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G+G 01/17: Griechische Trägödie

Wie die Gesundheit der Hellenen unter der Wirtschaftskrise leidet

Titelbild:  G+G 01/17

Patienten, die ihre Krankenversicherung nicht mehr zahlen können; Kliniken, die Spenden brauchen - die Finanzkrise beutelt das griechische Gesundheitswesen. Die Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe des AOK-Forums "Gesundheit und Gesellschaft" (G+G) widmet sich einem Aspekt der "Griechischen Tragödie" abseits von Rettungsprogrammen, Schuldenschnitten und Haushaltsdefiziten.

Außerdem geht es um die Pflegeausbildung. Deren Vereinheitlichung ist politisch weiter umstritten. Die Berliner Wannsee-Schule hingegen bildet schon seit Längerem generalistisch aus. Warum die Politik der Realität hinterher hinkt, erläutert Diplom-Pflegepädagogin Christine Vogler.

Die G+G-Reportage "Gemeinschaft im Vergessen" berichtet darüber, wie demenzkranke Menschen in einer Bremer Wohngemeinschaft den Alltag meistern. Und ein Blick nach Pakistan zeigt, wie ein neues Impfkonzept der Kinderlähmung dort ein Ende bereiten soll.

"Wir haben einfach zu viele Häuser"

Foto: Prof. Dr. Reinhard Busse

Prof. Dr. Reinhard Busse

434 Krankenhäuser weist das deutsche Krankenhaus-Verzeichnis aktuell allein nur für das größte deutsche Bundesland Nordrhein-Westfalen aus. Das seien mehr als genug für ganz Deutschland, sagt ein Thesenpapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Aktuell gibt es in Deutschland knapp 2.000 Kliniken. Der Gesundheitsökonom und Humanmediziner Prof. Dr. Reinhard Busse ist einer der Autoren des Thesenpapiers. Im G+G-Interview verteidigt er die auf den ersten Blick provokante These und verweist auf die europäischen Nachbarn: "Ob wir uns bei der Krankenhausdichte nun mit Dänemark oder Österreich vergleichen, wir gelangen immer zu einer Zahl von 300 bis 400 Krankenhäusern."

Insgesamt sei der deutsche Krankenhaussektor zu groß, so die Kritik. Zu wenig Personal verteile sich auf zu viele Häuser. Die Folge: zu wenig Expertise in den einzelnen Kliniken. "Es gibt gar nicht so viele Fachärzte, um in jedem Krankenhaus jede Nacht für die wichtigsten Fachgebiete Experten vorzuhalten", sagt der Busse und rechnet vor: "Wir verteilen täglich 600 Herzinfarktpatienten auf knapp 1.400 Akutkliniken, jede versorgt also etwa drei pro Woche. Es leuchtet ein, dass das qualitativ ungenügend ist."

Das Thesenpapier der Leopoldina stützt somit Forderungen nach mehr Mitsprache der Krankenkassen bei der Krankenhausplanung.

Gebt Resistenzen keine Chance

Foto: Dr. Volker Westerbarkey

Dr. Volker Westerbarkey

Das Problem der Antibiotika-Resistenzen betrifft Menschen in reichen Industrienationen genauso wie Menschen in ärmeren Ländern. "Darum müssen wir globale Lösungen finden", fordert Dr. Volker Westerbarkey im G+G-Einwurf und warnt: "Gegen bakterielle Infektionen wie Tuberkulose gibt es zu wenig Wirkstoffe." Der 45-Jährige ist seit Mai 2015 Präsident der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen".

Ein Kernproblem liegt für Westerbarkey in der Funktionsweise der biomedizinischen Forschung. "Sie ist in erster Linie am finanziellen Gewinn orientiert, den große Pharmaunternehmen dank des Patentsystems erzielen", so seine Kritik. Forschung und Innovation richteten sich nicht nach den gesundheitlichen Bedürfnissen der Menschen.

Große Hoffnung setzt Westerbarkey in die Bundesregierung. Denn am 1. Dezember 2016 hat Deutschland die Präsidentschaft der G20-Staaten übernommen. "Es ist gut und wichtig, dass die Bundesregierung die Antibiotika-Resistenzen auf die Agenda der G20 gesetzt hat. Denn um zu verhindern, dass es gegen heute noch behandelbare Krankheiten bald keine Mittel mehr gibt, muss jetzt etwas passieren", sagt der Allgemeinmediziner.