangreichen Studien an einer großen Zahl von Patienten erprobt würden, fehlen deshalb nach Darstellung Dehs insbesondere bei onkologischen Arzneimitteln, die auch schwerwiegende Nebenwirkungen haben könnte, belastbare Daten zur Überprüfung des tatsächlich eintretenden Langzeitnutzens. Deshalb könne auch der Gemeinsame Bundesausschuss nur auf Basis begrenzter Daten einen Zusatznutzen bestimmen.

"Bei der Nutzenbewertung arbeitet man also immer öfter mit einem sehr großen Vertrauensvorschuss – gerade auch für die chronischen Erkrankungen", konstatierte Deh. "Die Unternehmen müssen aber auch in der Lage sein, auf Basis von Studien diesen Vertrauensvorschuss nach und nach einzulösen." Die AOK fordere deshalb, auch nach der Nutzenbewertung die Daten weiterer obligater Langzeit-Studien regelhaft in eine erneute Bewertung einfließen zu lassen.

"Arzneimittelzulassung auf der Überholspur"

In den letzten Jahren, so Deh, sei zu zudem beobachten, dass Pharmahersteller zunehmend teure Nischenmedikamenten für eher seltene Krankheiten auf den Markt brächten - zum Beispiel Untergruppen von sehr seltenen Krebserkrankungen. "Nach Festlegung eines hohen Preises für die kleine Gruppe wird in weiteren Schritten dann das Anwendungsgebiet der Onkologika sukzessive auf andere, weitaus verbreitetere,  Krebsarten ausgedehnt - bei bisher überschaubarem Nutzenzuwachs für die Versicherten", erläuterte Deh. "Dieser kleine Nutzen darf den Krebspatienten nicht vorenthalten werden, der überhöhte Preis hierfür ist aber nicht gerechtfertigt."

Die Europäische Arzneimittelbehörde erlaube für entsprechende Medikamente inzwischen eine Art "Arzneimittelzulassung auf der Überholspur". Im Unterschied zu Medikamente gegen "Volkskrankheiten" wie Bluthochdruck oder Diabetes, die in umfangreichen Studien an einer großen Zahl von Patienten erprobt würden, fehlen deshalb nach Darstellung Dehs insbesondere bei onkologischen Arzneimitteln belastbare Daten zur Überprüfung des tatsächlich eintretenden Langzeitnutzens: "Unser Wissen über die tatsächliche Risiko-Nutzen Bilanz ist damit deutlich geringer als bei den klassischen Blockbustern mit der methodisch hochwertigen und breiteren Studienlage – und dies bei Medikamenten, die auch sehr schwerwiegende Nebenwirkungen haben können."

In der Folge könne auch der Gemeinsame Bundesausschuss nur auf Basis der begrenzten Daten einen Zusatznutzen bestimmen, monierte Deh. "Bei der Nutzenbewertung arbeitet man also immer öfter mit einem sehr großen Vertrauensvorschuss - gerade auch für die chronischen Erkrankungen. Die Unternehmen müssen aber auch in der Lage sein, auf Basis von Studien diesen Vertrauensvorschuss nach und nach einzulösen."

Die AOK fordert deshalb, die Nutzenbewertung nicht nach der Zulassung einzustellen. Deh: "Nach der Nutzenbewertung müssen die Daten weiterer obligater Langzeit-Studien regelhaft in eine erneute Bewertung einfließen."